Die Kinder bauen mit der Spitzhacke Rohstoffe ab und machen daraus Barrikaden. Oder Treppen, um einen Hang zu erreichen, auf dem es was Interessantes gibt, golden schimmert da eine seltene Waffe, eine Doppelpistole. Richtet 40 Schaden an.

"Ich muss endlich einen Kill schaffen!"

Die Kinder spielen reihum. Ein Durchgang dauert so lange, wie man sich eben am Leben hält auf der Insel, meist zehn bis 15 Minuten. In unserem Spielmodus gehen zwei Teams aus je 50 Leuten aufeinander los. Figuren aus unserem Team sind mit einer Art weißem Haken markiert. Trägt eine Figur keinen, schießt man am besten drauf. Doch nach einer Stunde hat noch keiner der drei Jungs auch nur einen einzigen Gegner erschossen. Sie spielen defensiv, verstecken sich, überleben im Gebüsch oder in Holzhütten. Und diskutieren über Fortnite.

"Es gab auch mal eine Boogie-Bombe, die zwingt Gegner einfach zum Tanzen."

So seltsam das Spiel in seinen Details ist, so ungewöhnlich ist auch die Art, wie die Welt es aufnimmt. Es gibt immer wieder bizarre, manchmal besorgniserregende, manchmal bloß erstaunliche Fortnite-Meldungen. Eine englische Schule hat den Zahnseidetanz verboten, den Figuren im Spiel aufführen können und Kinder auf der ganzen Welt darum im realen Leben nachmachen. Der, so die Begründung der Rektorin, erinnere an das "gewalttätige" Spiel. Eine Neunjährige soll wegen Fortnite-Sucht von ihren Eltern in Therapie geschickt worden sein, sie habe auch nachts das Spiel nicht abschalten können. Der Hersteller Epic Games klagt vor Gericht gegen einen 14-Jährigen, der einen cheat verwendet hat, also geschummelt hat, und auf YouTube vorführte, wie das geht. Der Rapper Drake spielte Fortnite öffentlich auf dem Onlinedienst Twitch und hatte über 600.000 Zuschauer – Weltrekord.

Und als Antoine Griezmann im WM-Finale das 2:1 gegen Kroatien schoss, tanzte er den loser dance (auch: "Take the L") aus Fortnite: Man formt ein L mit Daumen und Zeigefinger, legt es an die Stirn und stampft mit den Füßen abwechselnd auf den Boden. Das Gehampel dürfte im Fernsehen kaum ein Erwachsener verstanden haben, auch der Schiedsrichter nicht. Sonst hätte er eigentlich Gelb geben müssen wegen Verhöhnung des Gegners. Alle Kinder und Jugendlichen, die das Finale gesehen haben, dürften sofort begriffen haben, was Griezmann da tat.

Endlich wissen die Kinder mal alles

"Kann man Schaden nehmen, wenn man gegen einen Kaktus rennt?", fragt nun einer der Jungen seine Sofanachbarn. Sofort wird das ausprobiert. Wir sind jetzt in Level fünf. Es gibt eine neue Fähigkeit, unsere Figur kann das Graffito eines Schlosses an Wände im Spiel sprayen. Die Jugendlichen fachsimpeln über gute Waffen und debattieren, welche die beste Befestigung für Barrikaden ist. Ich lausche einer hochkonzentrierten Expertengruppe. Vielleicht ist es genau das, was ein derart erfolgreiches Spiel ausmacht: Es schafft Geheimwissen.

Man muss sich nur mal in die Welt eines Zwölfjährigen in Deutschland versetzen. Der Übergang auf die weiterführende Schule ist mit knallhartem Leistungsdruck verbunden. Bei uns, in Berlin-Kreuzberg, wurden an einem Gymnasium alle Schüler abgewiesen, deren Notenschnitt schlechter als 1,4 war. Ständig wird diesen Kindern irgendetwas von Erwachsenen erklärt, überall gibt es Regeln, oft sind sie komplex. Bei Fortnite wissen die Kinder alles, die Erwachsenen sitzen mit offenem Mund daneben und stellen dumme Fragen.

"Das Forschungslabor hier, die Wüste, den Krater, das gab es früher nicht", erklärt mir einer der jungen Gamer. "Auch die Spielmodi ändern sich. Zurzeit kann man 50 gegen 50 spielen, nächste Woche dann nicht mehr. Dann kommt etwas Neues." Während er das erzählt, zertrümmert er auf dem Bildschirm ein Jugendzimmer, das er im Kartenbereich Pleasant Park gefunden hat.