Vielleicht lässt sich etwas so Existenzielles wie die Sorge um das eigene Zuhause und vor dem, was man Wohnungsnot nennt, ja kaum rational betrachten. Wenig betrifft einen derart unmittelbar, wenig geht derart nah wie die Angst davor, nicht mehr zu wissen, wo und wie man künftig leben wird. Selbst für Menschen, die nichts mit dem Begriff Heimat anfangen können, weder emotional noch intellektuell, ist der drohende Verlust des Ortes, an dem man ist und mutmaßlich sein will, eine tiefe Erschütterung.

Und deshalb ist es gar nicht so absurd, dass es zum Beispiel in Berlin so weit kommen konnte: Die temporäre Vermietung von privaten Unterkünften an Touristen wird von offenbar nicht wenigen Menschen dort ernsthaft für einen Hauptauslöser von Mietpreissteigerungen und beginnender Wohnungsnot gehalten. Und die politischen Entscheidungen der Stadt in den vergangenen Jahren müssen diesen Eindruck eher bestärkt haben.

Es ist, als habe man einen Schuldigen gesucht und gefunden. Und zwar in einer Firma aus Kalifornien, dem Land, aus dem alles Fortschrittliche, Digitale zu kommen scheint. Leider aber auch irgendwie alles Böse. Die Zukunft (oder was dafür gehalten wird) bricht mit der ganzen Macht der unregulierten disruption nicht nur über die digitale Welt herein, etwa in Form von sozialen Medien. Sondern verändert im Fall der Home-Sharing-Plattform Airbnb aus San Francisco sogar die reale Welt. Vor allem in Großstädten, in denen viele Menschen leben möchten und in die andere gern reisen: New York, London, Paris, Barcelona und halt auch Berlin. Airbnb: Das ist ein wirklich sehr guter Buhmann. Wenn man es sich einfach macht.

Es geht um gut ein Prozent der Berliner Wohnungen

Zu einfach macht man es sich auch, stellt man den ganzen Ängsten und Sorgen, etwa von Berliner Mieterinnen und Mietern, bloß zwei nackte Zahlen gegenüber: In der deutschen Hauptstadt gibt es 1,92 Millionen Wohnungen. Airbnb listet knapp 25.000 Unterkünfte dort auf, in die man sich einmieten kann für ein paar Tage oder auch länger. Darunter findet sich alles, vom Gästezimmer mit Klappcouch bis zum riesigen Luxusloft. Es gibt auch Konkurrenzanbieter, doch die bringen nur wenige Tausend Angebote zusammen. Nur etwas mehr als ein Prozent der Wohnungen in Berlin also wird gelegentlich über Home-Sharing-Plattformen vermietet, oft sind es nur einzelne Zimmer. Das ist, im Großen und Ganzen der Wohnungsnot, fast nichts.

Viele Airbnb-Gastgeberinnen und -Gastgeber betreiben das Untervermieten dabei nicht als Geschäft. Sie verdienen sich so bloß etwas dazu. Um sich die eigene Wohnung weiter leisten zu können. Oder weil sie Berufspendler sind und die Bleibe in Berlin oft unnütz leer steht. Manche finanzieren sich so den Urlaub – in der Zeit, in der sie weg sind, lassen sie andere bei sich übernachten. Was spricht dagegen?

In Berlin: das Gesetz. Seit dem 1. August begehen Airbnb-Gastgeber gemäß des dort ursprünglich 2014 erlassenen und zuletzt novellierten Zweckentfremdungsverbots eine Ordnungswidrigkeit, sofern sie sich keine Registriernummer ausstellen lassen vom Bezirk, in dem sich die Wohnung befindet. Menschen, die mehr als die Hälfte der Wohnfläche ihrer Bleibe temporär vermieten, brauchen zusätzlich eine Genehmigung, deren Ausstellung erstaunliche 225 Euro kostet. Das höchstmögliche Bußgeld fürs Vermieten ohne diese Genehmigung beträgt 500.000 Euro. Die Stadt Berlin, so kann man es sehen, droht einem kleinen Teil ihrer Bürger also mit dem finanziellen Ruin, falls diese jemanden bei sich schlafen lassen.

Trotzdem haben zum Stichtag nach Recherchen etwa des Tagesspiegels nur rund 800 Menschen Anträge dazu gestellt. Die örtlichen Zeitungen und die urbane Gerüchteküche sind voll von abenteuerlichen Schilderungen: welche Unterlagen Antragsteller mitunter vorweisen sollen (etwa Urlaubsbestätigungen des Arbeitgebers, um eine Vermietung in der Zeit zu rechtfertigen); wie viele Wochen oder Monate über den Stichtag hinaus manche Bezirksämter für die Bearbeitung bräuchten; wie komplett unbrauchbar elektronische Eingabeverfahren zur Antragsstellung seien; dass scheinbar völlig erratisch Genehmigungen mal für drei Jahre oder bloß für eine einzige Vermietung erteilt würden.

Das alles klingt nach Berliner Beamtenstubenfolklore und hat mit der Grundkonstruktion dieser Stadt zu tun. Die besetzt zwölf mächtige Bezirke und einen rot-rot-grünen Senat, dessen Verwaltung es im Fall des Zweckentfremdungsverbots bislang nicht mal hinbekommen hat, eine Verwaltungsvorschrift zu erlassen, die den Genehmigungsprozess in der ganzen Stadt vereinheitlicht.

Jenseits aller Absurditäten ist die Causa "Berlin versus Airbnb" die vorläufig drastischste Zuspitzung eines Konflikts, der schon seit Jahren schwelt – nicht nur zwischen dieser einen Stadt und dieser einen Firma. Letztlich gibt es ihn überall dort, wo sich Großstadtbewohner bedroht fühlen durch zunehmende Touristenströme und unter dem Druck des Zuzugs von außen. Die Konfliktlinien verlaufen zwischen Menschen mit privatem Eigentum, solchen mit alten (billigen) Mietverträgen, solchen mit neuen (teuren), solchen mit einer Abscheu für Touristen, solchen mit Sorge vor dem Verlust der eigenen Wohnung und dem Vertriebenwerden aus ihren angestammten Vierteln.