Viele Ideen, die denen von Jordan ähneln, präsentiert auch Chris Adams von der Nichtregierungsorganisation Green Web Foundation – und besieht man sich, wie nah Adams und Jordan in ihren Präsentationen sind, bekommt man eine Ahnung davon, wie überschaubar die Szene noch zu sein scheint. Seine Stiftung hat diverse Tools entwickelt, um Entwicklern dabei zu helfen, CO2-freundlichere Seiten und Dienste zu bauen.

Er weist aber noch auf einen anderen Aspekt hin: Wer im Netz seine Services anbietet, mietet dafür traditionellerweise Serverkapazität, die auch in Zeiten, in denen Nutzerinnen sie besonders häufig abfragen, nicht in die Knie gehen. Was aber auch bedeutet: Häufig werden die Kapazitäten nicht ausgelastet – doch auch im Leerlauf verbrauchen diese Server Strom.

Inzwischen gebe es dafür effiziente und damit auch klimaschonendere Lösungen, sagt Adams. Doch die gebe es derzeit vor allem bei Microsoft, Google oder Amazon. Bedeutet: Wer Klimaschutz genau wie Adams höchste Priorität einräumt, müsste deren Oligopol unterstützen. Weil auch er damit wenig zufrieden scheint, wirft er die Idee einer Art Digitalwende nach dem Prinzip der deutschen Energiewende in den Raum: preiswert, dezentral und vor allem grün.

Nochmal nachdenken

Prinzipielles Hinterfragen des Status Quo fordern auch die beiden Informatiker Nadja Geisler und Benjamin Hättasch von der TU Darmstadt. Und zwar beim Einsatz von machine learning. Sie kritisieren den Hype um die Technologie, bei der neuronale Netze mit jeder Menge Daten und Energieeinsatz trainiert werden – und zwar aus drei Perspektiven.

Der Hype führe derzeit dazu, dass in vielen Bereichen die Qualität der präsentierten Forschung, bei der machine learning zum Einsatz kommt, gering sei, weil sie hastig erstellt wurde und nicht selten nicht reproduzierbare Ergebnisse liefere. Oder der Einsatz dieser Technologie in manchen Feldern schlichtweg nicht sinnvoll sei. Zweitens weisen sie auf negative gesellschaftliche Effekte hin – etwa wenn bei Kalkulationen zur Rückfälligkeitswahrscheinlichkeit von Straftätern in den USA bestimmte Gruppen diskriminiert werden. Drittens kreiden sie aber auch an, dass der Stromverbrauch beim Training solcher Systeme immens sei. Und mitunter in keinem Verhältnis zum Ergebnis stehe. "Wir alle tragen die Verantwortung dafür, wie es damit weitergeht", sagt Hättasch. Er wendet sich damit vor allem an die Forschungs-Community.

Chris Adams von der Green Web Foundation ruft dazu auf, Kollegen in der IT-Branche für das Problem des CO2-Ausstoßes zu sensibilisieren. So wie auch in der Baubranche das Wissen um Asbest vorausgesetzt werde. "Obwohl das den meisten von uns wichtig ist, haben wir noch nicht so sehr Wege gefunden, aktiv zu werden", sagt er. Und auch Julian Oliver, der Systemarchitekt der dezentralen Extinction-Rebellion-Bewegung, ruft die Hacker dazu auf, sich einzubringen. Freiwillig. Weil es ohne Infrastruktur kein Handeln geben werde.

Appelle, Aufrufe, Bewusstein schaffen, das alles zeigt, wie sehr die Arbeit und das Nachdenken über Hacker und IT-Arbeiter in der Reaktion auf die Klimakrise noch im Anfangsstadium steckt. So sinnvoll viele der vorgestellten Ansätze, Projekte und Ideen auch klingen: Reicht das alles? Kann man das Umdenken so ausreichend schnell, mit ausreichend großen Effekten erzielen? Oder muss man am Ende doch auf große Tech-Player und ihre wie ernst auch immer gemeinten Lösungsansätze für den CO2-Verbrauch vertrauen?

Auch wenn das Thema auf der Konferenz noch immer einen Spartenstatus haben mag, scheint das Bewusstsein für die Problematik in Teile der Hacker-Szene einzusickern, die ihm bislang möglicherweise eher fernstanden. In Gesprächen in den abgedunkelten Eingeweiden des Kongresses. Oder auch beim Mobilfunkexperten Peter Schmidt, der bei einem Vortrag über 5G die Frage nach Gesundheitsgefährdung durch den neuen Mobilfunkstandard abkanzelt. Alles kein Problem, meint er, Grenzwerte würden eingehalten. "Letztendlich", sagt er, "wird die Welt mehr Probleme mit dem Klimawandel haben als mit 5G."