Familie ist heute das, was man selbst draus macht. Ob zwei Mütter mit Kind, Nachwuchs aus früheren Partnerschaften oder der Patenonkel, der seit über einem Jahr auf der Couch im Gästezimmer lebt. Die allerbeste Freundin oder die WG-Mitbewohnerin natürlich auch. Es gibt Paare, die sich lieben, ohne verheiratet zu sein. Menschen haben Familie, die sich keine Wohnung teilen muss oder schon ausgezogen ist. Und sich trotzdem Abos teilt.

Sie alle waren vor Spotify bislang gleich. Von Regenbogen- bis Patchworkfamilien und selbst It’s-complicated-Beziehungen: Bis zu sechs Personen durften zusammen ein Familienabo nutzen. Obwohl, streng genommen sollten die sechs schon unter einem Dach wohnen – nur drückte der schwedische Musikstreaminganbieter in der Regel alle Augen zu und ließ teilen.

Bis Mitte September. Seitdem gelten in Deutschland neue Geschäftsbedingungen: "Alle Mitglieder eines Premium Family Abos müssen zusammenwohnen", sagt Spotify nun. Um das zu kontrollieren, werden nun alle Nutzerinnen und Nutzer eines Familienkontos bei dessen Aktivierung um die Angabe ihrer Wohnadresse gebeten. Gegebenenfalls würden sie "von Zeit zu Zeit" erneut gebeten, ihre Anschrift zu verifizieren, heißt es in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Um die Eingabe der Adressen zu erleichtern, werde Google Maps genutzt. Spotify beteuert allerdings, dass es den Standort der Nutzer nicht verfolgt: "Wir prüfen nur einmalig deine Adresse, wenn du gebeten wirst, zu bestätigen, dass du an derselben Adresse wohnst." Ist das abgeschlossen, würden keine Koordinaten gespeichert. Wird geschummelt, behält sich Spotify vor, Unterkonten oder auch gleich das gesamte Familienkonto zu sperren oder zu löschen.

Es geht natürlich ums Geld

Dahinter steckt die eigentliche Geschichte hinter den Familienabos: Es geht weniger um moderne Familienbilder als viel mehr um Geiz. Warum 9,99 Euro pro Monat für einen Einzelaccount ausgeben, wenn es beim Familienaccount genauso viel Musik und Podcasts für nur 2,50 Euro pro Person gibt? Ist doch praktisch, dann kann man sich nämlich auch gleich das Netflix-Abo teilen.

Bislang hat das Spotify anscheinend genauso wenig gejuckt wie andere Streamingdienste. Jetzt allerdings geht es ums Geld: Spotify hat zuletzt Millionen von Dollar gerade in Podcastinhalte investiert, war zuletzt aber langsamer gewachsen als erhofft. Der Dienst schreibt rote Zahlen. Schätzungen zufolge sollen bei Spotify fast die Hälfte aller Bezahlabos über Familienaccounts laufen. Bedeutet: Theoretisch gibt es hier Millionen zusätzlicher Einnahmen einzustreichen, wenn man aus den Nachbarn drei Stockwerke drüber, dem Schwipschwager oder dem Joggingpartner in einem Familienabo künftig einen einzelnen Kunden macht, der selbst 9,99 Euro pro Monat zahlt.

Theoretisch zumindest. Denn ganz unkompliziert ist das nicht. Aus Spotifys Ankündigung geht nicht so recht hervor, wie das Unternehmen eigentlich feststellen will, ob die Adressangaben aller Familienkunden stimmen. Einem ersten Test zufolge lässt sich Spotify dafür Zugriff auf GPS-Daten zur "Bestätigung deines Standorts" geben. In den USA hatte der Dienst bereits im vergangenen Jahr versucht, Nutzerangaben über genaue GPS-Koordinaten zu überprüfen – beendete das Experiment nach Datenschutzbedenken aber kurze Zeit später. Heißt: Wirklich verlässlich zu überprüfen, wer zusammen wohnt und wer nicht, hat so seine Tücken.

Hinzu kommt: Ein laxer Familienbegriff, das wirkt nicht nur modern und generös, es ist auch ganz schlicht eine Promotion-Maßnahme. Startete Spotify doch einst in eine Mediennutzungswelt, in der wenige bereit waren, für digitale Inhalte zu zahlen. Vor allem aber viele Menschen wenig dabei fanden, sich Musik, Filme und Serien über Piraterie im Netz zu beschaffen. Oder eben einfach noch linear und analog hörten und glotzten. Es gab im Netz eine Kostenlos-Kultur für Unterhaltungsinhalte. Und Nutzer, die damit aufwuchsen, zu zahlenden Kunden umzuerziehen, war ein langer Prozess. Weil der Musikkatalog gigantisch sein musste – und die finanzielle Schwelle möglichst gering. Es ist ein Prozess, der geglückt ist: 108 Millionen Kunden zählt Spotify inzwischen – und existiert neben Konkurrenten wie Apple Musik, Deezer und Tidal.

Dann halt kein Abo?

Nur wo man wie ein Abo abschließt und mit wem man dort was wie teilt – das ist heute mindestens so kompliziert und vielschichtig wie Familienbeziehungen. Denn das Budget, das Leute für Unterhaltung und Informationen im Netz ausgeben können und wollen, wächst nicht unbegrenzt. Das ist selbstverständlich schmerzhaft für Spotify mit all seinen Wachstumsbestrebungen – und der Verpflichtung, Musikrechte teuer bei Labels einzukaufen.

Und dennoch ist die Alternative zu einem Familienabo für viele Menschen wahrscheinlich, einfach gar kein Spotify-Abo mehr zu haben. Genauso wie das schlechte Gewissen, den Musikstreamingdienst ein bisschen zu beschummeln, bei vielen Nutzerinnen und Nutzern überschaubar ist – auch weil sie wissen, wie wenig von ihrem Geld tatsächlich bei den Künstlern ankommt.

Wenn Spotify sich nun allerdings schon vom Laisser-faire und seinem modern entspannten Familienbegriff verabschieden will, sollte es allerdings auch zu seiner Uncoolness stehen. Und den geteilten Account künftig als Haushaltsabo verkaufen. Klingt genau so sexy wie die Gebührenabgabe fürs Öffentlich-Rechtliche.