Es ist eine dieser Geschichten, die erst mal spektakulär merkwürdig klingen. Ein Attentat soll verübt worden sein auf einen Staatsmann. Ausgeführt angeblich mit zwei Drohnen der Sorte, die man zwar nicht im Elektronikmarkt bekommt, aber problemlos online bestellen kann. Wer sollte auf solch eine abstrus klingende Anschlagsidee kommen? Warum so kompliziert? Wenn die Idee aber womöglich gar nicht so abwegig sein sollte: Geht dann von Freizeitdrohnen eine Gefahr aus, die weit größer sein könnte als diejenige, die ungeschickte Bruchpiloten solcher Fluggeräte darstellen, die ihre Kopter gern mal gegen Bäume fliegen oder in Seen versenken? Allein in Deutschland wurde nach Schätzungen der Deutschen Flugsicherung mittlerweile rund eine Million zumeist semiprofessionelle Drohnen gekauft. Sind all diese Dinger wirklich potenzielle Mordwaffen?

Bei dem vermeintlichen Anschlag auf das Leben des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro während einer Parade in Caracas am 4. August also sollen zwei DJI Matrice 600 (kurz: M600) als fliegende Sprengsätze eingesetzt worden sein. Dieses sechsrotorige Modell des chinesischen Weltmarktführers für Consumer-Drohnen kostet 5.699 Euro pro Stück. Es ist also kein Spielzeug mehr. Die M600 ist beliebt bei professionellen Kameraleuten, weil sie bis zu sechs Kilogramm Zuladung tragen kann – eine Film- oder mindestens gute Spiegelreflexkamera für Luftaufnahmen wiegt entsprechend viel. Bei dem angeblichen Attentatsversuch soll je ein Kilogramm C4-Plastiksprengstoff unter den beiden angeblich benutzten M600-Drohnen befestigt gewesen sein. Genug, um eine verheerende Wirkung auf der voll besetzten Zuschauertribüne zu hinterlassen, auf der sich auch Maduro befand. Bald nach dem Vorfall zeigte ein Regierungsvertreter vor der Presse das Produktblatt der DJI M600 in die Kameras.

Doch nicht nur weil Maduro ein autoritär regierender Potentat ist und zunächst vergleichsweise wenige Bilder von dem angeblichen Drohnenattentat kursierten, waren die ersten öffentlichen Medienreaktionen vorsichtig. Der Fall klang nach Räuberpistole. Schon gar, nachdem ein merkwürdiger vermeintlicher Bekennertweet aufgetaucht war und die Regierung Maduro Kolumbien bezichtigte, hinter dem angeblichen Attentat zu stecken. Auch die USA hätten geholfen, ja sogar die venezolanische Opposition.

Es ist vielleicht keine Räuberpistole

Das britische Open-Source-Recherchenetzwerk Bellingcat, das durch seine Nachforschungen zum Abschuss des Flugzeugs MH17 der Malaysia Airlines über der Ukraine im Jahr 2014 bekannt geworden ist, hat am Dienstag nun eine auf Videobildern und Fotos basierende erste Analyse veröffentlicht. Diese kommt zu dem vorläufigen Schluss: So, wie es aussieht, könnte der vermeintliche Attentatsversuch keine Räuberpistole gewesen, sondern wirklich ähnlich wie von venezolanischen Regierungsvertretern beschrieben geschehen sein.

Ein Bildausschnitt etwa zeigt ein anscheinend abgerissenes Teil einer Drohne, und das schaut aus, als habe es tatsächlich zu einer M600 gehört. Gefunden wurde es angeblich in der unmittelbaren Nähe der Paradestrecke vor einem Gebäude, in das eine der beiden Drohnen gestürzt sein soll. Dort soll die Drohne nach einer Detonation einen Wohnungsbrand verursacht haben.

Die Tribüne, auf der sich Maduro befand, hat zumindest nach Auswertung der verfügbaren Bilder keiner der beiden Hektakopter erreicht. Die Flugobjekte wären unübersehbar gewesen angesichts der Abmessungen des Drohnentyps von 1,6 mal 1,5 Metern. Die mit voller Zuladung 15 Kilogramm schwere M600 ist mit bloßem Auge selbst in größeren Höhen vom Boden aus erkennbar und aufgrund des Rotorengeräuschs auch weithin zu hören. Sogar ohne Sprengstoff darunter möchte man so ein Ding lieber nicht auf den Kopf kriegen, sollte es mal vom Himmel fallen. Weitere Aufnahmen scheinen die Zerstörung einer zweiten M600 in der Luft zu zeigen.

Die Herstellerfirma des Modells nimmt auf Anfrage von ZEIT ONLINE schriftlich Stellung: "DJI stellt Produkte ausschließlich für friedliche Zwecke her, und auf diese Weise nutzt sie auch die überwältigende Mehrheit der Drohnenpiloten. Wir verurteilen jede Form von Gebrauch, die jemandem Schaden zufügt. Während die Faktenlage (beim Vorfall in Caracas, d. Red.) noch unklar ist, sind wir bereit, Ermittlern Hilfestellung zu leisten, um eine missbräuchliche Verwendung unserer Technologie aufzuklären."