"Technologie wird uns nicht retten", sagt Julian Oliver. CO2 einfach aus der Luft saugen, das werde nicht funktionieren. Der Neuseeländer, der vielen in der Hacker-Szene als Künstler und critical engineer bekannt ist, jagt Folie um Folie über den Bildschirm. Sie zeigen den Stand der Forschung, wie katastrophal die prognostizierten Auswirkungen der Klimakrise sein werden. Es gebe keine Hoffnung ohne Handeln, sagt er.

Oliver erzählt auf der Bühne des Chaos Communication Congress in Leipzig, wie er Systemadministrator für eine dezentrale globale Bewegung wurde, in der viele Aktivistinnen und Aktivisten nur wenig Bezug zur Informationstechnik haben. Anfangs, sagt er, hätten darum Teile der Bewegung auf Kommunikation mit Google und Slack gesetzt, um sich zu koordinieren. Er habe die Aktivisten unterstützen wollen und begonnen, eine alternative IT-Architektur für sie aufzubauen: weniger abhängig von großen kommerziellen Diensten, mit Open Source und Diensten, die möglichst klimaneutral arbeiten. Und eine sicherere Infrastruktur, eben weil die Bewegung mit ihren Aktionen gezielt stören und provozieren will und so Ärger der Behörden auf sich ziehen könnte. Der Name dieser Bewegung ist Extinction Rebellion, die dezentrale Gruppierung also, die weltweit mit zivilem Ungehorsam Druck aufbauen will, um Regierungen zum radikalen Umschwenken in ihrer Klimapolitik zu bewegen.

Hackerinnen und Hacker sind nicht gerade die erste Gruppe, die einem in den Sinn kommt, wenn es um die Verhinderung des drohenden Klimakollaps geht. Erst recht nicht auf einer Konferenz, die mit Enthüllungen von Sicherheitslücken in Soft- und Hardware Schlagzeilen macht und für ihre Blinklichter-Installationen berühmt ist. Und auf der traditionellerweise eher der Spaß am Gerät zählt: Im Vorjahr gab es fast 25.000 Geräte, die sich mit dem Internet verbanden, die Konferenz stellte in Spitzenzeiten mehr als 38 Gigabit pro Sekunde Bandbreite zur Verfügung für teils mehr als 10.000 WLAN-Nutzerinnen – 2019 dürften es kaum weniger gewesen sein. Doch in diesem Jahr nimmt der Chaos Computer Club das Thema Klimakrise so ernst, dass er sich nicht nur mit seinem Motto Ressource Exhaustion, zu Deutsch: Ressourcenerschöpfung, darauf anspielt, sondern auch gleich eine ganze Vortragsreihe zu Nachhaltigkeit und Resilienz eingeplant hat, zu dem auch Olivers Talk zählt.

Zahlen, Zahlen, Katastrophen

Das Thema ist in der Tech- und Hackercommunity aber genau richtig. Das wird klarer, je mehr Vortragende aufzählen, welchen Anteil Hardware, Software und digitale Dienstleistungen im Internet an CO2-Austoß und Ressourcenverbrauch haben. Unternehmen stoßen so viel CO2 aus wie ganze Länder – Amazon 2018 beispielsweise 44 Millionen Tonnen oder Apple etwas über 25 Millionen Tonnen. Das Bitcoin-Schürfen verbrauchte so viel Energie wie das gesamte Land Österreich. Das Training einer künstlichen Intelligenz benötigt so viel Strom wie fünf durchschnittliche Autos in den USA. Webseiten werden immer daten- und damit energieintensiver, allein Netflix, Pornos und andere Onlinevideos machen 60 Prozent des gesamten Internetverkehrs weltweit aus.

Vieles davon trägt dazu bei, dass riesige Mengen Daten etwa in Rechenzentren gespeichert werden, deren Energieverbrauch immer weiter steigt. Und mit ihm oft auch der CO2-Verbrauch. Es geht um den sogenannten Rebound-Effekt, laut dem Rechner zwar immer energieeffizienter werden, diese Einsparungen aber umgehend wieder davon aufgefressen werden, dass Nutzerinnen und Nutzer durch mehr Datennutzung am Ende dennoch mehr Energie verbrauchen. Ganz zu schweigen davon, dass aufgeblasene Software jede Menge Strom zieht, um überhaupt ihren Dienst zu tun, und davon, wie Ressourcen und Energie dadurch massiv verschwendet werden, dass eigentlich noch funktionstüchtige Hardware binnen kurzer Zeit ausgemustert wird.

Von Engeln und Adblockern

Ein eindrückliches Spektrum an Problemen. Doch im Verhältnis zu ihnen wirken die Ansätze und Ideen zur Lösung, über die auf dem Kongress gesprochen wird, oft noch ziemlich schlank. Was nicht ganz erstaunlich ist, weil das Anarbeiten gegen die Klimakrise auch in anderen Bereichen eben oft genau das ist: mühsam und kleinteilig.

Eva Kern forscht an der Universität Trier zu grüner Software. Wobei: Was genau das sei, "wissen wir heute auch immer noch nicht im Detail", sagt sie beim CCC-Kongress. Denn die Probleme, die daran hängen, sind vielschichtig. Software verbraucht nicht nur Energie, sie wirkt sich auch darauf aus, wie lange man seine Geräte benutzen kann: Braucht Software mehr Rechenleistung, um überhaupt zu laufen, oder liefert der Hersteller keine Updates mehr, dann wird Hardware oft ausgemustert – obwohl sie eigentlich noch funktionstüchtig wäre. Hinzu kommt: Mit welchem Gerät man eine Software verwendet, hat ebenso Einfluss auf ihren Energieverbrauch wie die Frage, wofür man ein Programm eigentlich verwendet. Entsprechend schwierig ist es, systematisch zu vergleichen, welche Software ressourcenschonender und energieeffizienter arbeitet als eine andere.