Wir haben die Schwelle zur computerisierten Gesellschaft ganz beiläufig überquert. Unser Leben wird in Bits und Bytes gespeichert, ob wir wollen oder nicht. Wir telefonieren, lesen und schreiben digital, unsere Musik und unsere Bilder sind auf Festplatten gespeichert, der Großteil unserer Nachrichten stammt aus Online-Quellen. Unser Mobiltelefon kann verraten, wo wir gerade sind, und unsere "Freunde" bei Facebook & Co. erfahren alles über unseren Alltag. Egal, was und wo wir arbeiten, es gibt praktisch keine Tätigkeit mehr, die keine Datenspuren hinterläßt. Die Digitalgesellschaft macht vor kaum einem Lebensbereich halt – und sie erzeugt immer mehr Daten, die ausgewertet, analysiert, gefiltert und verarbeitet werden können.

Wir haben uns in die Rolle des ständigen Datengebers eingelebt, erlauben bewußt oder unbewußt tiefe Einblicke in unser Kommunikationsverhalten, unsere Wünsche, unser soziales Umfeld. Die neue Spezies des Homo reticuli hat sich durchgesetzt. Milliarden Informationsschnipsel werden weltweit jede Minute in sozialen Netzwerken und Internetdiensten erzeugt. Sie zu sammeln und aus ihnen Profile zu erstellen, sortiert nach Alter, Geschlecht, Aufenthaltsort und Wohnort, Arbeitgeber oder Nationalität, ist zum lukrativen Geschäft geworden. Das fast magische Verhältnis, das wir zu Computern und Mobiltelefonen entwickelt haben, füllt wie nebenbei die Taschen der Datenfresser, der Profiteure der digitalen Goldmine. Hier herrscht der Wilde Westen, der ganz nebenbei über uns kam.

Versprochen wird uns eine bessere, einfachere, vernetztere Welt. Maschinelle "Intelligenz" soll uns angeblich helfen, bessere Entscheidungen zu fällen, uns intensiver mit unseren Freunden zu vernetzen und die Informationsflut zu organisieren und zu bewältigen. Noch sind die virtuellen Heinzelmännchen, die scheinbar intelligenten Helferlein, unvollkommen. Die Ecken und Kanten werden jedoch von lernenden Algorithmen abgeschliffen, für die jede menschliche Reaktion, jede Suchanfrage, jede digital aufgezeichnete Lebensäußerung ein wertvoller Hinweis ist, es beim nächsten Mal besser zu machen. Mehr und mehr Wissen über uns wird angehäuft und gespeichert, damit uns die Computer immer besser zu Diensten sein können. Das Datenfutter für die Perfektionierung der "künstlichen Intelligenz" liefern wir selbst, und wo diese noch nicht ausreicht, helfen wir gern aus.

Was aber bleibt, ist ein diffuses Gefühl des Ausgeliefertseins, der Überforderung, der hilflosen Unfähigkeit, die Zusammenhänge und Mechanismen zu verstehen. Wer weiß eigentlich, wo ich mich gerade befinde? Und warum weiß er auch, wo meine Freunde gerade sind – sogar besser als ich? Wie genau kann er es wissen? Warum ist die Buchempfehlung des Online-Shops so gespenstisch gut? Und wer kann meinen Literaturgeschmack noch einsehen? Woher weiß der Online-Buchladen, daß ich eine Gitarre besitze?

Die Technologien verändern sich mit großer Geschwindigkeit, über die neuesten Entwicklungen lückenlos informiert zu sein ist fast unmöglich. Doch ohne ein wenigstens intuitives Verständnis der technischen Systeme, ihrer Grundlagen und Funktionsweisen ist es schwer, die Risiken der zunehmenden Digitalisierung zu verstehen und unsere digitale Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Analogien und Geschichten können aber helfen, die wichtigen Muster zu erkennen, auch ohne Detailkenntnis der technischen Funktionsweisen. Angst vor komplexer Technik befördert eine Lähmung und den Unwillen, sich mit den Risiken zu befassen, die durch die Digitalisierung der Gesellschaft und des Alltagslebens entstehen. Diese Lähmung macht einen jedoch zum prädestinierten Opfer sowohl der kommerziellen und staatlichen Datenfresser als auch krimineller Online-Übeltäter. Ein Grundverständnis der vernetzten Welt ist mittlerweile unabdingbar geworden – und auch nicht zu schwer zu erlangen.

Wichtig für das Verständnis der digitalen Welt ist, die finanziellen Mechanismen zu durchschauen, um die daraus resultierenden Motivationen der Menschen und Institutionen erkennen zu können. Wer profitiert davon, wenn sich die sozialen Normen in Richtung weniger Datenschutz und hin zu mehr "digitaler Nacktheit" verschieben? Schnell stellt sich bei genauerem Hinsehen heraus, daß die lautesten Beschwörer des "Endes der Privatsphäre" die größten Profiteure dieser propagierten Entwicklung sind. Die Bewertungsmechanismen für Internetfirmen belohnen Innovation vor allem in einem Gebiet: den Nutzern immer mehr Informationen zu entlocken, sie auf den Plattformen zu halten und alle ihre Freunde einzuladen. Entsprechend agieren auch die Betreiber und ihre Eigentümer: Ob Google oder Facebook, gepriesen wird eine Illusion von Freiheit durch Datenfreigiebigkeit. Zum Wohle des Unternehmenswertes werden menschliche Grundnormen wie die Achtung der Privatsphäre oder die Diskretion zerrüttet.

Und welcher Antrieb steckt hinter der raumgreifenden Speichergier des Staates? Flächendeckend soll unser Kommunikationsverhalten gespeichert werden, mit der vagen Begründung, daß man die Daten ja eventuell mal zur Strafverfolgung benötigen könnte. Durch die biometrische Erkennung macht die Datengier inzwischen nicht mal mehr vor unseren Körpern halt. Die neuen Techniken treten schleichend in unser Leben, wie zum Beispiel die an eine erkennungsdienstliche Behandlung erinnernde Prozedur auf den Meldeämtern, wenn wir einen Paß beantragen. Sie gilt inzwischen fast als selbstverständlich. Auch der Führerschein enthält seit 2008 ein biometrisches Foto. Fragen Sie nicht, warum. Es ist irgendwas mit "Sicherheit". Damit, daß die politischen Entscheidungsträger, die Minister und Staatssekretäre, die als Verantwortliche die Beschlüsse genehmigt haben, mittlerweile lukrative Aufsichtsrats- und Beraterverträge in der Sicherheitsindustrie haben, hat es natürlich ganz sicher nichts zu tun.

Wir sind der Versuchung des Versprechens von der immer größeren Effizienz, von der Plan- und Berechenbarkeit, von Sicherheit und Fortschritt erlegen, ohne nachzufragen, ob wir einen adäquaten Gegenwert für die Daten bekommen, mit denen wir kollektiv für die Verheißungen bezahlen. Wir geben Informationen über uns preis – freiwillig und unfreiwillig –, von denen wir nicht einmal ahnen, wie sie in Zukunft verwendet werden. Doch daß die Datenwährung, mit der wir faktisch für all die kostenlosen Internetdienste und auch für das Versprechen von mehr staatlicher Sicherheit bezahlen, uns später noch viel teurer zu stehen kommt, als wir momentan annehmen, ist absehbar. Daten zu speichern und aufzuheben gilt als besser, als sie zu löschen: Man weiß ja nie, wozu sie noch gut sein können. Das digitale Gedächtnis wächst und wächst, ein Ende ist nicht vorgesehen.

Die gute Nachricht ist, daß wir nicht wehrlos sind gegenüber der Informationsmagie und -gier, daß wir unser Schicksal in die eigene Hand nehmen können und Entwicklungen keineswegs zwangsläufig sind. Es gilt, die Veränderung des gesellschaftlichen Klimas in eine positive Richtung zu lenken, auch dadurch, daß man sich zuallererst um seine eigene Datensouveränität kümmert. Auch die digitale Zukunft entsteht durch die Summe der vielen kleinen Handlungen, die wir alle jeden Tag tun, lassen, ignorieren oder kritisieren. Erste Anzeichen eines Umschwungs weg von der Herrschaft der Datenfresser sind schon zu beobachten. Die Diskussionen der letzten Jahre über staatliches und privates Datenhorten, über Skandale und Mißbrauch zeigen eine wachsende Sensibilität für Fragen der digitalen Privatheit.

Sich der Bedeutung seiner Privatsphäre bewußt zu werden, darüber nachzudenken, wo die Grenzen sind, was man wirklich für sich behalten will, ist der erste Schritt zur digitalen Mündigkeit. Jeder von uns hat etwas zu verbergen – die Frage ist immer nur, vor wem.

Bezahlen Sie mit Ihren guten Daten – der Informationstreibstoff von Google, Facebook & Co.

Die Währung des Internets sind Aufmerksamkeit und Nutzerzahlen. Benutzergenerierte Inhalte, also Daten und Informationen, die Nutzer kostenlos ins Netz stellen und die gewinnbringend verkauft werden können, sind der Rohstoff von Flickr, Facebook & Co. E-Mailadressen, persönliche Profile, Postleitzahlen, Telefonnummern, Fotos, aber auch die sozialen Verbindungen der Benutzer untereinander werden zur Ware.

Besonders die sozialen Netzwerke offerieren etwas höchst Menschliches: Kontakte, Kommunikation und letztlich die Sichtbarkeit der eigenen virtuellen Identität im Netz. Die persönliche Repräsentanz, das digitale Abbild unseres Selbst, findet mehr und mehr in den Online-Netzen statt. Internetdienste versprechen mehr Spaß, mehr Freunde, mehr Produktivität, mehr Sex, mehr Informationen oder Shopping-Empfehlungen – meist ohne Bezahlung. Wenn man nicht genau hinsieht, scheint es fast, als wäre im Netz der Kommunismus ausgebrochen: Alles für alle und umsonst.

Wenige wissen, wie sich die Anbieter der digitalen Annehmlichkeiten finanzieren. Womit bezahlen wir die vorgeblich kostenlosen Dienste? Denn eine Gratis-Ökonomie ist es mitnichten. Wie funktioniert die magische Umwandlung von Klicks und Teilnehmerzahlen, von Freunden und hochgeladenen Bildern in Geld? Und was sind die Leitwährungen und Umrechnungskurse? Die meisten Nutzer haben eine vage Ahnung, daß sich das alles über Werbung finanziert, aber kaum jemand mag sich so recht mit den Details befassen.

Ein Grund für die Datengier im Netz: Bezahlmodelle funktionieren im Internet nur in einigen wenigen Nischen. Daher sind die Informationen über die Nutzer zur neuen Währung geworden. Der Druck durch kostenlose Konkurrenten läßt dieses »"Bezahlen mit Daten"-Modell florieren. "You can’t compete with free" lautet entsprechend der Schlachtruf von Google & Co. Niemand kann erfolgreich die gleiche Dienstleistung gegen Bezahlung betreiben, wenn es einen Klick weiter jemand umsonst anbietet. Es hat sich durchgesetzt, daß Anbieter Dienste ohne Bezahlung offerieren, aber im Gegenzug wertvolle Informationen bekommen und auswerten.

Um zu verstehen, welche ökonomische Motivation hinter den meisten Internet-Unternehmen steckt, muß man einen genauen Blick auf die Mechanismen des Risikokapitals werfen. Ohne Kenntnis der ökonomischen Hintergründe ist es kaum möglich, die Interessen und Motivationen der Akteure nachzuvollziehen. Für sie ist der Nutzer inklusive seiner Daten nur Mittel zum Zweck, nur ihrem Profit dienlich.

MyBelovedPet.com – Von der Idee zum Start-up

Prinzipien und Mechanismen lassen sich am besten am Beispiel erklären. Begleiten wir dazu ein fiktives junges Internetunternehmen. Nennen wir es MyBelovedPet.com. Sein Versuch, die Marktführerschaft im Bereich Haustier-Portale zu erringen, gestattet uns einen Blick hinter die Fassaden der risikokapitalfinanzierten Datensammler. Die Einzelheiten sind realen Unternehmensgeschichten entnommen und kondensiert worden. Alle Episoden haben sich so oder sehr ähnlich in echten Firmen zugetragen.

MyBelovedPet entstand eines Abends am Kneipentisch. Drei Freunde, Peter, Paul und Mary, die sich schon seit ihrem BWL-Studium kennen, haben keine Lust mehr, als Unternehmensberater zu arbeiten. Es soll etwas Eigenes sein, eine Firma mit der Chance, die Gründer richtig reich zu machen. Am Ende kristallisiert sich ein Plan heraus. Es scheint eine Marktlücke zu geben. Bisher hat offenbar niemand die ultimative, umfassende Webseite für Haustierbesitzer angeboten. Es fehlt eine Plattform, auf der sich Mauzis Mama und Hassos Züchter über ihre lieben Tierchen austauschen, Auslaufplätze für ihre Hunde finden, sich gegenseitig Tierärzte empfehlen, eine Profilseite mit den besten Fotos für ihre Lieblinge einrichten und Tests von Haustierprodukten finden können. Auch Profizüchter vieler Tierarten sollen angesprochen werden.

Da nun die Idee steht, werden die Aufgaben verteilt. Peter, der sich am besten mit Zahlen auskennt, wird den Businessplan schreiben. Peter hat bisher wenig mit Geldverdienen im Internet zu tun gehabt. Er liest sich ein wenig Wissen darüber an, wie heutzutage Online-Services finanziert werden. Alles dreht sich offenbar um den Verkauf von möglichst gezielter Werbung und die Vermittlung von Geschäften und Services, an denen die Webseite mitverdient. Das bekommen wir wohl auch hin, denkt sich Peter, und beginnt mit ein paar optimistischen Schätzwerten das Zahlenwerk zu erstellen.

Da sie als einzige der drei ein Haustier hat, wird sich Mary an die Marktforschung machen und herausarbeiten, welche Funktionen und Möglichkeiten MyBelovedPet.com für den Anfang braucht, um möglichst schnell viele Nutzer anzulocken.

Paul soll den sogenannten Elevator pitch schreiben, eine knackige Zusammenfassung der Unternehmensidee, mit der man einem künftigen Investor oder neuen Mitarbeiter in kürzester Zeit das unglaubliche Potential der Idee erläutern kann. Außerdem wird er auf der Basis von Peters Businessplan und Marys Recherchen und Ideen eine ausführliche Investoren-Präsentation erstellen, mit der interessierte Geldgeber überzeugt werden sollen.

Paul hat schon mal informell Kontakt zu einem stadtbekannten Investoren-Vermittler aufgenommen, der durchaus Interesse zeigte. Einige Tage später hat Pauls Vermittler einen Kontakt zu einem sogenannten Angel-Investor hergestellt. Diese »Engel« unter den Investoren sind meist durch eigene Start-ups zu Wohlstand gekommen und investieren nun einen Teil ihres Vermögens in neue Unternehmen. Dabei ist ihre Motivation einfach: möglichst früh dabeisein, um einen möglichst großen Anteil an der Firma zu erhalten. Es besteht für den Investor ein extrem hohes Risiko, daß das Gründerteam es nicht packt und der Mammon verschwunden ist. Im besten Fall allerdings winkt als Gewinn das Mehrfache des Einsatzes, je nachdem, wie sich die Geschäftsidee am Markt entwickelt. Dreihundertfünfzigtausend Euro stellt der Angel für MyBelovedPet.com in Aussicht – vorausgesetzt, er bekommt fünfunddreißig Prozent der Anteile, und die drei schaffen es, ein überzeugendes Gesamtkonzept, idealerweise mit dem richtigen Personal für die Umsetzung, zu präsentieren.

Mit dem Geld käme MyBelovedPet.com laut Businessplan über das erste Jahr, mit knappen Gehältern und Zwölf-Stunden-Arbeitstagen, mit gebrauchten Büromöbeln in einer alten Fabriketage irgendwo in einer weniger schicken Gegend. Mit der Unterschrift des Angels wäre das neue Unternehmen auf dem Papier eine Million Euro wert, obwohl es noch kein Produkt, keinen Umsatz, nicht einmal eine Webseite gibt. Der Investoren-Vermittler gibt sich mit zwei Prozent der Unternehmensanteile zufrieden.

Nutzerprofile und Spuren aus Kekskrümeln

Doch wie funktioniert das Geschäftsmodell von MyBelovedPet.com? Um mit den Worten unseres fiktiven Angel-Investors zu fragen: Wie können die Daten der Benutzer monetarisiert werden?

Die »klassische« Methode ist es, mit Hilfe von Cookies präzise Nutzerprofile zu bilden, um diese zu speichern, etwa für gezielte Werbung selbst auszuwerten oder weiterzuverkaufen. Diese Vorgehensweise ist seit mehr als zehn Jahren üblich. In Hinsicht auf die Privatsphäre der Webseiten-Benutzer ist dies oft vordergründig unkritisch, denn selbst beim Weiterverkauf solcher Daten handelt es sich um Profile ohne Personenbezug. Es sind bloße Meßwerte ohne die Namen der Vermessenen und kleine Informationshäppchen, die für die Personalisierung der Webseite genutzt werden können.

Allerdings sind nur wenige Informationen vonnöten, um aus Daten, die noch nicht mit Personennamen verknüpft sind, personenbezogene zu generieren. Sind etwa Angaben zum Geschlecht des Benutzers vorhanden, dazu seine Postleitzahl und das Geburtsdatum, stehen die Chancen gut, durch Abgleich mit bestehenden Datenbanken von Personen die Information abzuleiten, um wen es sich handelt.

Das ist aber nicht alles, Mary will es nicht beim Hinterlegen von Cookies belassen und plant eine ausgedehntere Sammlung. Die kleinen Cookie-Dateien sollen es den drei Firmengründern ermöglichen, bei jedem Tierfreund zu beobachten, welche Dienste der Webseite er tatsächlich nutzt, wie oft er dies macht, wie häufig und wie lange er wo auf der Plattform verweilt.

Die Cookie-Datei kann aber nicht nur von MyBelovedPet kommen, auch Dritte können solche Dateien beim Webseiten-Besucher ablegen. Mary hat sich bereits um Kooperationspartner bemüht, was sich als leichtes Unterfangen herausgestellt hat. Werbeanbieter schließen gern solche Verträge, denn das hat den entscheidenden Vorteil, daß die Kooperationspartner von MyBelovedPet damit die Besucher gleichzeitig auf ganz anderen Webseiten wiedererkennen und beobachten können.

Obwohl die Mitglieder von MyBelovedPet eigentlich nur die Tierfreunde-Plattform angesurft haben, werden von Dutzenden anderen Servern Cookies auf den Rechnern der Besucher hinterlassen. Das geschieht meist unbemerkt, aufgrund der nur sehr kleinen Dateien fällt es den Benutzern kaum zur Last. Den Aufmerksamen unter ihnen entgeht vielleicht nicht, daß sich so Hunderte oder Tausende Cookies in nur kurzer Zeit auf dem eigenen Rechner ansammeln.

Doch da alle großen kommerziellen Plattformen mit vielen Analyse-Firmen und Werbeanbietern kooperieren, ist eine gewisse Gewöhnung eingetreten. Alle machen es ja so, es verfolgt immer jemand den Weg durchs Netz: beim Nachrichtenlesen, beim E-Mailen über das Webportal, beim Youtube-Klicken. Nur wenige nichtkommerzielle Angebote wie zum Beispiel Wikipedia lassen einen noch unbeobachtet surfen. Inzwischen wundert sich auch niemand mehr darüber, daß ein Löschen eines Mitglieder-Accounts nirgendwo auf der Webseite angeboten wird.

Da die Werbepartner, die Mary unter Vertrag genommen hat, bei vielen verschiedenen Webseiten die kleinen Cookie-Dateien auf den Benutzerrechnern hinterlassen, erlaubt ihnen das, das Verhalten der Surfer über all diese Webseiten hinweg genauer zu analysieren. Das geht über das bloße Zählen weit hinaus: Besuchsgewohnheiten, Kaufpräferenzen, auch Art und Einstellungen des Computers werden ermittelt und mit den im Cookie gespeicherten Identifikationsnummern verknüpft. So weiß die Vertragswerbefirma nicht nur, auf welche Buttons ein Nutzer bei MyBelovedPet geklickt hat, sie sieht auch sein Surfverhalten bei Pferdefreunde.de, Katzenbilder.com und Tierarztvermittlung.de. Das erlaubt auch eine psychologische Analyse des Nutzers.

Dazu werden jeweils Messungen darüber erstellt, wie gut Werbemaßnahmen ankommen. Betrachtet der Beobachtete die Anzeigen beispielsweise über neunzig Sekunden, ist das Werbefilmchen oder die Animation ausgesprochen erfolgreich. Ebenfalls wichtig für zukünftige Werbekampagnen ist die Messung, wie lange Anwendern durchschnittlich Anzeigen eingeblendet werden. Dann wird das Surfverhalten beispielsweise mit Altersangaben korreliert, etwa um Minderjährige herauszufiltern, denen eine besondere Produktpalette offeriert werden soll. Umfragen, manchmal kombiniert mit Gewinnspielen, vervollständigen das Bild.

Ist diese Analyse geschehen, werden die Werbebanner, Bilder oder Animationen in Echtzeit angepaßt. Zu dem Zeitpunkt, wo der Katzenbesitzer auf die Webseite klickt, wird sofort die auf ihn abgestimmte Werbebotschaft eingeblendet. Und egal, ob der Benutzer von MyBelovedPet gerade auf der Plattform selbst oder auf einer anderen kommerziellen Webseite unterwegs ist – ein interaktives Werbebanner für Bio-Katzenstreu folgt ihm.

Wer die Analyse menschlichen Verhaltens kommerziell betreiben will, dem bietet das Netz paradiesische Möglichkeiten, die im realen Leben undenkbar wären: In einem Supermarkt kann niemals derart genau ermittelt werden, wohin ein potentieller Kunde während des Besuches schaut und welche konkreten Produkte ihn zu interessieren scheinen. Im Netz ist das problemlos möglich, hinzu kommen Kaufprofile und andere Informationen, die ergänzt werden können. Festgehalten wird im digitalen Raum alles: jedes angesehene Foto, jede kontaktierte Person, jede hinterlassene Nachricht des Nutzers.

Mary möchte am Milliardenmarkt des sogenannten Behavior targeting noch intensiver mitmischen. Deshalb hat sie in einem zweiten Schritt bereits erwogen, einigen Werbepartnern gegen zusätzliche Bezahlung auch inhaltliche Informationen aus der Plattform MyBelovedPet anzubieten. Falls die Benutzer ihre Zustimmung geben, sollen die Angaben aus den Benutzerprofilen, die Nachrichten in den angebotenen Foren und die preisgegebenen Interessengebiete automatisiert verarbeitet und weitergegeben werden. Das erfordert aber viel Programmierarbeit und wird daher auf später vertagt.

Ebenfalls ins Auge gefaßt hat Mary die Möglichkeit, ein Zusatzgeschäft damit zu machen, Dritten zu erlauben, kleine Applikationen und einfache Spiele auf MyBelovedPet zu integrieren. Das erhöht die Attraktivität der Plattform und verspricht, Nutzer fester zu binden. Dafür erhalten auch diese Entwickler ein Stück vom Datenkuchen.

Im Hamsterrad

Das Grundkonzept zum initialen Generieren der Einnahmen steht also. Das Geld des Angels reicht knapp für ein Jahr, dann geht das Licht aus. Bis dahin wird MyBelovedPet.com kaum genug Einnahmen zum eigenständigen Überleben haben, es muß also vorher ein neuer Investor her.

Der will natürlich schon mal Beweise sehen, daß das Konzept funktioniert, die Nutzer es annehmen und reale Aussicht auf Erfolg besteht. Es gilt also, bis dahin einen Teil des Ganzen zu realisieren, vorzugsweise einen, der viel Pressewirbel und Aufmerksamkeit potentieller Nutzer und Investoren erzielt.

Die Wochen ziehen ins Land. Man konzentriert sich auf die Funktionen, die Mary als echte Marktlücke identifiziert hat: die Möglichkeit für die Haustierbesitzer, sich und ihr Tierchen stolz und möglichst einfach mit Bildern im Netz zu präsentieren und sich über deren Besonder- und Eigenheiten, Krankheiten oder bevorzugte Spielzeuge und Nahrung auszutauschen. "So wie Facebook, aber speziell für Tierliebhaber", umreißt Paul das Konzept gern, wenn er mit potentiellen Investoren spricht. Die Interessenten nicken anerkennend. Facebook ist durch sein Geschick, seine Mitglieder zur Preisgabe von möglichst vielen Daten zu animieren und diese für gezielte Werbung zu nutzen, in Windeseile zu einem gewinnträchtigen Unternehmen geworden. Wenn es MyBelovedPet gelingt, auch nur einen Bruchteil des Erfolges bei den Haustierfreunden zu wiederholen, stehen den drei Gründern goldene Zeiten bevor.

Doch nach fünf Monaten ist die Webseite noch nicht fertig. Die Versuche mit Test-Nutzern verlaufen wenig erfolgversprechend. Der Angel-Investor wird nervös, macht Druck, mit der Suche nach einem neuen Investor zu beginnen, obwohl noch nichts von MyBelovedPet im Internet zu sehen ist. Knapp neun Monate nach dem Start des Unternehmens geht MyBelovedPet endlich mit einem kleinen Funktionsumfang online. Die Reaktionen in der Haustierpresse und den Webforen sind verhalten, aber positiv. Langsam kommen die Benutzer. Das System stürzt zwar immer mal wieder ab, wird aber offenbar von den Tierfreunden angenommen.

Paul spricht seit einigen Wochen mit mehreren Investoren, ein konkretes Investment-Angebot liegt vor, das allerdings von den Gründern als zu hart für sie empfunden wird. Die Zeit, "bis das Licht ausgeht", die Peter jeden Montag seinen Mitstreitern per E-Mail mitteilt, sind etwa einhundert Tage. Wenn bis dahin kein neues Geld hereinkommt, war’s das.

Dummerweise wissen das auch die potentiellen neuen Investoren, die das Angebot unterbreitet haben. Die können sich genau ausrechnen, wie lange die Gründer und der Angel-Investor noch verhandeln können. Insbesondere sind sie interessiert daran, wie MyBelovedPet.com gedenkt, seine Nutzerzahlen zu steigern und diese Nutzer besser zu monetarisieren, also zu Geld zu machen.

Daten zu Finanzreserven

Mary recherchiert, ob die Daten der Mitglieder auch direkt zum Verkauf angeboten werden können. Immerhin beinhaltet die Datenbank inzwischen siebentausend aktuelle E-Mailadressen. Nach ein paar Telefonaten muß Mary leider feststellen, daß diese Adressen für nur etwa 25 Cent verkauft werden – und zwar pro Megabyte E-Mailadressen.

Peter besucht zeitgleich ein Seminar. "Monetarisierung im Web 2.0" lautet der Titel, es geht also um die Kernfrage, die auch die potentiellen Investoren bewegt. Präsentiert werden verschiedene Modelle – Werbung, möglichst gezielt, ist das gängigste. Werbung im Internet wird meist nach einem zweistufigen Prinzip bezahlt. Zum einen gibt es ein paar hundertstel oder tausendstel Cent für jedes Auftauchen eines Werbebanners oder gesponsorten Suchergebnisses auf der Webseite. Je mehr Besucher die Webseite hat und vor allem je mehr diese zur gewünschten Zielgruppe der Werbekunden gehören, desto mehr Geld gibt es für die Werbeschaltung.

MyBelovedPet wird also stets versuchen, Hundebesitzern keine Katzenstreuwerbung anzuzeigen, sondern passende für Hundeprodukte. Wenn auch noch die Hunderasse und das Alter des Vierbeiners bekannt sind – und MyBelovedPet tut alles, um die Nutzer zur Eingabe dieser Informationen zu bewegen –, kann die Werbeauswahl weiter eingegrenzt werden. Alles, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, daß das Werbebanner oder das bezahlte Suchergebnis angeklickt wird, steigert die Einnahmen potentiell.

Lukrativ wird es aber erst wirklich, wenn ein Nutzer tatsächlich auf die Werbung klickt. Dann werden bis zu einigen zehn Cent pro Klick fällig. Je besser MyBelovedPet dem Werbekunden dann auch noch Informationen über den Besucher zur Verfügung stellen kann, desto besser die Entlohnung. Mit dem Klick auf das Werbebanner übermittelt MyBelovedPet eine Art Kundennummer an den Werbepartner, mit der dieser dann über eine Schnittstelle, die er bei MyBelovedPet gemietet hat, mehr erfahren kann: was für ein Haustier der Kunde hat, auf welche Werbung er bereits in der Vergangenheit geklickt hat, welche Themen ihn interessieren und was seine Freunde bei MyBelovedPet so treiben. Interessant ist auch, ob er vielleicht jemand ist, der von sich aus mitteilsam ist, ob er also Produkte, die er kauft und denen sein Haustier zuneigt, kommentiert. Je mehr man also über einen Nutzer weiß, desto besser.

Auszug aus:
Constanze Kurz, Frank Rieger: Datenfresser. Wie Internetfirmen und Staat sich unsere persönlichen Daten einverleiben und wie wir die Kontrolle darüber zurückerlangen
272 Seiten. Broschiert. € 16,95 (D)
S. Fischer Verlage, Frankfurt am Main
Das Buch ist ab 12. April 2011 im Buchhandel erhältlich.
Dieses Kapitel wurde für die Vorabveröffentlichung gekürzt.