Und so hat sich nicht erst auf dem diesjährigen Digital-Gipfel als Arbeitshypothese durchgesetzt, dass Europa bei der Fortentwicklung künstlicher Intelligenz wie in einem Sandwich zusammengepresst werden wird – nur dass es leider nicht der Fleischklops in der Mitte ist. Es gibt heute eben zum Beispiel nicht einen einzigen wesentlichen europäischen Techkonzern. Europa ist in diesem Burgerbild eher das welke Salatblättchen. Da will auch die EU-Kommission den Kontinent nicht enden sehen. Die Kommission stellt am Mittwoch – nachdem die Regierungen von Deutschland ebenso wie Frankreich zuletzt bereits ihre nationalen KI-Strategien präsentiert haben – ihren eigenen Aktionsplan vor, der die Bemühungen in dem Bereich bündeln soll.

Die Grundlagenforschung sei vor allem in Deutschland großartig. Was fehle, sei die Umsetzung in insbesondere kommerziell verwertbare Anwendungen: Das ist der andere Teil der Arbeitshypothese zur künstlichen Intelligenz in Deutschland. Womit jedenfalls derzeit noch vor allem das Maschinenlernen und Deep Learning gemeint ist, bei dem es um keine "Intelligenz" im menschlichen oder gar universellen Sinne geht und das bisher nur für sehr spezifische Anwendungen entwickelt wird, etwa für Bilderkennungssysteme, die selbst lernende Systeme sein sollen. Dass die Maschinen in der Praxis mit dem Lernen noch arge Probleme haben und entsprechende technologische Ansätze womöglich (noch) engere Grenzen gesetzt sind als gern zugegeben, hat vor wenigen Tagen der prominente New Yorker Neurowissenschaftler Gary Marcus in einem ausführlichen Text geschildert, nachdem er in einen größeren Twitter-Sturm wegen seiner zukunftsskeptischen Haltung geraten war.

Wer will überhaupt haben, was alles möglich ist?

Andererseits, und das ist das relativ Unschöne an der Zukunft, ist womöglich gar nicht so entscheidend, was alles mal technologisch möglich sein wird – sondern ob es überhaupt jemand haben will. Dass zum Beispiel in einer zeitlich nicht genau bestimmbaren Zukunft ein Großteil der (oder gar sämtliche) motorisierten Bewegungen nicht nur auf deutschen Straßen autonom geschehen werden, ist bislang auch nicht mehr als eine Arbeitshypothese von Zukunftsforschern und, eher widerwillig, Automobilherstellern – und kein kommendes Naturgesetz. Wer außer dem Güter- und Personentransportwesen, das alle Fahrergehälter einsparen könnte, hat überhaupt ein Interesse daran?

Die deutschen Autofahrer und Autofahrerinnen? Die zeigen seit Jahrzehnten jeden Tag mit ihrem Durchhaltewillen im Stau, dass sie bislang sehr gut darauf verzichten können, zur Arbeit oder sonst wohin gefahren zu werden, um die Zeit unterwegs für andere Dinge zu nutzen (arbeiten, lesen, Podcasts hören, YouTube glotzen – aber nur, wenn die Handyverbindung hält). Würde eine künftige Regierung also versuchen, ihren Bürgerinnen und Bürgern das eigenhändige Steuern von Autos zu verbieten? Niemals. Ein Aufstand wäre sonst sicher. Welche Anreize könnte eine Regierung stattdessen bieten, aufs autonome Gefahrenwerden umzusteigen? Mit welchen Vorteilen könnte sie für ein autonomes Verkehrssystem werben, was brächte es der Allgemeinheit? Schon heute müssen Autofahrer (im Gegensatz etwa zu Fahrradfahrern) nicht mehr sonderlich um Leib und Leben fürchten, wenn sie in einen Unfall geraten. Dass in einem digital gesteuerten Verkehrssystem mutmaßlich fast keine mehr vorkämen, macht es also nicht automatisch attraktiv.

Eines fernen Tages

Und was die möglichen Anwendungen von KI betrifft: Mit Ausnahme der Rüstungs- und zum Teil Sicherheitstechnologie, die fast jeder Marktlogik enthoben in staatlichem Auftrag eben vor allem in China und den USA entwickelt werden, muss sich auch überall sonst der Einsatz möglicher KI-Anwendungen und Assistenzsysteme erst mal wirtschaftlich lohnen.

Nur weil eine als Zukunftstechnologie identifizierte Methodik Produktivitäts-, Effizienz-, Automatisierungs- und Rationalisierungsgewinne verspricht, wird sie ja nicht gleich in jedem erdenklichen Bereich eingesetzt. Und ob die großen privatwirtschaftlichen KI-Antreiber Google und Facebook als Konzerne überhaupt noch in ihrer heutigen Form sehr lange weiterexistieren werden, ist nicht garantiert. Die Diskussionen darüber, ob ein marktbeherrschendes Unternehmen wie Google womöglich zerschlagen gehört, haben im US-Kongress erst begonnen. Andererseits ist gar nicht klar, ob die Monetarisierung von Daten, mit der Google und Facebook wesentlich ihr Geld verdienen, noch besonders lang ein gewinnbringendes Geschäftsmodell sein wird. So wie Facebook mit Nutzerdaten umgeht, könnten die Leute irgendwann die Lust an Social Media schlechthin verlieren.

Die Zukunft ist erst mal nur eine Erzählung. Angst ist darin ein möglicher Handlungsmotor – und die Erzählung vom Abgehängtsein oder baldigen Abgehängtwerden Deutschlands an der im weitesten Sinne digitalen Entwicklung ist mindestens so alt wie der letzte Nixdorf-Personal-Computer, der in Paderborn zusammengeschraubt wurde und mit dem im allgemeinen Verständnis die deutsche Computerindustrie unterging. Die Nachnachnachfolgerfirma von Nixdorf heißt übrigens Fujitsu Technology Systems, ist heute Europas größter Computerhersteller und hat ihren Hauptsitz in München.

Eines fernen Tages könnten wir uns fragen, was das eigentlich sein sollte: diese Digitalisierung. Und wieso Bundesregierungen diese sehr deutsche Spezialität auf Digital-Gipfeln diskutieren ließen. Staatsministerin Bär jedenfalls kündigte am Dienstag in Nürnberg nach der nationalen KI-Strategie noch eine kommende nationale Blockchain-Strategie an, womit womöglich das Digital-Gipfel-Thema für kommendes Jahr schon gesetzt wäre. Man werde, sagte Bär, das nun "abarbeiten". Auch eine Art, die Zukunft zu betrachten.