Als am Freitagmorgen das Ausmaß der Profillöschtage auf Twitter sichtbar wurde, da war die Plattform selbst der größte Verlierer. Zumindest symbolisch: Der eigene Firmenaccount, dem zuletzt 62,9 Millionen User gefolgt waren, hatte über Nacht plötzlich 7,8 Millionen Follower weniger. Ganz oben auf dem Profil war noch ein zwei Tage alter Tweet angeheftet, in dem die aktuelle Aktion des Social-Media-Unternehmens angekündigt worden war: Weil man sich dazu verpflichtet fühle, Vertrauen aufzubauen und "gesunde Unterhaltungen" auf Twitter anzuregen, werde man eingefrorene Accounts nunmehr sukzessive löschen. Am Donnerstag ging es los – und insbesondere Menschen mit großer Twitter-Gefolgschaft durften feststellen, dass diese kleiner wurde.

Vor einigen Tagen bereits hatte die Washington Post enthüllt, was sich bei Twitter ankündigte. Der Kurznachrichtendienst hatte den Inhalt des Post-Artikels dann bestätigt: Die Plattform hat im Laufe der Monate Mai und Juni insgesamt 70 Millionen verdächtig erscheinende Profile eingefroren. Seit Langem hat Twitter, das zuletzt laut eigenen Angaben 336 Millionen monatliche Nutzerinnen und Nutzer hatte, mit Accounts zu kämpfen, die irgendwann mal gehackt wurden oder hinter denen automatisierte Bot-Armeen, Spam-Schleudern oder schlicht erfundene Personen stecken.

Jetzt werden die Trolls weggetrollt

Twitter sperrt zwar routinemäßig Konten, deren Besitzer etwa gegen die Community-Standards verstoßen haben oder bei denen der Dienst eine deutliche Veränderung der Aktivitäten feststellt, weil das auf missbräuchliche Nutzung schließen lässt. Die Löschaktion ist nun jedoch das erste echte Großreinemachen auf der Plattform, die sich womöglich aufgrund anhaltend schlechter Publicity dazu gezwungen sah. Twitter war ähnlich wie Facebook ein sozialmedialer Hauptkanal von Beeinflussungskampagnen, die während des US-Präsidentschaftswahlkampfes 2016 etwa von den Troll-Armeen der russischen Firma Internet Research Agency ausgingen und die offenbar der Kandidatur Donald Trumps nutzen sollten. Der Sonderermittler Robert Mueller hat im Februar in der Sache Anklage gegen mehrere Russen erhoben. 

Freitag hatte Donald Trumps Twitter-Profil plötzlich weniger Follower. © Screenshot ZON

Eine der überraschenden Erkenntnisse der Löschaktion ist, dass der amtierende US-Präsident und tweeter in chief vergleichsweise wenige Follower verliert. Nur 300.000 von zuletzt 53,4 Millionen sind bei Trump seit Donnerstag verschwunden – obwohl immer wieder spekuliert worden ist, dass sich gerade Trumps Reichweite bei Twitter erheblich aus automatisierten Jubel-Trollen speise. Sein Amtsvorgänger Barack Obama hingegen, dem knapp doppelt so viele (vermeintliche) Menschen auf Twitter folgen, hat auf einen Schlag drei Millionen Follower weniger.

Da ergeht es Obama ähnlich wie den ziemlich unpolitischen Popmusikern, die jeweils die größten Twitter-Gefolgschaften weltweit auf sich vereinen und nun ebenfalls weniger Follower verzeichnen: Katy Perry und Justin Bieber je drei Millionen Follower, Lady Gaga 2,5 Millionen, Rihanna 2,2 Millionen, Justin Timberlake 1,8 Millionen. So hoch die absoluten Zahlen, so gering erscheinen jedoch die relativen Verluste an Followern. Sie betragen meist nur zwischen rund zwei und fünf Prozentpunkten der jeweils bisherigen Twitter-Fanschar.