Dreimal hatte Bürgermeister Patrice-Christian-Roger Langer den Bunker kontrolliert. Aber aufgefallen war ihm nichts, als er die Räume durchschritt, in denen er selbst 11 Jahre lang am Großrechner gearbeitet hatte. Hinter jede Tür durfte er sehen. Nirgends erkannte er etwas Ungewöhnliches, abgesehen natürlich von den vielen Computern. Aber was sollte man von einem Rechenzentrum auch anderes erwarten.

Dass diese 290 Server einen der wichtigsten Knotenpunkte im kriminellen Teil des internationalen Darknets bildeten, konnte Bürgermeister Langer während seiner Besuche nicht sehen. Auch nicht, dass Kriminelle über Onlineshops, die auf den Servern verwaltet wurden, in großem Stil Drogen, gefälschte Dokumente, gestohlene Daten und Kinderpornografie handelten. Oder dass diese Rechner dazu dienten, umfangreich angelegte Cyberangriffe auszuführen.

Am vergangenen Freitag stürmten Beamte der GSG 9 und der rheinland-pfälzischen Polizei den früheren Bundeswehr-Bunker, hoch oben gelegen auf dem Mont Royal über dem beschaulichen Moselort Traben-Trarbach. Zuvor hatten sie die mutmaßlichen Täter unter einem Vorwand aus ihrem Unterschlupf gelockt und auf dem 13 Hektar großen Gelände festgenommen: vier Niederländer (59, 49, 33 und 24 Jahre alt), eine 52 Jahre alte deutsche Frau, einen 23-jährigen Deutschen und einen 39 Jahre alten Bulgaren.

Kriminelle Vereinigung

Die Generalstaatsanwaltschaft Koblenz wirft den sechs Verdächtigen die Bildung einer kriminellen Vereinigung vor. Sie hätten unter dem Namen "Cyberbunker" ein Rechenzentrum betrieben, "dessen einziger Zweck es war, Webseiten krimineller Täter zu speichern und diesen ihre Straftaten so erst zu ermöglichen". Es ist das erste Mal, dass deutsche Behörden einen solchen sogenannten Bulletproof-Hoster ausheben.

Eigentlich, so lautete das Versprechen der Betreiber an ihre kriminellen Kunden, sollten ihre Server kugelsicher – bulletproof – sein, weil es für Außenstehende unmöglich sei, an die darauf liegenden Daten zu gelangen. Doch nun werten Ermittler des rheinland-pfälzischen Landeskriminalamts seit Tagen die Server im Bunker aus und analysieren Unmengen von Daten krimineller Geschäfte.

Betreiber des Bunkers und Hauptverdächtiger ist der Niederländer Herman-Johan X. Er ist 59 Jahre alt. Sein ursprünglicher Beruf ist nicht bekannt. Laut Einwohnermeldeamt hatte er offiziell in Deutschland gelebt, sich aber nach Singapur abgemeldet. Tatsächlich wohnte er in der Bunkeranlage in Traben-Trarbach und war auch gelegentlich im Ort zu sehen.

Sehr kooperativ

Bürgermeister Langer ist froh, "dass der Knoten endlich geplatzt ist", wie er es ausdrückt. Seit X. im Jahr 2013 in den Bunker eingezogen war, hatte es im Ort Gerüchte gegeben, dass mit dem Rechenzentrum etwas nicht stimmen könne. Vor allem die auf dem Gelände freilaufenden aggressiven Hunde hätten den Leuten Angst gemacht, sagt Langer.

Mehrfach hätte X. sich bemüht, die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger zu zerstreuen. "Herr X. war sehr kooperativ, wir durften uns jeden Raum ansehen", berichtet Langer. "Nur die Frage, was auf den Computern läuft, die konnte uns keiner beantworten." Er wolle Unternehmen einen sicheren Ort für die Lagerung von Daten anbieten, habe X. erzählt. 80 bis 100 Arbeitsplätze habe er der Gemeinde versprochen. Gekommen seien diese Arbeitsplätze nie.

Das ist wenig erstaunlich, wenn man weiß, wem die Server als Heimat dienten: Auf der Seite Cannabis Road waren beispielsweise 87 Verkäufer illegaler Rauschmittel registriert, die Tausende Verkäufe abwickelten. Der Wall Street Market war der zweitgrößte illegale Onlinemarktplatz der Welt für Drogen, ähnlich organisiert wie eBay. Die Ermittler konnten allein dort 250.000 Geschäfte mit Betäubungsmitteln identifizieren, mit einem Umsatz von mehr als 41 Millionen Euro. Auch eine schwedische Drogenhandelsplattform namens Flugsvamp 2.0 wurde in Traben-Trarbach gehostet, auf der rund 10.000 Käuferinnen und Käufer unterwegs waren, dazu weitere Onlineshops für synthetische Drogen. "Wir haben auf den Servern bisher nichts gefunden, was legal wäre", sagte der Sprecher der Koblenzer Generalstaatsanwaltschaft Mario Mannweiler.

All das spielte sich an einem Ort ab, der in den Siebziger- und Achtzigerjahren noch ein wichtiger Teil der Sicherheitsarchitektur der Bundesrepublik gewesen war. Damals galt der Bunker als einer der modernsten im Land. Bis zu 80 Tage lang konnte die Anlage im Kriegsfall autark betrieben werden und die in den fünf Kellergeschossen dienenden 350 Soldaten am Leben halten. Von Traben-Trarbach aus versorgten sie die Bundeswehr mit Wetterdaten und Karten und betrieben Forschung zu Wettermodellen. Im zweiten Untergeschoss stand ein Großrechner von Siemens, "einer der modernsten der Welt", sagt Langer. Doch in den Nullerjahren strukturierte sich die Bundeswehr um, die Dienststelle ging mit anderen im Amt für Geoinformationswesen auf, der Bunker wurde aufgegeben.