Ein paar Eingeständnisse, dass irgendwas falsch gelaufen ist und weiter falsch läuft, ein bisschen Mea culpa und sehr viel Ratlosigkeit: Wegen dieser Sorte Interviewaussagen sind Mark Zuckerberg und seine Social-Media-Plattform Facebook vor einer Weile erst so richtig öffentlich unter Druck geraten. Eigentlich würde man also annehmen, dass man als Chef von Facebooks großem Konkurrenten in dem Punkt Zuckerberg lieber nicht nacheifern wollen würde. Jack Dorsey, Mitgründer von Twitter und CEO des Kurzmitteilungsdienstes, tut aber genau das.

Am Wochenende hat CNN ein Interview mit Dorsey ausgestrahlt, dem wenige Tage zuvor bereits eines mit NBC vorangegangen war, in dem der recht wolkig darüber gesprochen hatte, menschenfeindliche Aussagen von der eigenen Plattform verbannen zu wollen. Bloß wie, das wusste er nicht zu sagen. Problem erkannt heißt eben nicht zwangsläufig auch: Problem gebannt. Doch wenigstens sagt der Chef mal was. Man nennt das Krisenkommunikation, nur dass sie im Fall von Jack Dorsey ebenso wie zuvor bei Mark Zuckerberg nicht zu funktionieren scheint. 

Facebook hat nicht nur mit selbst verursachten Skandalen um Datennutzung zu kämpfen, sondern seit der Wahl Donald Trumps im Jahr 2016 auch mit der Diskussion um die eigene Rolle bei der Verbreitung von gezielten Falschinformationen. Twitter wiederum wird als Lieblingsplattform des amtierenden US-Präsidenten seit dessen Wahl täglich in den Nachrichten zitiert als Ort, an dem der sich geradezu in Permanenz äußert – auf eine Weise, die man zuvor eher nicht als dem Amt und dessen Würde angemessen betrachtet hätte. Twitter wurde auch durch Trump zum Synonym für eskalierende öffentliche Debatten, für ungezügelte Hate Speech, für das Beleidigen und Beleidigtwerden. 

Wenn jemand zu den Waffen twittert

Doch erst die Reaktionen auf Twitters Unwillen, den amerikanischen Verschwörungstheoretiker Alex Jones und Inhalte dessen Website InfoWars endgültig von der eigenen Plattform zu entfernen, haben Dorsey jetzt offenbar zum Start einer Interviewoffensive bewogen. Die Tech-Konkurrenz hat ihn regelrecht dazu gezwungen, denn die hat im Gegensatz zu Twitter Alex Jones in den vergangenen Wochen in bemerkenswertem Einklang verbannt: Auf YouTube, Facebook, Vimeo und Pinterest ebenso wie in Apples und Spotifys Podcastangebot findet man keine Spur mehr von InfoWars und dem bei Rechten bis Rechtsextremen populären Radiomoderator. Der hat unter anderem behauptet, das Massaker an der Sandy Hook Elementary School in Newton im Jahr 2012 habe nie stattgefunden. Ein Einzeltäter ermordete in dieser Schule 27 Menschen, darunter 20 Kinder. Zuletzt rief Jones seine Fans unverblümt auf, zu den Waffen zu greifen im Falle eines von ihm herbeifantasierten Bürgerkrieges gegen die US-Medien.

Selbst in einem Land, in dem die Freiheit der öffentlichen Rede nahezu uneingeschränkt ist, gelten Jones' Aussagen als potenziell derart gefährlich, dass sich kaum Protest vernehmen ließ gegen die Weigerung der Tech-Konzerne, dessen Botschaften weiterhin auf den eigenen Plattformen zu dulden.

Auf Twitter aber wurde Jones zuletzt lediglich vorübergehend gesperrt, für sieben Tage. Aufrufen kann man alle mit ihm verbundenen Accounts nach wie vor. Und abgesehen von offenbar einzelnen Löschungen, die Twitter erst nach Nutzerbeschwerden vorgenommen hat, lassen sich die Aktivitäten dieser Accounts weiterhin lückenlos zurückverfolgen.

Als CNN-Moderator Brian Stelter den Twitter-Chef Jack Dorsey nun auf Jones ansprach und darauf, ob eine vorübergehende Sperre ernsthaft zu einer Veränderung dessen Verhalten auf Twitter führen werde, antwortete Dorsey: "Wir haben Hinweise darauf, dass solche Maßnahmen tatsächlich Verhaltensweisen ändern können. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass das bei jedem Nutzer der Fall ist. Aber einen Versuch ist es wert." Was wiederum naiv klingt.

Man könne doch nicht ständig die eigenen Regularien verändern, um sie Einzelfällen anzupassen, sagte Dorsey. Firmen wie Twitter fürchteten sich davor, persönliche Einstellungen der eigenen Mitarbeiter gegenüber einzelnen Nutzern zum Maßstab für etwaige Entscheidungen über deren Twitter-Accounts zu machen. "Das würde sich zufällig und unfair anfühlen", sagte Dorsey, und würde niemandes Vertrauen erhöhen in die eigene Plattform.