Selbst in der notorisch aufgeregten Medienlandschaft der USA sorgte vor einigen Tagen diese Nachricht für erheblichen Wirbel: Die renommierte Investigativreporterin Julia Angwin gründet zusammen mit Sue Gardner, der ehemaligen Chefin des Wikipedia-Trägers Wikimedia Foundation, und dem Journalisten Jeff Larson eine eigene Tech-Enthüllungsplattform namens"The Markup". Finanziert wird die Nachrichtenseite, die Anfang 2019 gelauncht werden soll, allein durch Spenden. Den Großteil des Startkapitals liefert Craig Newmark, der Gründer der Anzeigenwebsite Craigslist, er allein steuert 20 Millionen Dollar bei. Angwin, die zuletzt Reporterin der ebenfalls spendenfinanzierten Rechercheplattform "ProPublica"war, wird als Chefredakteurin von "The Markup" fungieren. Das Interview findet vor Bekanntwerden des Hacker-Angriffs auf Facebook statt, über den die Social-Media-Plattform die Öffentlichkeit am vergangenen Freitag informierte.  

ZEIT ONLINE: Frau Angwin, warum braucht es noch ein neues amerikanisches Medium, das über Tech und die großen Konzerne wie Google oder Facebook berichtet? Reichen Wired, The Verge, Recode, Techcrunch und all die anderen nicht aus?

Julia Angwin: Wir werden anders arbeiten, nämlich vor allem datenjournalistisch. In vielen Fällen werden wir selbst Daten erheben und analysieren, und zwar vor allem entlang der Frage: Welche Auswirkungen hat Technologie auf unsere Gesellschaft? Leider liegen die Datensätze, die uns Antworten darauf geben könnten, nicht einfach so herum. Also muss man die Daten selbst sammeln, um Aussagen treffen zu können. Das wird uns nie perfekt gelingen. Journalisten liefern ja immer nur eine erste Fassung dessen, woraus irgendwann mal Geschichtsschreibung wird. Deshalb muss nicht alles, was wir veröffentlichen, strengsten wissenschaftlichen Maßstäben genügen. Dafür gibt es dann ja eben die Wissenschaft. Aber ich begreife es als unsere Aufgabe als Journalisten, auch wirklich die bestmögliche erste Fassung der Geschichtsschreibung zu verfassen, nicht nur irgendeine. Wir sind dazu da, gesellschaftliche Probleme zu benennen.

ZEIT ONLINE: Wie genau werden Sie das tun?

Die 47-jährige Julia Angwin hat lange Jahre für das "Wall Street Journal" gearbeitet, bevor sie 2013 zu "ProPublica" wechselte.

Angwin: Wir wollen alle unserer Storys jeweils von einem Duo aus einem klassischen Reporter und einem Programmierer oder Technologieexperten recherchieren lassen. Dieses Gespann soll im Vorfeld gemeinsam eine gezielte Herangehensweise an den Gegenstand der Berichterstattung entwickeln. Üblich ist bislang, dass Datenjournalisten oder Programmierer in einer eigenen Abteilung abseits der Nachrichtenredaktion arbeiten, als Zulieferer. Erst wenn Reporter für ihre Geschichten eine Datengrundlage brauchen, fragen sie dort nach: "Habt ihr zu dem Thema was?" In aller Regel haben die eben nichts. Deshalb ist es so wichtig, von Beginn einer Recherche an Tech-Spezialisten mit dabeizuhaben.

ZEIT ONLINE: Von welchen Daten sprechen wir da?

Angwin: Gar nicht unbedingt von solchen, die man sich bei dem Begriff heutzutage vorstellt, wenn man etwa an Social Media und Datenskandale denkt. Es kann sich auch um öffentlich zugängliches Archivmaterial handeln, Gerichtsunterlagen, Handelsregisterauszüge. Technologie kann einem bereits beim Durchsuchen solchen Materials helfen. Überhaupt besteht Journalismus letztlich ja vor allem aus Datensammeln, ein Interview ist nichts anderes als eine mündliche Form des Einholens von Informationen. Wir wollen bei The Markup Daten in größerem Maßstab erheben und analysieren, als das bisher im Journalismus üblich ist.

ZEIT ONLINE: Wie könnte ein typisches Vorgehen aussehen?  

Angwin: Nehmen Sie ein Beispiel aus meiner eigenen Arbeit als Investigativreporterin, ich habe im US-Präsidentschaftswahljahr 2012 für das Wall Street Journal eine Recherche über die Google-Suchfunktion gemacht. Dabei habe ich Amazons Plattform Mechanical Turk benutzt, über die man Leuten kleinere Aufträge geben kann, die diese dann von zu Hause aus erledigen. Meine Fragestellung lautete: Wenn man bei Google die Namen der damaligen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und Mitt Romney eingibt, welche Ergebnisse kommen dann dabei raus, wenn verschiedenste Menschen das tun? Wie verändern sich womöglich bei weiteren Suchen die Ergebnisse durch die eigene Suchhistorie? Macht es einen Unterschied, wo genau man in den USA lebt? Hunderte Menschen haben dann also für mich gegoogelt und mir Rückmeldungen geschickt. Es stellte sich heraus, dass die Ergebnisse tatsächlich erheblich variierten. Google selbst hatte natürlich kein Interesse daran, mir mit eigenen Daten dabei zu helfen, die Suchfunktion zu überprüfen. Tech-Konzerne legen wie alle anderen Unternehmen auch nur ungern Rechenschaft über ihr Tun ab.

ZEIT ONLINE: Sind für die Überprüfung der großen Internetfirmen nicht auch Aufsichtsbehörden zuständig?

Angwin: In den USA zumindest sind die dazu derzeit weder technologisch noch finanziell in der Lage. Tech ist eine der am wenigsten regulierten Industrien überhaupt. Bislang herrscht in den Vereinigten Staaten die Ansicht vor, die Politik möge sich bloß nicht in Netz-Belange einmischen, vor allem weil Tech der wesentliche Wachstumsmotor der amerikanischen Wirtschaft gewesen ist in den vergangenen Jahren. Ja, es gab in letzter Zeit einige Anhörungen im Senat, bei denen sich andeutete, dass der US-Kongress als Gesetzgeber womöglich doch regulatorische Maßnahmen ergreifen könnte. Aber es gibt weiterhin politische Vorbehalte dagegen. Auch deshalb fällt uns Journalisten die Aufgabe zu, das Tun der Firmen zu beleuchten. Solche Berichterstattung aber kostet viel Zeit und Geld, man muss erhebliche Personalressourcen einsetzen. Um das systematisch zu tun, haben wir The Markup gegründet. Wir werden mit ungefähr 20 Mitarbeitern in der Redaktion anfangen, hoffentlich werden es im Laufe der Zeit noch mehr.

"Dem Algorithmus sieht man einen Bias nicht an"

ZEIT ONLINE: Sollten die Algorithmen von Tech-Konzernen wie Google, Facebook oder Amazon nicht am besten offengelegt werden? Dann müssten Journalistinnen wie Sie die nicht permanent überprüfen.

Angwin: Über diese Frage denke ich tatsächlich schon lange nach. Auch weil ich in Ausübung meines Berufs bereits einen Haufen Zeit darauf verwendet habe, den Funktionen von Algorithmen hinterher zu recherchieren. Meiner Erfahrung nach sagt Code an sich jedoch wenig darüber aus, ob er zum Beispiel neutral programmiert ist. Dem Algorithmus sieht man einen potenziellen Bias nicht an. Das erkennt man in erster Linie daran, welche Ergebnisse er produziert. Daher glaube ich nicht, dass es viel bringen würde, wenn Firmen ihre Algorithmen offenlegen müssten.

ZEIT ONLINE: Haben Sie denn mal welche zu sehen bekommen in Ihren Recherchen?

Angwin: Es gab ein Beispiel, ich habe vor zwei Jahren mit Kollegen bei ProPublica eine Story über die Software gemacht, mit deren Hilfe von vielen US-Gerichten sogenannte risk scores erstellt werden. Das sind Voraussagen darüber, wie hoch die Wahrscheinlichkeit sein soll, mit der Täter nach Verbüßung ihrer Strafe wieder Verbrechen begehen. Die Firma, die diese Software herstellt, hat uns in allerletzter Minute vor Veröffentlichung unserer Geschichte Einblick gegeben in die Software. Wir konnten also nachvollziehen, anhand welcher Parameter diese Software Vorhersagen traf und wie diese Variablen dabei gewichtet wurden: Wurde der Täter schon mal verhaftet, besitzt er ein stabiles Zuhause …?

ZEIT ONLINE: Das reichte nicht für Ihre Story?

Angwin: Den Code lesen zu können, war gut. Aber aus dem allein wurde nicht ersichtlich, dass die Software so programmiert war, dass Schwarzen eine überhöhte Rückfallquote vorhergesagt wurde. Das wiederum wirkte sich auf die Schwere der Urteile aus, die Richter auch mithilfe dieser Software fällten. Die hatte also einen offenkundigen rassistischen Bias. Um das zu erkennen, mussten wir viele Tausend risk scores und Urteile betrachten und vergleichen. Wir mussten also wieder Daten erheben und diese einem gewissenhaften Auditing unterziehen. Diese Arbeit ist extrem langweilig und nicht sehr sexy, aber unbedingt notwendig. Wir müssen untersuchen, wie Algorithmen Menschen begutachten. Das lässt sich nur mit Big-Data-Analysen machen. Je größer der Datensatz ist, umso besser.

ZEIT ONLINE: Wird es in Markup-Recherchen also vor allem um die realen Auswirkungen von Technologien auf unser aller Leben gehen?

Angwin: Das wird ein Schwerpunkt sein, ja. Denn Technologie bestimmt zunehmend unser aller Leben, nicht nur in Form unserer Smartphonenutzung. Firmen und Behörden nutzen technische Mittel, um uns Menschen messbar zu machen. Das dürfen wir nicht ungeprüft hinnehmen. Wir müssen die Tech-Konzerne haftbar machen dafür, welche Dinge sie entwickeln.

ZEIT ONLINE: Eine andere Sorte von Tech-Investigativstory hat Ihr Ex-Kollege John Carreyrou vom Wall Street Journal in den vergangenen drei Jahren in unzähligen Texten und nun auch in dem Buch Bad Blood erzählt, nämlich die des mutmaßlichen Betrugs hinter dem mittlerweile abgewickelten Tech-Startup Theranos. Carreyrou hat das mit ganz altmodischen Reportermethoden getan: Leute ausfragen, rumschnüffeln. An solchen Oldschool-Geschichten über Tech-Firmen wären Sie nicht interessiert?

Angwin: Selbstverständlich wäre ich daran interessiert gewesen! Das ist eine der besten Storys aller Zeiten, welches Medium würde die nicht veröffentlichen wollen? Abgesehen davon bin ich ein Fan von John, wir haben beim Wall Street Journal oft zusammengearbeitet. Wir werden auch bei The Markup traditionelle Reportermethoden anwenden. Das schließt sich gar nicht aus, wenn man ansonsten einen eher datenbasierten Journalismus betreiben möchte. Im Gegenteil, bestenfalls ergänzen sich die Rechercheansätze.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie und Ihre Partner sich dazu entschlossen, The Markup als Nonprofitorganisation zu gründen, die sich allein von Spenden finanziert?

Angwin: Unsere Erfahrungen bei ProPublica, die mit einem ähnlichen Modell arbeiten, waren sehr gut. Wir werden unsere Texte wie ProPublica ebenfalls unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlichen, andere Medien werden sie kostenfrei übernehmen können. Meine eigenen Storys, die ich in der Vergangenheit für ProPublica geschrieben habe, haben dadurch eine wesentlich größere Verbreitung gehabt, als dass der Fall gewesen wäre, wenn sie exklusiv bei nur einem Medium erschienen wären. Und für Spender ist dieses Modell ideal, weil dabei völlig klar ist: Ihr Geld kommt tatsächlich der Allgemeinheit zugute. Jeder Mensch wird unsere Berichte gratis lesen können. Unser Geschäftsmodell mag nicht für alle Medien geeignet sein, für unsere Idee von Journalismus aber empfinde ich es als perfekt.