Eigentlich reicht es: Dieses ungute Gefühl schleicht sich irgendwann in jede Beziehung ein. Schön ist es an dem Punkt schon länger nicht mehr, andauernd gibt es Stress, man hat einander auf verschiedene Arten bereits hintergangen. Doch aus all dem zieht man keine Konsequenzen, man lässt die Dinge laufen. Man quält sich lieber weiter, als sich eine Zukunft ohne den anderen vorstellen zu müssen. Eine Trennung tut ja auch demjenigen weh, von dem sie ausgeht. Vor dem Moment drückt man sich, solange man es gerade noch aushält.

Sogar dann, wenn es gar nicht darum geht, sich von einem Menschen zu trennen. Sondern von einer Social-Media-Plattform. Es führt kein Weg an der traurigen Erkenntnis vorbei: Unser Verhältnis zu Facebook hat über die Jahre doch tatsächlich Züge einer echten Beziehung angenommen. Der Gedanke, sich dort endgültig abzumelden, das eigene Profil zu löschen, fühlt sich an, als müsse man mit einem einst mindestens sehr gemochten Menschen Schluss machen.

Obwohl die Beziehung zu Facebook seit Jahren dysfunktional ist, eine einzige Aneinanderreihung von Enttäuschungen: nervtötende Algorithmenveränderungen, nervtötende neue Funktionen, nervtötende Enthüllungen zum Datengebrauch. Anlässe, sich von Facebook zu verabschieden, hat es genug gegeben, vergangene Woche, vergangenen Monat, vergangenes Jahr, andauernd. Doch kaum jemand tut es. Wir schaffen es irgendwie nicht heraus aus dieser kaputten Beziehungskiste. Das Ausziehen aus der gemeinsamen sozialmedialen Bleibe wäre halt auch mit erheblichem logistischen Aufwand verbunden. Einen Großteil seiner privaten Kommunikation hat man auf Facebook organisiert, dazu den Geburtstagskalender und die Freizeittermine. Eigentlich banales Zeug. Aber es an einem Ort versammelt zu wissen, ist sehr bequem.

Facebook ist ein permanenter Begleiter

So weit hat Facebook einen also gekriegt: Mit dieser Aussage könnte man sich als Nutzer und Nutzerin selbst entlasten. Es gibt wohl tatsächlich keine Netzplattform, die vergleichbar tief und dauerhaft nicht nur in den Alltag, sondern auch ins Gefühlsleben von Menschen vorgedrungen ist. Auf Datingapps oder gar Websites, wo sich Leute gezielt zum Sex verabreden, zeigt man nur vermeintlich viel intimere Seiten von sich selbst – denn dort kann man anonym unterwegs sein, unbeobachtet vom eigenen sozialen Umfeld. Und bei OK Cupid oder Tinder meldet man sich in aller Regel gleich wieder ab, wenn man jemanden gefunden hat, schon als Vertrauensbeweis gegenüber diesem jemanden. Das eigene Suchen ist beendet, bestenfalls kehrt man nie wieder zurück dorthin, wo die einsamen Herzen im Netz schlagen.

Facebook hingegen ist ein permanenter Begleiter, eine Dauerpräsenz im eigenen Leben, eine nicht enden wollende platonische Affäre mit einer Aufmerksamkeitssteuerungsmaschine. Auch wenn man seinem Profil dort einen Fantasienamen geben kann, macht man sich dort nicht völlig unkenntlich, denn die eigenen Leute sollen einen finden. Verbindung herzustellen zu Freunden, Bekannten, Kollegen, ja sogar zu Menschen, deren Namen man nie zuvor gehört hat, das war die ursprüngliche Grundfunktion von Facebook. Sie erschien gar nicht sonderlich invasiv: Facebook stellte lediglich einen sozialmedialen Raum zur Verfügung, in dem sich Menschen rund um die Uhr und über alle geografischen Distanzen hinweg begegnen konnten. Doch Facebook drängte sich bald auf. Es selbst wollte auch ein Freund seiner User sein, der beste digitale, den man finden konnte im Netz.

Einer jedoch, der einen ewig stalkt. "Was machst du gerade?", fragt Facebook bei jedem Öffnen der Seite oder App. Als könnten die freundlichen Algorithmen es gar nicht erwarten, von den neuesten Alltagsabenteuern der Nutzer zu hören. "Ich habe gerade mein Smartphone in der Hand und dich geöffnet, reicht dir das nicht?", so würde eine faktisch korrekte Antwort an Facebook lauten. Die man selbstverständlich nicht eintippt, denn alle menschlichen Freunde könnten ja mitlesen, und die erwarten schon etwas mehr von einem als Fakten für ihre Likes. Gefühl, echtes Drama. Oder wenigstens einen guten Witz, eine kluge Bemerkung, einen Link zu einem schönen Text auf einer seriösen Website.