Vier Stunden sind Unter-30-Jährige im Schnitt täglich online. Bei manchen summt das Telefon selbst nachts. Ob das ungesund ist, den Schlaf raubt, süchtig macht – darüber reden wir hierzulande, seit es Handys gibt. Im Silicon Valley, dessen Tech-Firmen das Netz ebenso wie den Smartphone- und App-Markt bestimmen, scheint diese Debatte erst loszugehen. Apple und Google reagieren nun: Ihre Betriebssysteme Android und iOS sollen bald erstmals Tools enthalten, mit denen Smartphonebesitzer ihr Nutzerverhalten überwachen können. Instagram plant Ähnliches für seine App.

David Levy von der University of Washington in Seattle rief schon vor zwei Jahren in seinem Buch "Mindful Tech" zum bewussteren Umgang mit Technologie auf. Ob uns dabei ausgerechnet die Technologie selbst helfen kann? Darüber haben wir mit dem Computerwissenschaftler gesprochen.

ZEIT ONLINE: Herr Levy, ist der Eindruck richtig, dass in den USA der Handygebrauch erstmals kritisch diskutiert wird?

David Levy ist Professor an der Information School der University of Washington in Seattle. Zuvor hat er knapp anderthalb Jahrzehnte am Think Tank Xerox PARC im kalifornischen Palo Alto geforscht. © University of Washington Information School

David Levy: Ja, das nehme ich auch so wahr. Insbesondere die Leute im Silicon Valley haben sich lange gewehrt, ausdauernde Benutzung von technischen Geräten als Suchtverhalten zu qualifizieren. Doch nun verschiebt sich die öffentliche Debatte und zum ersten Mal geben auch Tech-Leute zu: Wir haben ein echtes Problem.

ZEIT ONLINE: In Europa und gerade in Deutschland existiert traditionell eine gewisse Technologieskepsis. Ergreift die nun auch die sonst so aufgeschlossenen Amerikaner?

Levy: Alles Digitale zu feiern, es vorbehaltlos und unhinterfragt anzunehmen, das war lange nicht nur im Silicon Valley üblich, sondern in der amerikanischen Kultur schlechthin. Es schien Teil einer größeren Erzählung zu sein, die von der westlichen Begeisterung für den Fortschritt und für das Neue handelt. Dagegen mochte kaum jemand sein. Nun aber gibt es eine substanzielle Veränderung, und die finde ich gut. Smartphones und die Apps darauf sind zwar extrem nützlich im Alltag, doch sie können eben auch schädlich sein. Wir brauchen diese Geräte, dennoch sind sie problematisch.

ZEIT ONLINE: Woran machen Sie den möglichen Wandel fest?

Levy: Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Ich war kürzlich als Eröffnungsredner zu einem Reverse Hackathon in San Francisco eingeladen, wo Tech-Leute potenzielle Probleme in Apps identifizieren und lösen sollten. Erstaunlich viele von ihnen entschieden sich dafür, sich mit möglicherweise Sucht auslösenden Aspekten von Apps zu beschäftigen. Einige nahmen in ihren Präsentationen dann Bezug auf das Buch Hooked von Nir Eyal. Der hat vor vier Jahren beschrieben, wie man Apps konzipiert, von denen User geradezu abhängig werden. Als das erschien, wurde es noch als eine Gebrauchsanweisung gefeiert. Heute zitieren es Silicon-Valley-Leute, um vor dem zu warnen, was drinsteht.

Soziale Anerkennung als Suchtmittel

ZEIT ONLINE: Gibt es denn neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur These der Smartphone-Abhängigkeit?

Levy: Nein. Es gibt aber eine neue Bereitschaft, mitunter bereits jahrzehntealte Kritik an der Digitalkultur erstmals ernst zu nehmen und womöglich etwas an dieser Kultur zu verändern. 

ZEIT ONLINE: Was sind aus Ihrer Sicht die Designfeatures etwa bei Apps, die vermeintlich abhängig machen könnten?

Levy: Zuvorderst die Belohnungssysteme in sozialen Medien. Es ist ja mittlerweile bekannt, dass manche Plattformen diese Likes zunächst zurückhalten und erst über einen längeren Zeitraum verteilt den Nutzern anzeigen – damit die wieder und wieder die App öffnen, um Reaktionen auf ihre Posts zu prüfen. Dieses Setzen von Reizen folgt psychologischen Erkenntnissen zur variablen Verstärkung: Belohnungen werden in unregelmäßigen Abständen gegeben, die Nutzer springen darauf an und fühlen sich durch soziale Anerkennung belohnt. Außerdem gibt es Bedenken dazu, wie Farben, Klänge und Bewegung innerhalb von Apps eingesetzt werden. Digitalkritiker wie der ehemalige Google-Mitarbeiter Tristan Harris, der die Kampagne Time Well Spent gestartet hat, empfehlen deshalb zum Beispiel, dass man sein Smartphone grundsätzlich auf schwarz-weiß umstellen solle.