Wenn eine Firma ihren potentiellen Kunden sehr klar bedeuten möchte, dass sie für einen ihrer Services bitte Geld bezahlen mögen, dann macht sie es so wie YouTube bei dem nun auch in Deutschland gestarteten Streamingdienst YouTube Music: Sie gestaltet die Gratisvariante derart benutzerfeindlich, dass der User nach spätestens fünf Minuten an ihr verzweifelt. Und entweder die App auf dem Smartphone gleich wieder löscht – oder sich erbarmt und ein kostenpflichtiges Abo abschließt.

Dass YouTube als ursprüngliche Videoplattform in den umkämpften Markt der Musikstreamingdienste eingreift, überrascht nicht. Das Schwesterunternehmen von Google im Alphabet-Konzern ist zwar spät dran, aber noch wächst dieser Markt so enorm, dass sich allein das Konkurrieren um mögliche Erstkunden bereits lohnt.

Spotify, Apple und Amazon sind die größten etablierten Mitbewerber bei dieser Dienstleistung: Nach eigenen Angaben hatte Spotify im Frühjahr weltweit 159 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten, 71 Millionen davon zahlende; Apple Music, bei dem es ausschließlich ein Bezahlmodell gibt, hat derzeit rund 40 Millionen Abonnenten; und Amazon, dessen kostenpflichtige Prime-Mitgliedschaft auch Musikstreaming beinhaltet, gibt traditionell zwar keine Zahlen heraus, dürfte aber allein schon wegen der vielen Prime-Kunden auf eine beachtliche Summe an Nutzerinnen kommen. Für die kleineren Anbieter wie Deezer oder SoundCloud dürfte der Streaming-Start von YouTube Music eine weitere von vielen schlechten Nachrichten in letzter Zeit sein – sie drohen angesichts der Konkurrenz unterzugehen.

Gleiches Produkt, viele Anbieter

Dabei ist die Dienstleistung im Grunde überall die gleiche: In Apps mit ähnlich gestalteten Benutzeroberflächen können dieselben Lieder meist in derselben Soundqualität abgespielt werden, die Monatsbeiträge bei kostenpflichtigen Abos betragen überall rund zehn Euro.

Der Unterschied liegt im Detail. Bei den nunmehr also zwei von vier Großanbietern, die auch Gratisabos mit Werbeunterbrechungen im Programm haben, liegt er allein im Bedienungskomfort beziehungsweise dessen Fehlen. Spotify lässt die nichtzahlenden Nutzer Songs nur im Shuffle-Modus hören, die Liederauswahl trifft der Streamingdienst weitgehend selbst. Bei YouTube Music können sich die User immerhin die Songs selbst aussuchen. Doch wird das Abspielen sofort gestoppt, sobald man aus der zugehörigen App aussteigt oder die Bildschirmanzeige des Telefons stromsparend ausgeht. Außerdem spielt die Gratisversion auf dem Smartphone stets zugleich das Musikvideo zum Lied mit ab – und entspricht somit weitgehend eigentlich dem, was man bislang von der Video-App von YouTube kennt, nur dass es zusätzlich Playlists gibt.

Wer unterwegs Musik hören und dabei nicht jeden Spaß verlieren möchte, wird im Fall von YouTube Music fast zwangsläufig die Bezahlvariante wählen. Zudem erinnert einen die Gratisversion recht hartnäckig mit Einblendungen daran, wie viel toller das Musikerlebnis im Abo wäre. Allerdings spielt die App die Songs zumindest vorläufig in minderer Soundqualität, erstaunlicherweise auch in der kostenpflichtigen Version: Die Kompressionsrate der Audiofiles beträgt 128 Kilobit pro Sekunde, 256 Kilobit sind üblich bei anderen Streamingdiensten.

Das Besondere bei YouTube Music soll in der Güte der Algorithmen liegen, die sollen überaus lernfähig sein und sich daher umso mehr dem Musikgeschmack der Hörerinnen und Hörer annähern, je öfter diese die App nutzen. Das scheint auch nötig, manche bei der Erstbenutzung vorgegebene Kategorientitel von Playlists ("Spaß beim Arbeiten", "Energiekick für dich", "Voll im Fokus") möchte man als User wohl möglichst bald vom Bildschirm wegspielen und durch Playlists ersetzen, deren Namen einen etwas weniger deprimieren.

Langfristig geht es um mehr als nur Musikstreaming

YouTube Music löst perspektivisch Google Play Music ab, den bestehenden Musikstreamingdienst der Konzernschwester, dessen zahlende Abonnenten den YouTube-Dienst einstweilen mit eingeschränkten Funktionen dazu bekommen. Wie viele Nutzerinnen und Nutzer der Google-Dienst bisher hat, lässt sich kaum beurteilen, große Erfolgsmeldungen gab es jedoch nie. YouTube wird schon allein wegen des Namens weit mehr mit Musik identifiziert als Google, daher erscheint die Einrichtung dieser neuen Streamingplattform unter dem YouTube-Signet folgerichtig.

Der Launch lässt sich auch als strategische Entscheidung in einem noch größeren Wettbewerb der Vertreiber nicht nur von Musik, sondern auch von Videoinhalten verstehen. YouTube bietet für seine Musikstreaming-App nämlich ebenfalls ein Abo namens YouTube Premium für 11,99 Euro an, mit dem Userinnen künftig auch Eigenproduktionen der Videoplattform ansehen können. Damit sind in einer App sowohl das Musik- als auch Videostreaming vereint, dieses Argument könnte manche Nutzerinnen und Nutzer überzeugen, die dafür bereit sind Geld zu bezahlen.

YouTube positioniert sich damit zugleich nicht nur gegenüber Netflix und Amazon Prime Video, die Serien und Filme streamen und schon lange vor allem auf Eigenproduktionen setzen, sondern auch gegenüber Apple und Facebook, die ebenfalls exklusive Videoformate produzieren lassen. Sogar Instagram, eigentlich mal als bloße App für das Teilen von Fotos gestartet, wird am Donnerstag, dem Vernehmen nach, einen Kanal für längere Videos vorstellen. Während YouTube in der ursprünglichen Funktion als freiverfügbarer Plattform für Bewegtbilder im Netz keine Konkurrenz mehr zu drohen scheint, erwächst ihr also von ganz anderer Seite neue.

Wie wollen wir unterhalten werden?

Und alle kämpfen um eine begrenzte Ressource: unsere Aufmerksamkeit. Gerade während wir unsere Smartphones benutzen, in Sachen Musik aber auch unsere smarten Lautsprecher wie Amazon Echo, Google Home und künftig Apple HomePod.

Langfristig stellt sich die Frage, welche Inhalte in welcher Form weiterhin kostenlos sein werden – und welche Anbieter es mit welchen Inhalten schaffen, zahlende Abonnenten zu gewinnen. Insbesondere für Spotify, das im Gegensatz zu allen anderen Konkurrenten einzig Musik und keine Bewegtbilder irgendeiner Art liefert, könnte das entscheidend sein: Möchten Menschen künftig weiterhin ihre Musik getrennt in einer App verwalten? Und andere Arten der Unterhaltung in anderen Apps untergebracht wissen, in einer für Filme und Serien zum Beispiel, einer für Kurzvideos? Oder sehnen sie sich eher nach einer zentralen Entertainmentplattform, nach einem Icon auf dem Smartphone-Display, hinter dem alles Platz hat?

Apple wollte letzteres immer bieten, hat allerdings den Erfolg von Netflix und Amazon Prime Video beim Streaming von Serien und Filmen nicht vorhergesehen und versucht weiter, Menschen genau solche Serien und Filme zu verkaufen. Amazon bietet schon alle Arten von Unterhaltung aus einer Hand in verschiedenen Apps, war im Gegensatz zu Apple und Google aber nicht sonderlich erfolgreich dabei, eigene Smartphones und Betriebssysteme zu entwickeln für das mobile Entertainment. Und Google schließlich schafft mit YouTube Music jetzt zumindest die Voraussetzungen für eine umfassende Super-App.

Die Entscheidung, auf welcher Art und Weise wir uns unterhalten lassen wollen, liegt ganz bei uns. Kostenlos jedoch wird davon wohl keine mehr sein. Jedenfalls keine, die wirklich Spaß macht.