Seit 2011 leitet Jōichi (kurz: Joi) Itō das Media Lab des Massachusetts Institute of Technology. Seine Berufung an die 1985 gegründete Fakultät der Eliteuniversität war damals auch insofern aufsehenerregend, als dass Itō weder einen Hochschulabschluss noch eine akademische Karriere gemacht hatte. Der 1966 in Kyoto geborene Itō ist als Internetaktivist bekannt geworden und als Risikokapitalgeber: Er hat unter anderem früh in Internetfirmen wie Twitter, Kickstarter und Flickr investiert. Vor Kurzem war Joi Itō in Berlin, weil das MIT Media Lab dort einen einwöchigen Workshop abhielt. An dessen Ende hat dieses Gespräch stattgefunden – im Garten der Elisabethkirche in Mitte.

ZEIT ONLINE: Herr Itō, was macht das MIT Media Lab eigentlich so genau?

Jōichi Itō: Wir beschäftigen uns als Fakultät des MIT mit den Schnittstellen von Wissenschaft, Engineering, Kunst, Design und sozialen Fragen. Aber der vermutlich vorherrschende Eindruck von außen, dass das Media Lab vor allem ein Ort für Tech-Forschung ist, ist nicht falsch. Wir versuchen derzeit jedoch, die anderen Aspekte auszubauen. 

ZEIT ONLINE: Wen oder was haben Sie hier in Berlin gesucht?

Itō: Wir veranstalten regelmäßig Workshops in verschiedensten Städten auf der Welt, um nach neuen Ideen und neuen Denkansätzen zu suchen. Mir als Direktor des Labs ist es vor allem wichtig, dass wir bei diesen Workshops Leute finden, die wir als Studierende an unsere Fakultät holen oder mit denen wir auf irgendeine Weise zusammenarbeiten könnten. Berlin war die erste Stadt in Europa, die wir für einen Workshop ausgesucht haben, weil es hier eine große Community von Tech-Aktivisten gibt und starkes zivilgesellschaftliches Engagement. Überhaupt scheint mir, dass in Europa die Auseinandersetzung mit Grundfragen von Technologie ausgeprägter ist als in den USA – und ebenso das historische Bewusstsein für Fehler, die auf dem Feld begangen wurden. Vor drei Jahrzehnten, als das Media Lab gegründet wurde, gab es noch einen recht ungebrochenen Tech-Optimismus. Die ganze Welt betrachtete die Idee des technologischen Fortschritts zu diesem Zeitpunkt auch sehr positiv.

ZEIT ONLINE: In Europa scheint das seit einer Weile schon nicht mehr der Fall zu sein. Wie ist es in den USA?

Joi Itō verbrachte seine Kindheit in Japan, Kanada und den USA. Er hat an der Tufts University Computerwissenschaften und an der University of Chicago Physik studiert, brach jedoch beide Male ab. © Diana Levine

Itō: Dort ist man auch technologieskeptischer geworden. Entsprechend verändert sich die Rolle, die das Media Lab in den Tech-Debatten spielt. Ich denke gerade viel darüber nach, dass es 2019 100 Jahre her sein wird, dass in Weimar das Bauhaus gegründet wurde – und dass das ein guter Anlass ist, über die Funktion multidisziplinärer Institutionen nachzudenken, wie das Bauhaus eines war und das Media Lab eines ist. Wie positioniert man sich als solche an vielen Bereichen interessierte Organisation innerhalb der politischen Kontexte der jeweiligen Zeit? Wir setzen uns aktuell verstärkt mit der Wirkung von Social Media im politischen Diskurs auseinander und mit der Frage, wie sich die Polarisierung insbesondere der amerikanischen Gesellschaft überwinden ließe.

ZEIT ONLINE: Spielt die Wahl Donald Trumps 2016 eine wesentliche Rolle dabei, dass auch in den USA nun kritischer über Technologie debattiert wird? Sein Aufstieg wird unter anderem mit der Macht von Social Media verbunden.

Itō: Ich betrachte das als Teil einer größeren Entwicklung. Wenn man weiter zurückblickt, gab es drei wesentliche Phasen, während derer der Technologieoptimismus speziell in den USA in den vergangenen Jahrzehnten erschüttert wurde. Die erste Phase ist auf die Erfindung und den Einsatz der Atombombe gefolgt. Die zweite begann in der Zeit des Vietnamkrieges, wichtig für den theoretischen Überbau dieser Welle von Tech-Skeptizismus waren Menschen wie der Computerwissenschaftler Terry Winograd und die Leute, die sich damals etwa in Stanford sammelten und später die Organisation Computer Professionals for Social Responsibility gründeten. Wir befinden uns nun in der dritten Phase.

ZEIT ONLINE: Wodurch wurde die verursacht? Und wann hat die Ihrer Meinung nach begonnen?

Itō: Eigentlich ist der Konflikt, der zwischen dem technologischen Fortschritt und ethischen Bedenken dazu herrscht, nie wirklich verschwunden. Er wird jetzt lediglich wieder verstärkt von den Medien aufgegriffen. Der Kristallisationspunkt dafür war vermutlich tatsächlich die Wahl von Donald Trump.