Ein schmaler junger Mann mit feinen Gesichtszügen und langen, schwarzen Haaren blickt in die Kamera. Lässig sitzt er auf einem Cruiser-Fahrrad, mit einem asiatischen Papierschirm schützt er sich gegen die Sonne. 2016 lädt Hoan Ton-That dieses Foto von sich auf seine persönliche Website. Wenige Monate zuvor schreibt er: "Gerade bereise ich die Welt und arbeite an dem nächsten großen Ding."

Das, was nun tatsächlich das nächste große Ding werden könnte, heißt Clearview – es ist ein Start-up für Gesichtserkennung per künstlicher Intelligenz, das Hoan Ton-That 2017 gegründet hat, damals noch unter dem Namen "Smartcheckr". Seit Ende Januar kennen es vermutlich Menschen weltweit: Die kleine Firma wurde zur Nachricht, nachdem ein Bericht der New York Times offenbarte, woran Clearview arbeitet und was das für jeden einzelnen von uns bedeuten könnte. Kommt das Ende der Privatsphäre, wie wir sie kennen?

Clearviews Geschäftsmodell besteht darin, jeden Menschen binnen Sekunden identifizierbar zu machen – über ein Foto, das man in eine App hochlädt. Dieses Bild wird mit Milliarden anderen Fotos von Menschen abgeglichen, die das Unternehmen im Internet zusammengesucht und in einer Datenbank gesammelt hat: von Facebook, YouTube, Twitter und vielen anderen Seiten. Noch verkauft Clearview seine Gesichtserkennungs-App nur an Strafverfolgungsbehörden und ein paar wenige Privatfirmen; die breite Öffentlichkeit kann keine Fotos mit der Datenbank abgleichen. 

Nach eigenen Angaben hat die Firma aber bereits dazu beigetragen, einzelne mutmaßliche Täter von Diebstahl, sexuellem Missbrauch und sogar einem Tötungsdelikt zu identifizieren – so zumindest berichtet es die New York Times. Was die Zeitung in diesem Zuge aber auch berichtet, ist, wie geheimnisvoll sich Clearview und sein 31 Jahre alter Gründer, Hoan Ton-That, gaben, wie schwierig es war, mit ihm in Kontakt zu treten. Wer also ist der Mann hinter dem kontroversen Start-up?

Von Phishing-Vorwürfen bis zur Trump-Frisuren-App

Es zog Hoan Ton-That offenkundig schon früh in die Softwareentwicklung. Eine formelle Ausbildung hat er nicht: Schon 2008, da war er gerade 19 Jahre alt,  schmiss der Australier mit vietnamesischen Wurzeln, der in Melbourne aufwuchs, sein Studium und zog nach San Francisco. Das iPhone war gerade rausgekommen und Ton-That begann, auf dem gerade erst entstehenden Markt für Mobilfunk-Apps mit eigenen Entwicklungen zu experimentieren. Auf seiner Website bezeichnete er sich heute als "autodidaktischen Ingenieur", verweist auf den ersten Platz, den er in einer Informatik-Olympiade für Schüler in Australien gewonnen habe – und auf die mehr als zehn Millionen Installationen, auf die seine Apps in der Summe kommen sollen.

"Mehr als 20" davon habe er für das iPhone und Facebook entwickelt, heißt es auf seiner Webseite, etwa für die Plattform AngelList, die Investoren und Arbeitnehmer an Start-ups vermittelt. Was nicht in seiner Kurzbiografie steht: Unter diesen Apps befinden sich hauptsächlich ziemlich simple Gimmicks, eine zum Beispiel dient allein dazu, Personen auf Fotos eine Trump-Frisur zu verpassen, eine andere versieht Bilder mit einem glitzernden Rahmen.

Andere frühe Entwicklungen zeugen aber auch davon, dass Ton-That schon in jüngeren Jahren wenig Skrupel hatte, in die Privatsphäre fremder Menschen einzudringen. Berichten der New York Times zufolge gehörte zu Ton-Thats ersten Entwicklungen 2009 eine Seite namens ViddyHo. Dort sollten Nutzer Links zu Videos an alle Kontakte in ihrem Google-Chat verschicken können, tatsächlich aber war die Seite ein Phishing-Scam – das heißt, sie zielte darauf ab, Besuchern ihre Gmail-Anmeldedaten zu entlocken, um deren Kontakte über Googles Chat-App Talk vollzuspammen. Möglich ist es aber natürlich auch, mit diesem Wissen Accounts zu kapern oder für andere böswillige Zwecke zu nutzen. Google ging mit Warnungen und Blocking gegen ViddyHo und die weitere Verbreitung des Phising-Scams vor, die Seite ging vom Netz. 

Im Anschluss daran bastelte Ton-That an mehreren Apps, die Leute dazu animieren sollten, ihr persönliches Leben im Internet auszubreiten. Die App Lifestream stellte zum Beispiel alle Fotos einer Handykamera automatisch ins Netz und gab Freunden Zugang zu dem privaten Bildmaterial. "Du tauschst ein bisschen Privatsphäre gegen eine ganze Menge Großartigkeit", hieß es in der Beschreibung der App. Eine weitere App namens Everyone, bei der man seine Inhalte mit fremden Menschen statt mit Freunden teilt, wirbt mit dem Slogan "Lese die Gedanken anderer Leute". Beide Apps sind inzwischen aus dem App-Store entfernt worden.