Es sollte doch auch ohne Bildschirm gehen. So jedenfalls lautete das Produktversprechen, als die Geräteklasse der intelligenten Lautsprecher vor wenigen Jahren erfunden wurde. Zunächst wollte Amazon Echo mit einem sprechen, mit der Stimme einer gewissen Alexa. Google Home und Apples HomePod redeten später auch mit. Musik abspielen, Wecker stellen, sogar Nachrichten verschicken sollte man von zu Hause aus fortan können, ohne noch das physische Interface eines Touchscreens zu benötigen. Sprachassistenten verstanden einen auch so. Natürlich hatte man als Nutzerin und Nutzer trotzdem die Option, solche Lautsprecher auch über den Display des eigenen Smartphones zu steuern. Aber im Alltag sollte Sprechen das ewige Tippen wenigstens in den eigenen vier Wänden ablösen. Und alle Daten sollten sicher sein.

Doch kaum hat man sich daran gewöhnt, in Küche, Bad oder Schlafzimmer einen stets wachen Lautsprecher als neuen Zuhörer und Gesprächspartner zu haben, verabschiedet sich Amazon nun scheinbar langsam wieder von der Idee. Die Firma, die den Smart-Speaker-Hype 2016 mit der Vorstellung des Echo angestoßen hatte, stellte bereits im vergangenen Jahr den Echo Show vor, ein Gerät, das halb aus Lautsprecher, halb aus Bildschirm bestand. Der Echo Show wirkte wie ein erster Versuch, eine Sprachsteuerung mit einem Display zu kombinieren.

In der nun verfügbaren zweiten Generation sieht man vor lauter Bildschirm den Lautsprecher kaum noch. Der Echo Show 2 wirkt wie ein Tablet mit Standfuß, die Box ist an der Rückseite des Displays versteckt angebracht. Fast zeitgleich stellten zuletzt auch Facebook und Google eigene Video Speaker vor, sie heißen Portal und Home Hub, sind im Gegensatz zum Echo Show 2 aber noch nicht in Deutschland erhältlich: Der Google Home Hub soll im kommenden Jahr hierzulande in den Handel kommen, Facebook mag auf Nachfrage noch keinen deutschen Verkaufsstart des Portal nennen; in den USA ist er ab November vorbestellbar. Der Bildschirm also kehrt zurück, nur – warum bloß?

Küchengucken I: der Echo Show 2 © Amazon

Die Techunternehmen beantworten diese Frage mit dem vermeintlich riesigen Mehrwert. Amazon und Google wollen mit ihren Produkten den Nutzerinnen und Nutzern die Steuerung ihres Smart Home erleichtern, wofür die allerdings ihre Glühbirnen, (Selbst-)Überwachungskameras, Wasserkocher und andere Internet-der-Dinge-Dinge bereits vernetzt haben müssen. Die Video Speaker der beiden Konzerne können selbstverständlich auch einfach als Lautsprecher oder als digitaler Fotorahmen dienen. Das kann auch der Facebook Portal, der jedoch vor allem als Gerät für Videotelefonie beworben wird. Die soll mit der neuen Hardware noch besser funktionieren als über WhatsApp oder den Facebook Messenger auf dem Smartphone (Amazon bietet diese Funktion auch an).

Natürlich hat sich jeder Hersteller auch noch ein oder zwei Zusatzfeatures überlegt, mit der die Konkurrenz jeweils nicht aufwarten kann. Amazon beispielsweise preist den Echo Show 2 zusätzlich als Karaokemaschine an. An Googles Home Hub fällt die Abwesenheit einer Kamera auf, Google begründet das tatsächlich mit Datenschutz. Das Unternehmen präsentiert den Nutzerinnen und Nutzern dafür aber eine persönliche Morgenroutine und eine Schritt-für-Schritt-Kochhilfe, ein Rezept, das per Sprache abrufbar ist; Amazon testet ein solches Kochkonzept ebenso. Und dass Amazon und Facebook die neue Geräteklasse der Video Speaker auf Produktfotos bevorzugt in Küchen platzieren, kann auch kein Zufall sein (siehe die Bilder hier im Text): Wo gebrutzelt und gegessen wird, stellten zumindest Amerikaner früher gerne Zweitfernseher hin – auf dem Bildschirm eines Video Speakers könnte man nun auch Streamingvideos anschauen, die moderne Form des Fernsehens.

Der Facebook Portal, der äußerlich den Konkurrenzprodukten von Amazon und Google ähnelt, und der größere Portal+ verfügen als Videotelefoniegeräte selbstverständlich über eine Kamera. Die folgt den Bewegungen des Nutzers durch den Raum, so verliert die Chatpartnerin ihr Gegenüber am anderen Ende der Leitung nie aus den Augen. Die Videotelefonierenden können sich frei bewegen, während sie über Facebook miteinander sprechen. Diese physische Verfolgungsmechanik ist angesichts der diversen Datenskandale, in die der Social-Media-Konzern verstrickt ist, mindestens eine mutige Idee. Man könnte die Kamerabewegungen ja durchaus symbolisch verstehen: Wohin du auch gehst, liebe Nutzerin, lieber Nutzer, wir haben dich stets im Blick. Du entkommst uns nicht.

Immerhin wird Facebook ein Plastikhäubchen mitliefern, das man über das Kameraauge stülpen kann, wenn man sich ganz sicher unbeobachtet fühlen möchte. Portal wird als Sprachassistenten interessanterweise Amazons Alexa nutzen. Facebook schwört, die durch Alexa-Funktionen gesammelten Daten wirklich nur an Amazon weiterzuleiten und nicht selbst zu speichern; die Videotelefonate wiederum seien selbstverständlich verschlüsselt und Facebook werde sie in keiner Form aufzeichnen.