"Das sieht aus wie ... ein Himmel?"

Das geht ja gut los. Eigentlich bin ich an diesem Tag losgezogen, um die Welt aus der Sicht einer App zu betrachten: der von Google Lens, der Bildanalyse-App des Techunternehmens. Zumindest die kleine Welt von Berlin sollte sie mir erklären können im Laufe eines längeren Spaziergangs vom Potsdamer Platz über den Pariser Platz und Alexanderplatz bis hin nach Prenzlauer Berg. Lens, das ist das Versprechen von Google, soll alles erkennen, was man mit der Kamera eines Smartphones in den Fokus nimmt. Wie also blickt eine App, letztlich eine Maschine auf die Dinge, die man als Mensch mit bloßem Auge erkennt – und dank der Leistungsfähigkeit des Hirns problemlos zuordnen kann?

Am Potsdamer Platz habe ich mein Smartphone als Erstes auf die mit Glas verkleidete Fassade des Hochhauses gerichtet, auf dem groß das Deutsche-Bahn-Logo prangt. Doch die Bilderkennung sieht dort offenbar nur den etwas bewölkten Himmel, der sich im Glas spiegelt. Nicht das Gebäude selbst, auf das ich tippe.

Na gut, vielleicht ist so ein irgendwie auch verwechselbares Hochhaus schwer zu identifizieren. Ich knipse noch ein Foto von drei Türmen, die in jeder anderen Metropole einfach Wolkenkratzer wären. In Berlin, wo es gar keine richtigen gibt, verleihen die halbwegs hohen Hochhäuser aber gleich einem ganzen Platz sein charakteristisches Aussehen.

"Das sieht aus wie ... ein Himmel?", fragt die App erneut, so als hege auch sie selbst Zweifel an ihren Fähigkeiten.

Lern mehr über die Welt, sagt Google. Aber was, bitte?

Ich versuche es noch zweimal, einmal erkennt Google Lens wieder nur Himmel, ein anderes Mal ein Restaurant, das einige Hundert Meter entfernt am Askanischen Platz liegt.

Ich bin gleich zu Beginn meines Spaziergangs etwas ratlos. Die Bildanalyse-App ist seit Juni verfügbar, mittlerweile auch auf Deutsch. Mithilfe von künstlicher Intelligenz soll sie live Objekte erkennen und identifizieren können. "Learn more about the world", heißt es vollmundig im Play-Store über die App. Bisher habe ich lediglich gelernt, dass sehr viel nach Himmel aussehen kann. Nun ja. Vielleicht ist der Potsdamer Platz auch gar nicht so charakteristisch, wie ich dachte.

Ich laufe weiter, die Ebertstraße entlang. Der Weg führt als Nächstes am Denkmal für die ermordeten Juden Europas vorbei, ein einzigartiger Ort, beeindruckend und beklemmend. Ich fotografiere die Betonstelen des Holocaust-Mahnmals, das Peter Eisenman entworfen hat.

"Das sieht aus wie ... ein Baum?"

Bitte?

Im Hintergrund sind zwar tatsächlich ein paar Bäume zu sehen, doch der Bildvordergrund wird dominiert von den Stelen. Noch ein Foto, dieses Mal ohne Bäume.

"Das sieht aus wie ... eine Fliese?"