Die fremdenfeindlichen Übergriffe in Chemnitz haben eine Welle des Gegenprotests ausgelöst. Rund 65.000 Menschen kamen zu einem kostenlosen Konzert von Musikern wie den Toten Hosen, Casper und Marteria und setzten damit ein Zeichen gegen Rassismus. Auch im Netz positionieren sich Nutzerinnen und Nutzer: Auf Facebook haben Tausende ihr Profilfoto mit dem Hashtag #wirsindmehr versehen, der auch auf Twitter kursiert. Doch was bringt diese Form des stillen Protests eigentlich? Die Politikwissenschaftlerin Sigrid Baringhorst spricht im Interview mit ZEIT ONLINE über die politische Wirkung von Onlineaktivismus – und erklärt, warum die Präsenz auf der Straße so wichtig ist.

ZEIT ONLINE: Frau Baringhorst, in den vergangenen Tagen haben Tausende als Reaktion auf die Krawalle in Chemnitz Hashtags wie #wirsindmehr verbreitet oder ihr Profilbild auf Facebook geändert. Was bringt das?

Sigrid Baringhorst: Ein einzelnes Posting bringt wenig, weil es im Sinne einer politischen Bewegung eher unbedeutend ist. Aber wenn sich viele kleine Einzelbeiträge zu einem massenhaften Phänomen koppeln, entsteht doch etwas, das massenmediale Resonanz erzeugen kann. Ob das passiert, hängt von klassischen Nachrichtenfaktoren ab: Sind es viele Menschen, die sich äußern? Geht es um grundlegende Konflikte? Ist das etwas Neues? Gibt es einen Promifaktor?

ZEIT ONLINE: Können die Aktionen in den sozialen Medien also über die mediale Rezeption politische Prozesse oder die Wahrnehmung der Bevölkerung beeinflussen?

Baringhorst: Wenn die klassischen Leitmedien eine Protestaktion aufgreifen, hat das sicherlich Gewicht. Auch die netzspezifische Währung der Likes und Retweets kann Meinungen oder Personen in den Fokus rücken. Ob Protestkommunikation tatsächlich politische Wirkung erzeugt, ist allerdings schwer empirisch nachzuweisen.

Sigrid Baringhorst ist Professorin für Politische Systeme und Vergleichende Politikwissenschaft an der Universität Siegen. © privat

ZEIT ONLINE: Warum?

Baringhorst: Weil die politische Wirkung, die wir messen können, stark davon abhängt, was wir als Erfolg definieren. Petitionsaktivismus von Plattformen wie Change.org erzeugt nur sehr selten eine Reaktion von Politikern. Im Einzelfall kann das durchaus vorkommen, zum Beispiel als Teil von größeren sozialen Bewegungen wie etwa bei den Protesten gegen das Handelsabkommen Ceta oder das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. Man könnte jetzt sagen: Nur solche Proteste sind ein Erfolg. Allerdings ist die tatsächliche politische Entscheidung für Aktivisten, das zeigen Untersuchungen, nicht unbedingt das einzige Kriterium. Es geht ihnen auch einfach darum zu zeigen, dass sie Mitstreiter haben.

ZEIT ONLINE: So ähnlich wie bei Hashtag-Aktionen?

Baringhorst: Genau. Die Einstellung in der Bevölkerung wird sich nicht durch Hashtags ändern. Hashtags wie #wirsindmehr sind eher eine Selbstäußerung, eine kollektive Selbstvergewisserung der gemeinsamen Grundwerte einer Gesellschaft. Damit zeige ich meinen Freunden, wo ich stehe. Damit ist noch nicht unbedingt eine Verhaltens- oder Einstellungsänderung anderer intendiert oder der Wunsch nach politischen Maßnahmen.

ZEIT ONLINE: Dann bleibt Hashtag-Protest also wirkungslos?

Baringhorst: Nicht unbedingt. Eine Selbstvergewisserung ist durchaus wertvoll und das Internet macht es relativ leicht, spontane Empörungskommunikation zu mobilisieren. Tatsächlich gibt es allerdings nur wenige Fälle, in denen rein onlinebasierter Protest zu relevanten politischen Folgen geführt hat. Ein Beispiel ist VroniPlag, die Plattform, die Plagiate in den Dissertationen bekannter Politikerinnen und Politiker publizierte. Die Betroffenen mussten zum Teil zurücktreten, zum Teil ihren Doktortitel abgeben – und dies primär wegen der Enthüllungsaktionen und Entrüstungen im Netz. In den meisten anderen Fällen haben aber solche Empörungswellen nur dann langfristige Effekte, wenn weitere Bedingungen erfüllt sind.

ZEIT ONLINE: Welche Bedingungen?

Baringhorst: Die vielen einzelnen Personen mit ihren kleinen Aktivitäten müssen ein strategiefähiges, kollektives Subjekt werden, eine Art Programmatik entwickeln, die über bloße Solidaritätsbekundungen hinausgeht. Und ein Wir-Gefühl muss unter den Akteurinnen und Akteuren entstehen. Die meisten Beispiele zeigen, dass sich so eine Gemeinschaft nicht ausschließlich durch Onlinekommunikation bildet. Nehmen Sie #MeToo oder #Aufschrei. Die Hashtags sind wichtig für die feministische Bewegung, vielleicht sogar die Initialzündung für Veränderungen. Aber sie stehen nicht im luftleeren Raum, sondern sie münden in Netzwerke, die dann auch in der analogen Welt agieren.

ZEIT ONLINE: Sie müssen also auf die Straße gehen.

Baringhorst: Ja, das ist enorm wichtig. Das Netz spielt eine große Rolle für die Mobilisierung, aber die Demonstration im öffentlichen Raum ist immer noch der entscheidende Faktor, um Protestforderungen zu legitimieren. Das verdeutlichen besonders die Protestbewegungen der vergangenen Jahre, die auf grundlegende Veränderung gesellschaftlicher und politischer Ordnungen zielen. Die Occupy-Proteste, der Arabische Frühling, die Gezi-Proteste in Istanbul – im Zentrum stand immer die große Versammlung der Vielen an einem bedeutungsvollen Ort.

"Die schiere Körperlichkeit einer Demonstration hat große Wirkung"

ZEIT ONLINE: Ist demonstrieren gehen also tatsächlich mehr wert, als sich im Internet zu äußern?

Baringhorst: In gewisser Weise ja. Mit seinem Körper für etwas einzustehen, Rechenschaft abzulegen durch physische Präsenz, dadurch entsteht eine Bedeutung und Glaubwürdigkeit, weil man bereit ist, gewisse Risiken einzugehen.

ZEIT ONLINE: In Chemnitz gab es zwar tatsächlich Gewalt, aber in den meisten Demonstrationszügen zum Beispiel gegen Ceta oder Glyphosat kann man eher gefahrlos mitlaufen. Und Nutzerinnen und Nutzer gehen ja auch online ein Risiko ein, etwa dass sich Trolle und Hater gegen sie verbünden und sie beleidigen oder gar bedrohen. Ist das nichts wert?

Baringhorst: Doch, natürlich gibt es auch im Netz Risiken. Vielleicht können wir sie noch zu wenig einschätzen, um sie zu honorieren. Auch hier gilt: Je mehr Risiko, desto mehr Mut erfordert ein Statement und umso kräftiger wird es. Dennoch gehe ich davon aus, dass die schiere Körperlichkeit einer Demonstration eine große Wirkung hat. Es kostet den Nutzer etwas, dorthin zu gehen, mindestens Zeit und Mühe, und dadurch wird der Protest wertvoll. Die physische Anwesenheit ist auch ein wichtiges, prägendes Ereignis für die Teilnehmenden, das wissen wir aus unseren Interviews. Wenn 5.000 demonstrieren gehen und 500.000 teilen den Slogan der Demonstration im Netz, ist das natürlich viel wert. Aber man muss schon sagen, dass der Effekt ohne den harten Kern, der auf die Straße geht, verpuffen würde. Auch, weil Politikerinnen und Politiker Demonstrationen immer noch als wichtigen Gradmesser sehen.

Ohne den harten Kern, der auf die Straße geht, würde der Onlineeffekt verpuffen.
Sigrid Baringhorst

ZEIT ONLINE: Im Fall von Chemnitz waren die Rechten ja bereits auf der Straße, also physisch präsent. Kann die andere Seite dann nur mit physischer Präsenz dagegenhalten?

Baringhorst: Meiner Ansicht nach ja. Es geht ja auch darum, wer legitim die schweigende Mehrheit vertritt und wer den öffentlichen städtischen Raum dominiert. Da ist zahlenmäßige Präsenz wichtig.

ZEIT ONLINE: Aber wenn es vor allem um zahlenmäßige Überlegenheit geht, wieso reicht dann eine digitale Äußerung nicht aus? Wenn ich den Hashtag teile, dann wissen doch alle, auf welcher Seite ich stehe.

Baringhorst: Protest ist keine Volksabstimmung und auch keine Umfrage – Konflikte werden dadurch im öffentlichen Raum diskursiv ausgetragen. Da zählt eben auch, was ich bereit bin, einzusetzen. Salopp formuliert: Was nichts kostet, ist nichts wert. Ein Like ist nicht sonderlich aufwendig.

ZEIT ONLINE: Stimmt dann der von einigen Personen formulierte Vorwurf, ein Protestkonzert wie das von Kraftklub, Casper, den Toten Hosen und anderen in Chemnitz sei nur Spaßprotest, der nicht zähle?

Baringhorst: Das würde ich nicht so sehen. In der Forschung gehen wir davon aus, dass sich Eigennutz und Altruismus in fast jeder Protestbeteiligung mischen. Zu einer Demo ohne Bands gehe ich auch, weil meine Freunde dahin gehen oder weil es für mich ein bewegendes Ereignis ist. Nur aus Pflichtgefühl machen das die wenigsten. Insofern sind auch Konzerte eine Möglichkeit der kollektiven Selbstäußerung. Außerdem wäre es unrealistisch, zu glauben, Protestkultur sei nicht mit kommerzialisierter Popkultur verwoben.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Baringhorst: Medien, Musik, Sehgewohnheiten und kommerzialisierte Popkultur formen unsere Erwartung an Protest, wie er aussieht und wie er sich anfühlt. Aktivisten müssen diese Erwartungen erfüllen, wenn sie junge Leute erreichen wollen. Deshalb hängt Protest auch schon lange mit Inszenierung zusammen. Damit tun sich die etablierten Parteien derzeit übrigens recht schwer, während rechte Gruppen wie die Junge Alternative oder die Identitäre Bewegung sehr geschickt mit Symbolen aus Jugend- und Protestkultur spielen – allerdings unter Vorzeichen wie Diffamierung und Hass.

ZEIT ONLINE: Generell entsteht der Eindruck, dass das klassisch linke Metier des Protests zurzeit eher von Rechten bespielt wird und sich dann höchstens linker Gegenprotest formiert.

Baringhorst: Tendenziell ist das so, ja. Natürlich gibt es noch ökologischen Protest, etwa im Hambacher Forst, aber viel Energie dieser Bewegung fließt mittlerweile eher in pragmatische Formen des Engagements, wie Urban Gardening oder Foodsharing. Das hat etwas von Rückzug, sicher zum Teil aus Frust. Den Linken fehlt das gemeinsame Projekt. Der Sozialismus als große Alternative ist weggefallen, in der Ökobewegung fehlen die Atomkraftwerke als große Gegner.

Diese Proteste in Chemnitz führen gerade zu einer breiten Mobilisierung der Linken.
Sigrid Baringhorst

ZEIT ONLINE: Könnte das Aufstehen gegen rechts, gegen das, was da in Chemnitz passiert, ein solches Projekt sein?

Baringhorst: Ich glaube schon, dass diese Proteste in Chemnitz gerade zu einer breiten Mobilisierung führen. Ich kenne auch an der Universität viele Studierende, die sagen: "Jetzt müssen wir eine Grenze ziehen." Und vielleicht ändert sich auch gerade der Diskurs im Netz wieder ein bisschen. Die Politisierung auch in eher privaten Kommunikationsnetzwerken etwa auf Facebook nimmt zu. Möglicherweise dreht sich das gerade.