Der Raum, in den Apples Chefdesigner am besten passt, ist weiß. Weiße Wände, weiße Decke, makellos gestrichen. Kühl, aber nicht kalt.

Eine Art dieses Raumes sah man in jedem Apple-Produktvideo. Apples Manager saßen dort und erzählten, warum das neue Handy, Tablet oder Notebook so phänomenal sei, wie Apples Produkte eben phänomenal sein sollen. Vor dem weißen Hintergrund sahen sie aus wie Menschen in einem Studio. Nur Ive wirkte anders. Er schien zum Raum zu gehören. Als wohnte er dort, wo kein Staubkorn und kein Fingerabdruck die reine Lehre der Gestaltung stört. Seine Lehre.

Der größte Verlust für Apple. Und der größte Glücksfall

Mit seiner Lehre hat er Apple geprägt, seit er 1996 die Designabteilung leitete. Jetzt wird er die Firma verlassen. Das kündigte Apple am Donnerstag in einer Pressemitteilung an. Ive wolle eine unabhängige Designfirma gründen, deren Kunde Apple sein werde. Ive sagte, er werde weiter an Apple-Produkten arbeiten. Sein Abschied von Apple ist der größte Verlust seit dem Tod des Mitgründers Steve Jobs. Und der größte Glücksfall.

Ive hat all die Produkte gestaltet, die Apple von einem Unternehmen, das kurz vor der Pleite stand, zu einem der wertvollsten der Welt gemacht haben. Produkte, die sich teilweise Hunderte Millionen Male verkauft haben. Aber er führte mit seinen Ideen die Produkte zuletzt teilweise so weit, dass die Idee mehr zu zählen schien als das Produkt.

Jony Ive selbst tritt öffentlich kaum auf, von einigen Marketingvideos und Vorträgen abgesehen. Die einzige Ausnahme ist ein Porträt über ihn im US-Magazin New Yorker, für das er mehrfach mit dem Autor sprach und ihm auch die Räume zeigte, in dem Apple seine Produkte entwickelt. Um Ives Einfluss auf Apple und die Welt zu verstehen, muss man daher die Dinge anschauen, die er gestaltete.

Ein "Personal Computer" mit Persönlichkeit

Seine erste große Idee war ein Computer: der iMac G3. Es war der erste Computer, den Apple baute, nachdem Steve Jobs zu der Firma, die er einst gegründet hatte, zurückgekehrt war. Es war ein Computer, der anders aussah als alle anderen auf dem Markt erhältlichen: Er war nicht grau, sondern milchig-weiß, orange oder türkis. Er war kein Rechteck, sondern sah aus wie ein abgerundeter Kiesel mit einem Bildschirm. Es war ein Computer, der nicht öde war, sondern schön. Die Konkurrenz hieß damals Micro Express MicroFlex-c400A, der Apple-PC hieß: iMac. Er war teuer, verlor im Leistungsvergleich mit anderen Rechnern. Aber es war ein Personal Computer mit einer Persönlichkeit. Und er wurde zu einem Erfolgsprodukt, dem ersten der Firma Apple, wie wir sie heute kennen.

Ive sagte dem US-Magazin New Yorker, ab Jobs' erstem Tag zurück bei Apple hätten sie begonnen, den iMac zu entwickeln. Die beiden arbeiteten bis zu Jobs Tod eng zusammen. Bei der Trauerfeier sagte Ive, Jobs sei sein "engster und treuster Freund" gewesen. Der iMac war das erste Produkt, das Ive gemeinsam mit Steve Jobs entwickelte.

Schon diese erste Idee des iMacs umfasst alles, was Ives Produkte auszeichnet: Computer sollten schön sein, zugänglich, sich gut anfühlen, leicht zu benutzen. Sie strahlen Ruhe aus. Aber manchmal litt die Benutzbarkeit sogar unter diesem Anspruch: Die runde Maus, die Ive für den iMac gestaltete, war schön, aber für eine menschliche Hand nicht zu gebrauchen, man konnte sie nur umständlich festhalten. Und außerhalb von Ives keimfreier weißer Welt staubte auch der iMac ein. Auf seiner weißen Schale glänzten Fingerabdrücke hässlich.