Die Digitalisierung gehört zu Deutschland – Seite 1

Techkonferenzen sind was Wundervolles. Es gibt bald jeden Tag eine irgendwo, Leute reden dort über die Zukunft. Von der müssen sie nicht zwingend sagen können, wann sie, die Zukunft, mal zur Gegenwart wird. Und ob sie dann nicht ganz anders aussehen wird, als sie sich die Leute in der dann längst zur Vergangenheit gewordenen Zeit einmal vorgestellt haben. Konsequenzfreier, überhaupt freier als auf Techkonferenzen lässt sich also kaum sprechen. Und weil die meisten im Internet livegestreamt werden, muss man nicht mal selbst hingehen. Außer man gehört zum Beispiel der Bundesregierung an und es ist mal wieder Digital-Gipfel.

Der ist so etwas wie die Königin unter den deutschen Techkonferenzen. Sie fand am Montag und Dienstag nun zum zwölften Mal auf Einladung der Bundesregierung statt, diesmal in Nürnberg. Weshalb neben der Bundeskanzlerin, dem Bundeswirtschaftsminister, dem Bundesinnenminister, der Bundesforschungsministerin, dem Bundesverkehrsminister und der Staatministerin für Digitalisierung (der Bundesarbeitsminister fehlte krankheitsbedingt) als Gastgeber auch der bayerische Ministerpräsident etwas zur Zukunft sagen konnte. "Digitalisierung ist die spannendste Veränderung, die wir in der gesellschaftlichen Entwicklung überhaupt haben", sagte Markus Söder am Dienstag. "Es ist die lautloseste Revolution, die es je gegeben hat. Und es ist die schnellste."

Dafür aber, könnte man nun einwenden, wird schon recht lange und laut über die Digitalisierung geredet. In Deutschland ganz speziell, denn in anderen Sprachen gibt es zu diesem Begriff keine wirkliche Entsprechung, weder semantisch noch inhaltlich. Das hiesige Software-Haus SAP zum Beispiel differenziert in einem gar nicht so alten Blogeintrag auf Englisch noch mal die durchaus verschiedenen Prozesse digitization, digitalization und digital transformation aus, die alle Teil dessen sind, was Deutsche unter anderem so mit Digitalisierung zu meinen scheinen. Die ist so etwas wie die Currywurst unter den Buzzwords: Keiner weiß so genau, was alles drin ist, aber in Deutschland nimmt sie jeder in den Mund. Those funny Germans!

Privatjets für alle

Beim diesjährigen Digital-Gipfel sollte es um ein anderes, das gerade wohl am häufigsten extemporierte Tech-Buzzword gehen: künstliche Intelligenz (KI). Doch die Bundeskanzlerin etwa mied in ihrer Keynote den Terminus ebenso wie das Thema überhaupt. Angela Merkel sprach lieber über etwas, das nicht allzu fern in der Zukunft liegen soll: die Einführung des neuen Mobilfunkstandards 5G in Deutschland. Die Bundesnetzagentur versteigert Anfang kommenden Jahres die Lizenzen dafür. Der Standard gilt als Voraussetzung für als kommende Technologien identifizierte Sachen wie das autonome Fahren, eine irgendwie digitalisierte Landwirtschaft und Medizin – und überhaupt alle künftige Anwendungen, für deren Funktionieren große Mengen an Daten schnell durch Netze transportiert werden müssen.

Die Telekommunikationsfirmen, die die Lizenzen ersteigern sollen, sind offenbar nicht sehr glücklich mit den (politisch gewollten) Vorgaben der Netzagentur, etwa zur künftigen Abdeckung des Landes mit 5G. So sagte Telekom-Chef Tim Höttges, als er auf dem Digital-Gipfel nun bei einem Panel neben Verkehrsminister Andreas Scheuer stand: "Ich bin für Privatjets für alle. Wenn man die Forderungen nach 5G hört – man fordert als Politiker eine 5G-Versorgung in jedem Winkel bis zur Milchkanne und überall. Und sagt, die Privatwirtschaft soll das bezahlen. Und das sind Privatjets, die jeder bekommen kann, aber bei denen keiner die Frage stellt, wie’s geht."

(Der womöglich künftige CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz war zwar nicht anwesend in Nürnberg, ist aber offenkundig Auslöser für die Wiedereinführung von Privatjetvergleichen im politischen Diskurs – seit den seligen Flugbenzinbesteuerungszeiten von Franz Josef Strauß wurde über Privatflieger in Deutschland ja kaum mehr geredet! Den aktuellen Vertretern des Bundeskabinetts wurde beim Digital-Gipfel dann noch ein Prototyp des geplanten Elektrokleinjets des Münchner Startups Lilium vorgeführt, der für den ebenso ironischen Senkrechtstart des Wortes "Flugtaxi" in deutschen Zukunftsdebatten mitverantwortlich ist.)

Angela Merkel hingegen bemühte, ohne sich metaphorisch direkt auf Höttges zu beziehen, bei ihrer Rede einen raumakustischen Vergleich beim Thema 5G und der bis heute in Deutschland nicht erreichten kompletten Mobilfunknetzabdeckung schlechthin: "Nicht überall braucht man die Tonqualität der Berliner Philharmonie, aber überall sollte man Töne hören." Die Digitalisierung, so konnte man das verstehen, wird in Deutschland als Staatsaufgabe vor allem in der Bereitstellung von Infrastruktur und unter anderem als Funklochstopfung und Breitbandverlegung verstanden, für die jedoch tatsächlich Privatfirmen zuständig sind. Die Politik aber kriegt im Zweifel die Beschwerden aller ab, die der Telekomunternehmen wie die ihrer Kunden, den Bürgerinnen und Bürger.

Die immerhin sollen, sagte Merkel noch, ab dem Jahr 2022 sämtliche "550 bis 575 Verwaltungsdienstleistungen", bei denen man es als Bürger und Bürgerin mit kommunalen Stellen bis Bundesbehörden zu tun bekommen kann, in einem lange schon versprochenen Onlinebürgerportal digital abwickeln können. Staatsministerin Dorothee Bär präzisierte später, es seien exakt 575. Auch Bundesinnenminister Horst Seehofer hatte bereits am Montag in Nürnberg recht ausführlich über das kommende Onlinebürgerportal gesprochen – bei einer Veranstaltung indes, bei der eigentlich über "Künstliche Intelligenz und Cybersicherheit" diskutiert werden sollte. Aber irgendwie ist ja alles digital.

In Nürnberg oblag es dem Bundeswirtschaftsminister, von der weiter entfernten Zukunft zu träumen, zumindest wenn es um künstliche Intelligenz geht: Peter Altmaier schlug die Schaffung eines "Airbus für die KI" vor, also eines staatenübergreifenden europäischen KI-Konzerns, der nach dem Vorbild des Luftfahrtkonzerns (schon wieder Flugzeuge!) bei KI-Anwendungen jedoch nicht nur der übermächtigen Konkurrenz aus den USA trotzen könnte, sondern auch der kommenden KI-Supermacht China. In beiden Staaten investieren sowohl die öffentliche Hand als auch die dort beheimateten großen Techkonzerne viele Milliarden in die Fortentwicklung der Technologie.

Europa im KI-Sandwich

Und so hat sich nicht erst auf dem diesjährigen Digital-Gipfel als Arbeitshypothese durchgesetzt, dass Europa bei der Fortentwicklung künstlicher Intelligenz wie in einem Sandwich zusammengepresst werden wird – nur dass es leider nicht der Fleischklops in der Mitte ist. Es gibt heute eben zum Beispiel nicht einen einzigen wesentlichen europäischen Techkonzern. Europa ist in diesem Burgerbild eher das welke Salatblättchen. Da will auch die EU-Kommission den Kontinent nicht enden sehen. Die Kommission stellt am Mittwoch – nachdem die Regierungen von Deutschland ebenso wie Frankreich zuletzt bereits ihre nationalen KI-Strategien präsentiert haben – ihren eigenen Aktionsplan vor, der die Bemühungen in dem Bereich bündeln soll.

Die Grundlagenforschung sei vor allem in Deutschland großartig. Was fehle, sei die Umsetzung in insbesondere kommerziell verwertbare Anwendungen: Das ist der andere Teil der Arbeitshypothese zur künstlichen Intelligenz in Deutschland. Womit jedenfalls derzeit noch vor allem das Maschinenlernen und Deep Learning gemeint ist, bei dem es um keine "Intelligenz" im menschlichen oder gar universellen Sinne geht und das bisher nur für sehr spezifische Anwendungen entwickelt wird, etwa für Bilderkennungssysteme, die selbst lernende Systeme sein sollen. Dass die Maschinen in der Praxis mit dem Lernen noch arge Probleme haben und entsprechende technologische Ansätze womöglich (noch) engere Grenzen gesetzt sind als gern zugegeben, hat vor wenigen Tagen der prominente New Yorker Neurowissenschaftler Gary Marcus in einem ausführlichen Text geschildert, nachdem er in einen größeren Twitter-Sturm wegen seiner zukunftsskeptischen Haltung geraten war.

Wer will überhaupt haben, was alles möglich ist?

Andererseits, und das ist das relativ Unschöne an der Zukunft, ist womöglich gar nicht so entscheidend, was alles mal technologisch möglich sein wird – sondern ob es überhaupt jemand haben will. Dass zum Beispiel in einer zeitlich nicht genau bestimmbaren Zukunft ein Großteil der (oder gar sämtliche) motorisierten Bewegungen nicht nur auf deutschen Straßen autonom geschehen werden, ist bislang auch nicht mehr als eine Arbeitshypothese von Zukunftsforschern und, eher widerwillig, Automobilherstellern – und kein kommendes Naturgesetz. Wer außer dem Güter- und Personentransportwesen, das alle Fahrergehälter einsparen könnte, hat überhaupt ein Interesse daran?

Die deutschen Autofahrer und Autofahrerinnen? Die zeigen seit Jahrzehnten jeden Tag mit ihrem Durchhaltewillen im Stau, dass sie bislang sehr gut darauf verzichten können, zur Arbeit oder sonst wohin gefahren zu werden, um die Zeit unterwegs für andere Dinge zu nutzen (arbeiten, lesen, Podcasts hören, YouTube glotzen – aber nur, wenn die Handyverbindung hält). Würde eine künftige Regierung also versuchen, ihren Bürgerinnen und Bürgern das eigenhändige Steuern von Autos zu verbieten? Niemals. Ein Aufstand wäre sonst sicher. Welche Anreize könnte eine Regierung stattdessen bieten, aufs autonome Gefahrenwerden umzusteigen? Mit welchen Vorteilen könnte sie für ein autonomes Verkehrssystem werben, was brächte es der Allgemeinheit? Schon heute müssen Autofahrer (im Gegensatz etwa zu Fahrradfahrern) nicht mehr sonderlich um Leib und Leben fürchten, wenn sie in einen Unfall geraten. Dass in einem digital gesteuerten Verkehrssystem mutmaßlich fast keine mehr vorkämen, macht es also nicht automatisch attraktiv.

Eines fernen Tages

Und was die möglichen Anwendungen von KI betrifft: Mit Ausnahme der Rüstungs- und zum Teil Sicherheitstechnologie, die fast jeder Marktlogik enthoben in staatlichem Auftrag eben vor allem in China und den USA entwickelt werden, muss sich auch überall sonst der Einsatz möglicher KI-Anwendungen und Assistenzsysteme erst mal wirtschaftlich lohnen.

Nur weil eine als Zukunftstechnologie identifizierte Methodik Produktivitäts-, Effizienz-, Automatisierungs- und Rationalisierungsgewinne verspricht, wird sie ja nicht gleich in jedem erdenklichen Bereich eingesetzt. Und ob die großen privatwirtschaftlichen KI-Antreiber Google und Facebook als Konzerne überhaupt noch in ihrer heutigen Form sehr lange weiterexistieren werden, ist nicht garantiert. Die Diskussionen darüber, ob ein marktbeherrschendes Unternehmen wie Google womöglich zerschlagen gehört, haben im US-Kongress erst begonnen. Andererseits ist gar nicht klar, ob die Monetarisierung von Daten, mit der Google und Facebook wesentlich ihr Geld verdienen, noch besonders lang ein gewinnbringendes Geschäftsmodell sein wird. So wie Facebook mit Nutzerdaten umgeht, könnten die Leute irgendwann die Lust an Social Media schlechthin verlieren.

Die Zukunft ist erst mal nur eine Erzählung. Angst ist darin ein möglicher Handlungsmotor – und die Erzählung vom Abgehängtsein oder baldigen Abgehängtwerden Deutschlands an der im weitesten Sinne digitalen Entwicklung ist mindestens so alt wie der letzte Nixdorf-Personal-Computer, der in Paderborn zusammengeschraubt wurde und mit dem im allgemeinen Verständnis die deutsche Computerindustrie unterging. Die Nachnachnachfolgerfirma von Nixdorf heißt übrigens Fujitsu Technology Systems, ist heute Europas größter Computerhersteller und hat ihren Hauptsitz in München.

Eines fernen Tages könnten wir uns fragen, was das eigentlich sein sollte: diese Digitalisierung. Und wieso Bundesregierungen diese sehr deutsche Spezialität auf Digital-Gipfeln diskutieren ließen. Staatsministerin Bär jedenfalls kündigte am Dienstag in Nürnberg nach der nationalen KI-Strategie noch eine kommende nationale Blockchain-Strategie an, womit womöglich das Digital-Gipfel-Thema für kommendes Jahr schon gesetzt wäre. Man werde, sagte Bär, das nun "abarbeiten". Auch eine Art, die Zukunft zu betrachten.