In seinem Nachschlagewerkeregal stehen mächtige Säulen des Staates, acht Bände "Münchener Kommentar" zum Bürgerlichen Gesetzbuch zum Beispiel, der "Erfurter Kommentar" zum Arbeitsrecht, der "Heidelberger Kommentar" zum Einkommensteuergesetz, alles Wunderwerke der Genauigkeit, Grenzensetzung und Durchleuchtung, voll mit endlos scheinenden Sätzen und aneinander gebauten Worten, von denen manche so lang sind wie diese Bücher dick. Rechtssprechungshandwerkszeug. Meinhard Starostik steht vor dieser Wand aus Wissen, er grinst, und dann kommt Starostiks Kommentar: "Brauch ich alles nicht mehr, gibt’s längst gesammelt auf einer Webseite."

Meinhard Starostik ist Rechtsanwalt. Er ist der erfolgreiche Einreicher der größten Verfassungsbeschwerde aller Zeiten. Er prozessierte im Auftrag von 35.000 Menschen gegen das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung, Anfang März bekam er recht. Das Bundesverfassungsgericht befand: Die anlasslose Speicherung praktisch sämtlicher Daten von Festnetz-, Mobiltelefon- und E-Mail-Verbindungen verstößt gegen das Grundrecht Artikel 10 Absatz 1, "Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich."

An diesem Mittwoch wird sich Starostik wieder beschweren, diesmal über "Elena", das "Gesetz über das Verfahren des elektronischen Entgeltnachweises". Im Namen von etwa 30.000 Menschen. Es ist gewissermaßen die Fortsetzung der Vorratsdatenbeschwerde. Denn im Urteil der Karlsruher Richter steht der Satz: "Dass die Freiheitswahrnehmung der Bürger nicht total erfasst und registriert werden darf, gehört zur verfassungsrechtlichen Identität der Bundesrepublik Deutschland."

Und was ist "Elena" denn anderes als eine totale Erfassung der Freiheitswahrnehmung? Gespeichert werden Lohn und Steuerklasse, Name, Anschrift, Geburtsdaten, Beruf, Arbeitszeiten, Fehlzeiten, Urlaubsanspruch und tatsächlich genommene Urlaubstage, Angaben zu Entlassungen und Abmahnungen und Kündigungen von bisher 35 Millionen Menschen, alles an einem Ort.

Meinhard Starostik, der freudige Nutzer von elektronischen Informationssammlungen, arbeitet nun also schon zum zweiten Mal gegen solche Datenspeicher. Jene, die er im Verdacht hat, zu weit zu gehen.

Starostiks Kanzlei liegt im zweiten Stock eines Berliner Hochhauses, Stadtteil Tiergarten, Regierungsviertelrand. Er trägt Jeans und Polohemd, zurückgelehnt sitzt er in seinem Stuhl, keine Spur von Eile, dabei sind die Unterlagen für die "Elena"-Beschwerde noch längst nicht fertig. "Ich sag mal so", sagt Starostik, "Elena ist eigentlich relativ einfach."

Er ist ein wohl gelassener Mann, Wirtschaftsrechtler, Buchprüfer, der einer Lohnsteuerangelegenheit an diesem Tag genauso viel Zeit einräumt wie der Verfassungsbeschwerde, und er scheint grundsätzlich von sich überzeugt zu sein. So spricht er jedenfalls, er gebraucht auch den Wortstamm 'grundsatz-' häufig, obwohl er schon etliche Grundsätze in seinem Leben gehabt hat und sich immer wieder neue hat suchen müssen. Immer dann, wenn er feststellte, dass die alten nicht mehr taugten. Starostik musste immer wieder Maß nehmen.

Starostik, Jahrgang 1949, aufgewachsen im nordrhein-westfälischen Marl, erzählt vom ersten Mal. Er geht zur Schule, "Aufbruch, Chemie, Bergbau, alles neu, glückliche Zeit". Aber. "Du gehst auf den Dachboden eines Schulfreundes, da steht auf einer Truhe: SS-Sturmbannführer soundso. Du hast einen Sportlehrer, toller Kumpel, Nazieliteschulabsolvent, der dauernd begeistert vom Krieg erzählt. Du siehst das Grinsen der Leute, wenn die sagen, übrigens, heute, 20. April, Führers Geburtstag."