Es kann einem leicht schwindelig werden angesichts der Vielzahl von Nachrichten, die Facebook derzeit produziert. Allein in den vergangenen knapp 24 Stunden gab es drei verschiedene, zum Teil spektakulär klingende Meldungen. Erstens gab Facebook selbst die Löschung verschiedenster Seiten, Gruppen und Accounts bekannt, die Teil möglicher Propagandakampagnen gewesen sein sollen und unter anderem Falschinformationen verbreiteten. Zweitens enthüllte die Washington Post, Facebook arbeite daran, seine Nutzerinnen und Nutzer nach Glaubwürdigkeit einzuschätzen, auf welcher Basis, sei jedoch nicht bekannt. Und drittens veröffentlichte die New York Times eine Reportage aus Deutschland. Deren Autorenteam hat versucht, die Fragestellung einer bereits im Dezember 2017 erstveröffentlichten und diesen Mai aktualisierten britischen Studie gleichsam an der Wirklichkeit zu messen: Gibt es eine Verbindung zwischen migrantenfeindlichen Posts auf Facebook und tatsächlich geschehenen Gewaltverbrechen gegen Geflüchtete?

Nur zwischen den ersten beiden Nachrichten besteht ein inhaltlicher Zusammenhang: Sie zeigen die Bemühungen von Facebook, mutmaßlich in politischer Absicht gestreute Falschinformationen und deren Urheber und professionelle Weiterverbreiter von der eigenen Plattform zu verbannen. Die dritte Nachricht indes beschreibt eventuelle reale Folgen von Stimmungen, die sich über soziale Netzwerke verbreiten. Die These, es könne da eine korrelative oder gar kausale Verbindung geben, bedarf einer tiefergehenden Analyse, als das zumindest an dieser Stelle jetzt möglich ist. Doch es muss ja nicht jeder Text alles klären (und nicht jede Studie liefert am Ende wirklich belastbare Ergebnisse).

Die zwei Meldungen zu Facebooks eigenen Aktivitäten lassen sich einfacher aufklären: Das Unternehmen will offenkundig endlich aus den Negativschlagzeilen kommen. Und schützt sich zugleich mit dem Nachweis ihres Vorgehens vor den möglichen Folgen weiterer Enthüllungen, die noch kommen und Facebook selbst überraschen könnten.

So wie die Plattform im März dieses Jahres überrascht schien, als erneut über die mittlerweile insolvente Firma Cambridge Analytica (CA) und deren missbräuchlichen Gebrauch von Facebook-Daten berichtet wurde. Dass CA unter anderem im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 für die Kampagne von Donald Trump Datenanalysen für das sogenannte Mikrotargeting potenzieller Wähler geliefert hatte, war lange zuvor bekannt gewesen. Doch als im März öffentlich wurde, dass die Nutzerdaten ursprünglich ganz legal über eine Facebook-Schnittstelle bezogen worden waren, konnte die Plattform ihren laxen Umgang mit diesen Daten nicht mehr leugnen. Dieser Skandal wirkt bis heute nach. 

Augenscheinlich will sich Facebook-Chef Mark Zuckerberg nicht mehr nachsagen lassen, seine Firma tue nicht genug dafür, die eigenen User zu schützen – sowohl gegen jedwede Form von Hacking als auch gegen Propaganda staatlicher oder staatsnaher Akteure, zum Beispiel aus Russland. Und aus dem Iran etwa, wie nun die aktuelle Löschung diverser Pages, Gruppen und Accounts belegen soll, die mit dem iranischen Nachrichtenmedium Liberty Front Press verbunden waren.

Eine Million von zwei Milliarden

Dabei ist Facebook gar nicht selbst auf das lose Netzwerk von Accounts gestoßen, das offenbar zweifelsfrei aus dem Iran gesteuert wurde und auch auf Twitter vertreten war (dort wurden entsprechende Accounts nun ebenfalls gelöscht). Die US-Sicherheitsfirma FireEye hat es aufgespürt und die Ergebnisse ihrer Nachforschungen im Juli an Facebook weitergegeben; daraufhin sollen die Sicherheitsteams des Social-Media-Giganten nach weiteren Verzweigungen gesucht haben und fündig geworden sein.

Nicht nur vermeintlich staatsnahe iranische Seiten, sondern erneut auch mit russischen Geheimdiensten in Verbindung gebrachte Pages wurden jetzt von Facebook gelöscht. Letzteres stellt allerdings lediglich eine Art weitere Aufräumarbeit dar: Die Akteure waren Facebook längst bekannt, offenbar aber nicht alle ihre Taten – die aktuellen Löschungen bezogen sich auf Accounts, die im syrischen und ukrainischen Netz mutmaßlich für Unruhe sorgen sollten. Auch war die Zahl der Follower der iranischen Pages, Gruppen und Accounts, die Facebook nun von der eigenen Plattform entfernt hat, nicht sonderlich hoch, ihnen folgten insgesamt kaum eine Million Follower.

Bei mehr als zwei Milliarden Facebook-Nutzerinnen und -Nutzern weltweit ist das eine verschwindend geringe Zahl. Und obwohl die mit Liberty Front Press in Verbindung stehenden und seit Jahren betriebenen Facebook-Seiten zum Teil mit ihren Inhalten auch auf amerikanische User abzielten, behauptet nicht mal Facebook selbst, dass es sich dabei um eine echte Beeinflussungskampagne etwa im Hinblick auf die US-Kongresswahlen im November gehandelt habe.