Hört da wer mit? Sind gelöschte Bilder wirklich weg? Macht mich mein Smartphone süchtig? Welche dieser Sorgen berechtigt sind und welche übertrieben, ergründet der ZEIT-ONLINE-Schwerpunkt "Digitale Ängste". Dieser Artikel ist Teil davon.

Auf dem Smartphone ist man schneller auf dem Auslöser ausgerutscht, als man den Bildschirm entsperren kann. Und so gibt es sie dutzendfach: versehentlich aufgenommene Selfies der eigenen Nasenlöcher in Großaufnahme. Verwackelt sind sie auch noch – schnell weg damit. Ein Tippen auf den Mülleimer, schon ist das Foto gelöscht. Oder?

In der Fotogalerie taucht die Aufnahme zwar nicht mehr auf. Sie ist aber zunächst nur in den Ordner mit den entfernten Dateien verschoben worden. Bei Apple-Geräten zum Beispiel liegen sie im "Zuletzt gelöscht"-Ordner der Foto-App. Googles Foto-App hingegen bewahrt sie im Papierkorb auf. In solchen Ordnern bleibt das peinliche Selfie oder der riskante Screenshot der eigenen Kreditkarten-Pin je nach Anbieter noch mehrere Wochen bestehen – in den iCloud-Fotos von Apple sind es 30 Tage, bei Google-Fotos 60. Man kann die Bilder aber auch vor Ablauf der Frist händisch noch mal entfernen.

Gelöscht ist so ein Bild dann aber immer noch nicht. Egal, ob Nutzerinnen und Nutzer Fotos lokal auf ihrem Smartphone speichern oder in der Cloud – sie müssen damit rechnen, dass sie nach dem Löschen noch länger existieren. Und zwar so lange, dass es unangenehm werden kann.

Besonders, wenn die Fotos etwas dokumentieren, das nicht nur ein Ausrutscher auf dem Auslöser war. Was, wenn sie etwas zeigen, das einem peinlich ist, oder sogar gefährlich werden kann? Den Ausschlag am Po zum Beispiel. Nacktbilder, die man mit der Partnerin oder dem Date geschossen hat? Fotos der Kinder, die nichts im Netz verloren haben oder Aufnahmen der Sauftour mit den Kollegen? All diese Bilder sollen möglichst rasch verschwinden – für immer.  

Die Kopie der Kopie der Kopie

Ein Selfie vom Smartphone zu löschen ist zunächst in etwa so, als würde man die eigene Telefonnummer aus dem Telefonbuch entfernen lassen. Die Nummer existiert zwar noch, kann aber nur noch von Menschen angerufen werden, die sie kennen. Für das Selfie bedeutet das: Die Bilddatei ist weiter im Speicher vorhanden, kann aber nicht mehr ohne Weiteres wiedergefunden werden, weil der Verweis auf den Speicherort des Fotos im entsprechenden Verzeichnis entfernt wurde. Expertinnen und Experten könnten sie noch immer auf dem Speicher des Telefons wiederfinden, wenn sie ihn auslesen. Bedeutet: die Datei wird vom System zwar als freier Speicherplatz gekennzeichnet – sie existiert dort aber weiter, bis sie mit neuen Daten überschrieben wird. 

Das ist bei allen Computern so: Um ein Speichermedium wirklich von allen privaten Informationen zu bereinigen – etwa, weil man einen alten PC entsorgen will –, genügt es nicht, den Speicher zu löschen oder zu formatieren. Das Gerät muss entweder zerstört – zum Beispiel geschreddert – oder mit einer speziellen Software bestenfalls mehrfach überschrieben werden, damit die darauf verbliebenen Daten nicht mehr rekonstruierbar sind.

Die Daten werden irgendwann überschrieben – allerdings habe ich nicht in der Hand, wann.
Gunther Schiefer, Karlsruher Institut für Technologie

Bei Cloud-Diensten ist das Verfahren viel undurchsichtiger. Millionen Menschen nutzen die Cloud, weil sie praktisch ist: Nutzerinnen und Nutzer können von überall aus auf ihre Daten zugreifen – egal, ob das Gerät verloren geht, ins Klo fällt oder sie ihre Dateien von einem anderen, mit der Cloud verbundenen Gerät aus nutzen wollen. Seine Fotos mit der Cloud synchronisieren bedeutet aber auch: Irgendwo in den Rechenzentren dieser Welt sind Kopien der Bilder gespeichert. Sollen die wirklich gelöscht werden, müssen sie auch dort von den Festplatten der Server verschwinden.

Dieser Prozess beginnt aber erst, wenn die Löschfrist für das Foto auf dem Smartphone verstrichen ist oder das Bild manuell aus dem Ordner entfernt worden ist. Synchronisiert sich das Smartphone das nächste Mal mit der Cloud, wird auch im Cloud-Rechenzentrum, in dem die Datei für alle aktiven Zugriffe gespeichert ist, registriert, dass das Selfie entfernt werden soll. 

"Clouddienste arbeiten im Prinzip wie der heimische PC auch", sagt Gunther Schiefer, der am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) zu Cloud-Computing forscht. "Löschen heißt auch dort erst mal nur: Ich lösche den Verweis auf diese Datei aus dem Verzeichnis." Damit ist sie nicht mehr direkt auffindbar – existiert aber immer noch auf den Datenträgern des Rechenzentrums. "Die Daten selbst werden irgendwann überschrieben – allerdings habe ich nicht in der Hand, wann genau das passiert."