Das ist genau das, was uns noch gefehlt hat zum Glück beim allmählichen Ertrinken in Bilderfluten: Nachdem YouTube der Menschheit einst die schier unglaubliche Freiheit geschenkt hat, dass wirklich jeder Fernsehen machen kann (oder so etwas Ähnliches), schenkt Instagram der Menschheit nun die schier unglaubliche Freiheit, dass wirklich jeder Fernsehen machen kann (oder so etwas Ähnliches) – aber im Handyvideoformat hochkant!

Okay, es klingt also nicht wirklich nach einer mediale Revolution, was Instagram-CEO Kevin Systrom da nun bei einem Event in San Francisco vorgestellt hat: IGTV heißt die neue Videoverlängerung der ursprünglichen Foto-Sharing-App und ist eindeutig als Konkurrenzformat vor allem zu YouTube und Snapchat gedacht. Bislang konnten Nutzerinnen und Nutzer von Instagram nur sekundenkurze Clips dort hochladen, IGTV erlaubt nun eine Länge von bis zu 60 Minuten. In den kommenden Wochen werden alle Instagram-User die IGTV-Erweiterung bei einem Update dazubekommen. Doch wer es gar nicht aushält, kann sich schon jetzt eine von Instagram getrennte, eigenständige IGTV-App herunterladen.

Systrom teilte zudem mit, seine Plattform habe die Grenze von einer Milliarde Nutzer überschritten. Kein Fernsehsender auf der Welt hat auch nur annähernd so viele potenzielle Zuschauer, insofern ist IGTV zumindest eine symbolische Geste gegenüber wirklich allen Anbietern von bewegten Bildern: Instagram möchte auf dem Smartphone der beherrschende Lieferant dafür sein.

Rundgang mit Kim, Bierdusche mit Bayern

Die beliebtesten Videos wenige Stunden nach dem Start von IGTV, sind bislang unter anderem: ein Ladenrundgang mit Kim Kardashian (OMG, she's so excited to give us a tour!), ein verschüttendes Video des FC Bayern München mit dem Titel Best of Bierduschen (Superzeitlupe, Superschwall), außerdem hat Lady Gaga denselben Trailer zu ihrem Film A Star Is Born hochgeladen, den man auch schon vor ein paar Tagen auf YouTube hätte sehen können. Dazwischen finden sich Clips von ein paar deutschen Instagram-Influencern, deren Namen nur 14-Jährige kennen und die in ihren Video-Selfies in erster Linie ihre grundsätzliche Begeisterung äußern. Für was genau, ist nicht immer klar.

Der erste Einblick in IGTV dürfte Kulturpessimisten ein weiteres Mal bestätigen: Es ist alles ganz, ganz furchtbar in diesen sozialen Medien, von denen ja auch Instagram eines ist. Und es wird alles nur noch furchtbarer.

Im Prinzip ist IGTV eine Erweiterung der Stories-Funktion, die Instagram einst Snapchat abgeschaut hat: Leute filmen für ein paar Sekunden irgendwas oder irgendwen, meist sich selbst, und laden diesen audiovisuellen Beleg ihres faszinierenden Daseins auf die Plattform hoch zur allgemeinen Begutachtung durch Freunde und sonstige Zuseher. IGTV verlängert lediglich die Zeit gewaltig, die diese Clips dauern dürfen. Im Kleingedruckten der IGTV-Hilfeseiten findet sich allerdings eine wesentliche Einschränkung: Lediglich Menschen mit "größeren Konten und verifizierten Konten", also mit beträchtlicher Instagram-Gefolgschaft, dürfen Videos bis zu 60 Minuten Länge bei IGTV in ihren eigenen Kanälen posten; Normalsterblichen werden nur zehn Minuten Clipzeit eingeräumt. Der Influencer-Status entscheidet also künftig darüber, wie sehr man sich bei Instagram ausbreiten darf. Die Welt ist auch dort ungerecht.

Wenn man es gut meint mit IGTV, dann stellt es selbstverständlich eine weitere Demokratisierung des Mediums Fernsehen dar. Nicht nur ist heute potenziell jeder Sender und Empfänger, man braucht dafür lediglich ein Smartphone. Wobei Instagram lustigerweise von seinen Influencern verlangt, ihre IGTV-Langvideos nun von einem Computer aus hochzuladen. Die Armen werden künftig einen wesentlichen Teil ihrer Freizeit damit zubringen, auf ihren Desktop-Monitoren einem Ladestatusbalken beim Kriechen zuzuschauen – die dreieinhalb Gigabyte, die ihre Clipfiles groß sein dürfen, werden zumindest übers langsame deutsche Netz eine Weile brauchen bis zu den Instagram-Servern.

Wie viel Lebenszeit und (außerhalb von WLAN-Netzen) Datenvolumen jedoch Instagram-Nutzer bereit sind darauf zu verwenden, lange bis langatmige Videos von Berühmtheiten oder auch bloß ihrer echten Freunde auf dem Telefon anzuschauen, ist durchaus fraglich. Wie bei allen neuen Bewegtbildformaten in sozialen Netzwerken wird auch bei IGTV-Clips allein das Nutzerverhalten bestimmen, was dort wie lange zu sehen sein wird: Die Macher werden sich nach dem richten, was sich als populär erweist. Die Demokratisierung des Fernsehens durch Social Media ist eben stets eine der Nachfrage, die sich unmittelbar ihr eigenes Angebot schafft. Oder nicht.

Eine ganz andere Nachricht zu Instagram bekommt im Zusammenhang mit der Vorstellung von IGTV einen etwas seltsamen Beigeschmack: TechCrunch hatte vergangenen Monat berichtet, dass Instagram bald ein weiteres Feature mutmaßlich mit dem Namen Usage Insights in seine App integrieren werde, mit dem Nutzerinnen und Nutzer die Zeitspannen verfolgen können, die sie auf Instagram unterwegs sind; man werde sich individuell Erinnerungen einrichten können, die einen informieren, sobald man die selbstgesetzte Dauer überschreitet. Die Möglichkeit, sich gleichsam selbsttherapeutisch eine echte Instagram-Sperre nach einer bestimmten Nutzungsdauer aufzuerlegen, wird es demnach aber nicht geben. Systrom hat den Inhalt des Berichtes vor einigen Tagen bestätigt. Instagram reagiert mit diesem Feature erkennbar auf Kritik, dass die Firma ihre App exakt so gebaut habe, dass Menschen möglichst viel Zeit in ihr verbringen und dabei womöglich suchtähnliches Verhalten entwickeln.

Der Start von IGTV mit seiner Ausdehnung von Videoinhalten wirkt in dem Kontext, nett formuliert, absurd. Selbstverständlich ist diese neue Art des mobilen Fernsehens dazu gemacht, dass Nutzer künftig möglichst viel Zeit fürs Selbstfilmen und Zuschauen aufwenden. Statt in Bier sollen sie in noch mehr Bildern duschen. Na dann Prost.