Für ein Zentrum der Innovation ist es hier ziemlich verstaubt. Bauarbeiter hämmern und bohren, Kabel ragen aus unverputzten Wänden, Glaswolle steht in dicken Rollen herum. Jörg Richert – groß, sportlich, lange Schritte – schlängelt sich zwischen Baumaterial hindurch. Mit Teilen seiner Organisation Karuna Zukunft für Kinder und Jugendliche in Not e. V. wird Richert im kommenden Jahr hier einziehen, ins alte Umspannwerk in Berlin-Kreuzberg. Karuna wird Untermieter. So weit, so unspektakulär.

Doch weil der Hauptmieter aus dem Silicon Valley stammt und das hier eben Kreuzberg ist, wo einst alternative Lebensmodelle erprobt wurden und ein bisschen auch die Weltrevolution im Kleinen, geht es bei der Sanierung des Umspannwerks um mehr als bloß die Frage, was aus einer ehemaligen Industrieanlage wird. Im Silicon Valley wird ja unentwegt die Zukunft erdacht. In Kreuzberg können manche ganz gut auf die des Valleys verzichten, hat sich in den vergangenen zwei Jahren gezeigt.

Die 1990 gegründete Sozialgenossenschaft Karuna kümmert sich mit ihren diversen Einrichtungen in ganz Berlin um Kinder und Jugendliche, die von Armut oder Obdachlosigkeit betroffen sind. Im Umspannwerk am Paul-Lincke-Ufer soll künftig unter anderem die Redaktion der Straßenzeitung Karuna Kompass arbeiten. "Als wir vor ein paar Monaten gerade die Zeitung herausgebracht haben, habe ich gedacht: Wir brauchen mehr Platz", sagt Jörg Richert, der Mitgründer und Geschäftsführer von Karuna ist. "Und dann habe ich einfach mal bei Google angerufen."

Nicht die gewöhnlichste Idee für eine Berliner Sozialeinrichtung in freier Trägerschaft. Doch weil Karuna zuvor den Google-Förderwettbewerb "Impact Challenge" zweimal gewonnen hatte, hatte Richert einen guten Kontakt zu dem Unternehmen aus Mountain View in Kalifornien. Der Anruf hat sich gelohnt: Google sagte zu, Karuna könne ins Umspannwerk einziehen.

"Heimat für wachsende Start-ups"

Als Gebäude war das eigentlich schon immer zu schön für seinen ursprünglichen Zweck: ein riesiger expressionistischer Backsteinbau, errichtet in den Zwanzigerjahren, eine "Kathedrale der Elektrizität", wie man damals sagte. Architektonisch so interessant, als sei der viel spätere Einzug hipper Kreativunternehmen schon vor 100 Jahren geplant worden. Inzwischen gehört der Bau dem britischen Immobilienfond Avignon Capital, der von sich sagt, er habe sich "der Wertsteigerung mit kundenorientierten, innovativen und umfassenden Lösungen" verschrieben. Passend dazu gehören Red Bull, eine Eventlocation und ein schickes Restaurant bereits zu den Mietern. 3.000 Quadratmeter aber sind noch frei.

Die sollten Start-ups beziehen. Ein Google Campus sollte in Kreuzberg entstehen, der siebte auf der Welt nach den bereits bestehenden in London, Madrid, São Paulo, Seoul, Tel Aviv und Warschau. "Mit dem Google Campus wollen wir unternehmerische Initiative und Gründergeist fördern", sagt Ralf Bremer, Pressesprecher von Google Deutschland. "Die Gründerszene vor Ort kann sich dort treffen und organisieren."

Eine "Heimat für wachsende Start-ups" sollte der Berliner Campus werden, Google wollte diese in einem Mentorenprogramm begleiten. Das waren die Pläne, die das Unternehmen Ende 2016 für Kreuzberg öffentlich machte. Höchstens zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Google sollten mit einziehen. Es sollte Coworkingbereiche geben, außerdem ein Café. "Starke Gemeinschaft, starker Kaffee", schreibt Google auf seiner Homepage.

Jörg Richert von Karuna. Für sein Engagement für Kinder und Jugendliche hat er bereits das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen. © Jakob Weber für ZEIT ONLINE

Unter der Glasdecke des geplanten Cafés steht nun Jörg Richert, schaut nach oben und sagt: "Jetzt werden wir hier Workshops abhalten."

Denn es wird kein Google-Café geben und keinen Google Campus, das alte Umspannwerk wird auch keine "Heimat für wachsende Start-ups" werden. Stattdessen ziehen gemeinnützige Organisationen und Projekte ein. Richert sagt: "Vor ein paar Monaten fragte uns Google: 'Könnt ihr euch auch vorstellen, das ganze Haus zu übernehmen? Könnt ihr das leisten?' Wir haben ja gesagt."

Ende Oktober verkündete Google schließlich die Entscheidung: Karuna übernimmt gemeinsam mit der Betreiberfirma der Spendenplattform Betterplace das Haus, in dem künftig innovative Ideen für die Gesellschaft entstehen sollen. 14 Millionen Euro gibt Google nach eigenen Angaben für den Umbau, die Ausstattung und für Miete und Nebenkosten in den nächsten fünf Jahren aus. Und so wurde Richert plötzlich zum Mitbetreiber der noch freien 3.000 Quadratmeter des Umspannwerks, einem Viertel der Fläche des gesamten Gebäudes.

Die lokale Stadtpolitik reagierte auf den Beschluss ungefähr so, wie es zu erwarten gewesen ist. Die Wirtschaftssenatorin Ramona Pop von den Grünen ließ mitteilen, das seien interessante Pläne: "An der Schnittstelle zwischen sozial-ökologischem Wirtschaften und innovativen Tech-Lösungen steckt viel Potenzial für die Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen." Sebastian Czaja, FDP-Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus und einer der lautesten Oppositionspolitiker, hingegen sagte: "Kiez- und Milieuschutz-Fanatiker" dürften sich nun weiter ermutigt fühlen, "jegliche Veränderung radikal zu torpedieren".

Doch wer oder was hat Google zum Umdenken gebracht? Der 100-Milliarden-Dollar-Umsatz-Tech-Konzern aus Amerika ist vor ein paar Kreuzberger Nachbarschaftsaktivisten in die Knie gegangen: Das ist zumindest eine Art, wie man die Sache betrachten könnte.