Die Realität ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Auf Instagram zum Beispiel, lautet eine wohlfeile Klage, schaut alles besser aus als in echt. Vor allem Menschen zeigen sich dort von ihrer besten Seite, so eine Schweinerei aber auch. Das macht vielen unter den eine Milliarde Instagram-Nutzerinnen und Nutzern auf der Welt dann komischerweise total schlechte Laune: Das Bilderbuch unserer Alltagsselbstdarstellung überhöht, ja fiktionalisiert das Dasein, bu-huh! Aus Protest benutzt man dann bei seinen eigenen Fotouploads keinen der vielen Filter, die Instagram zur Aufhübschung der eigenen Fotos anbietet, und schreibt trotzig den Hashtag #nofilter drunter.

Dieses und ein paar andere Probleme mit der Realität schaffen nun die drei neuen iPhones aus der Welt, von denen zwei seit diesem Freitag in Deutschland erhältlich sind, XS und XS Max (das iPhone XR ist ab Ende Oktober erhältlich). Ihr bedeutsamstes Feature ist die nochmals erheblich verbesserte Kamera. Dieses Smartphone erfindet einfach für alles eine neue Version der Wirklichkeit, während es vorgibt, sie authentisch abzubilden. Niemand wird je wieder Filter benutzen wollen, denn diese neue iPhone-Realität ist attraktiver als fast alle anderen Realitäten, die wir bisher medial vermittelt kennengelernt haben. Nicht obwohl, sondern auch weil sie noch viel (tiefen-)schärfer ist als die anderen zuvor.

Der neue Tiefenschärfenregler ist dann auch das erste, was einem auffällt, wenn man die Foto-App der drei neuen iPhone-Modelle öffnet und ein Bild bearbeiten möchte, das man gerade im Porträtmodus gemacht hat. An dem Punkt der Bildbearbeitung beginnt ja heute schon ganz selbstverständlich die Veränderung der Wirklichkeitsdarstellung. Kein Besitzer, keine Besitzerin eines Smartphones würde noch ernsthaft ein Foto unverändert mit anderen teilen. Smartphones hatten von Anfang an Kameras eingebaut, doch je besser sie technisch und je besser auch die Netze wurden, umso eindeutiger wurde der vordringliche Use-Case: Fotografiere dein Leben für andere.

Du schaust blendend aus in f/16!

Auf dem iPhone kann man jetzt also in der Nachbearbeitung die virtuelle Blende stufenlos verstellen, von f/1,4 bis 16, und damit die Bildhintergründe zwischen extrem scharf und extrem unscharf verändern; in letzterer Einstellung entwickelt sich dadurch ein starker Bokeh-Effekt, bei dem der Bildhintergrund verunklart wird. Bei der alten Analogfotografie ließ sich dieser Effekt erzeugen, indem man die Blendeneinstellung reduzierte und so den scharf gestellten Bereich allein in der Bildmitte zusehends verkleinerte. In der Digitalfotografie kann man schon länger den Fokus irgendwo auf dem Bild setzen. Doch die zwei beziehungsweise bei den Premiummodellen XS und XS Max drei iPhone-Objektive sind geradewegs auf den Menschen im Foto geeicht: Der steht einfach immer im Vordergrund, die algorithmisch angetriebene Optik erkennt ihn automatisch als das Wesentliche. Alles andere ist damit Hintergrund und kann in die Unschärfe befördert werden, ins weiche Licht des Bedeutungslosen.

Auch bei Fotos aus dem einen Selfieobjektiv auf der Frontseite des iPhones lässt sich nun die Tiefenschärfe verändern. Damit bedeutet einem Apple implizit: Hey, es ist okay, dass du dich als Mittelpunkt der Welt betrachtest, hab keine Scheu, dich auch als solchen zu inszenieren.

An den absurd hübschen Selfies, die man so herstellen kann, wird die Differenz zwischen dem, was wir als natürliche Wahrnehmung der Wirklichkeit begreifen, und ihrer Abbildung im iPhone besonders deutlich: Blickt man in den Spiegel, sieht man eine erheblich unattraktivere Person als die, die auf den iPhone-Fotos erscheint. Die Konturen des Gesichts sind klarer, die Falten und Hautunreinheiten sind in gnädiges Licht getaucht, die Farbgebung ist geradezu filmkamerahaft. Diese Bilder zeigen den Menschen nicht wie er ist, sondern wie er sein sollte. Das neue iPhone sagt seinem Nutzer, seiner Nutzerin: Schau her, ich zeige dir dein eigentliches Ich, und es ist schön.