Eric Schmidt verteidigt Googles Klarnamen-Politik – Seite 1

Viele Nutzer sind vom sozialen Netzwerk Google+ durchaus begeistert. Einen Punkt allerdings kritisieren eine Menge Menschen. So viele, dass Google sich schon mehrfach genötigt sah , sich dafür zu rechtfertigen. Gemeint ist der Klarnamenzwang. Nun hat sich auch Ex-Konzern-Chef Eric Schmidt dazu geäußert, warum Google darauf beharrt, Nutzer zu löschen, die sich unter einem Pseudonym ein Profil bei Google+ anlegen.

Danach gefragt hatte ihn Andrew Carvin, der für NPR arbeitet, das amerikanische National Public Radio, und der auf Twitter seit Monaten Berichte zu den Unruhen in Nordafrika kuratiert. Carvin fasste das kurze Gespräch auf Google+ so zusammen : Schmidt habe gesagt, dass G+ "vorrangig als ein Identitätsservice" gebaut worden sei. Damit eventuelle weitere Projekte darauf aufbauen könnten, sei es fundamental wichtig, "dass Menschen ihre echten Namen benutzen".

Carvin selbst schränkt ein, dass es keine wörtlichen Zitate seien und er versucht habe, Schmidts Worte so gut wie möglich wiederzugeben. Trotzdem lassen sich in Schmidts Worten die Gründe erahnen, die hinter der von Google so hartnäckig verteidigten Politik stehen.

In seinem Blog Steingrau macht sich der Informatiker und Gründer Markus Breuer einige Gedanken zu dem Warum : "Warum macht Google das? Warum macht Google das auch gegen den Widerstand vieler kluger Leute, die Google ansonsten niemals Böses wollen? Warum widerspricht Google der eigenen erst im Frühjahr formulierten Policy zu diesen Fragen? Warum weicht Google hier keinen Millimeter zurück?"

Es geht ums Geld

Breuers Antwort auf diese Fragen: "Ich denke, es geht um Geld – um sehr viel Geld. Google+ ist ein weiterer Baustein in einer Strategie, die darauf abzielt, Menschen mit noch gezielterer Werbung zu versorgen."

Das ist für viele sicher noch nachvollziehbar. Weniger verständlich allerdings ist die Härte, mit der der Konzern seine Politik verteidigt und Nutzer dabei als Lügner zu betrachten scheint. Ein Beispiel dafür lieferte unfreiwillig die amerikanische Kolumnistin Violet Blue, die wirklich so heißt. Google unterstellte ihr, ein Pseudonym zu nutzen, und drohte eine Sperrung ihres Accounts an. Sie hatte keine Möglichkeit zu erklären , dass sie heißt, wie sie nun einmal heißt. Letztendlich blieb ihr Account aber bestehen.

"Verdammt, soziale Netzwerke sollten Spaß machen", schrieb Blue anschließend wütend. Außerdem sei Draußenbleiben für manche keine Alternative. Denn ein Nutzer verliere mit dem Rausschmiss nicht nur seinen Googleplus-Account, sondern auch beim Google-Dienst Picasa hochgeladene Bilder könnten unter Umständen verschwinden, ebenso wie Google-Mail und das eigene Profil in der Google-Suche. Entsprechende Fälle gibt es inzwischen einige.

Es nicht zu nutzen, ist nicht immer leicht

Wer mit Hilfe solcher Dienste und Netzwerke Geld verdient, steht vor einem Problem. Erst die Löschdrohung gegen sie und die anschließenden Debatten hätten ihr klar gemacht, schreibt Blue, wie sehr solche Dienste inzwischen Teil unseres Lebens seien.

Deswegen ist das, was Schmidt noch sagte, geradezu zynisch. Der Dienst sei "vollständig freiwillig", waren die Worte, die Carvin nun zitierte. Allerdings nähern sich einige Gesellschaften auf der Welt dem Punkt, an dem es eben nicht mehr die freie Entscheidung jedes Einzelnen ist, ob er Facebook, Google+ oder Xing nutzt. Wer dort nicht existiert, könnte bald von großen Teilen des Lebens ausgeschlossen sein . Schon jetzt gibt es sicher Menschen, die sozialen Druck spüren, sich irgendwo anzumelden, weil alle ihre Freunde oder Kollegen dort sind.

Schmidts Antwort auf die Frage, was mit jenen sei, die auf Pseudonyme und Anonymität angewiesen seien, weil sie sich sonst in Gefahr bringen könnten , ist ebenso schwierig. Sagte er doch laut Carvin, wer damit ein Risiko eingehe, solle den Dienst besser nicht nutzen. Im Übrigen hätten die Menschen in Ländern wie Iran oder Syrien sowieso keinen Schutz ihrer Privatsphäre zu erwarten. Was Carvin nicht ganz grundlos so deutet: Aus Schmidts Sicht bringe es gar nichts, einen pseudonymen Dienst anzubieten.

Doch es gibt Stimmen, die dem widersprechen. Zum Beispiel der bei der Werbeagentur bei Scholz & Friends für social media zuständige Nico Lumma. In seinem Blog schreibt er : "Als Identity-Service sollte Google+ in der Lage sein, dass man sich mit seinem Profil an unterschiedlichen Orten im Web anmelden kann, ähnlich wie bei Facebook Connect." Lumma wünscht sich ein Identitätsmanagement. Der Onlineshop bekäme damit von G+ allein die Lieferadresse angezeigt, das Flirt-Forum dagegen nur ein Pseudonym. Das Netzwerk sollte es dem Nutzer ermöglichen zu entscheiden, wo er sich wie präsentiere, findet Lumma.

"Schlechte Menschen abwerten"

Google aber scheint etwas anders unter Identität zu verstehen. Das Internet wäre nach Schmidts Meinung besserer, wenn alle wüssten, dass der angezeigte Name kein Pseudonym sei und eine reale Person repräsentiere – und keinen Hund. Es gebe schließlich schlechte Menschen, sagte Schmidt demnach. "Wir sollten in der Lage sein, sie zu identifizieren" und sie abzuwerten – also im Sinne des Suchalgorithmus herabzustufen.

Das erinnert an einen früheren Satz des Google-Managers. Er hatte in einem berühmt gewordenen Interview mit dem Fernsehsender CNBC gesagt : "Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun."

Es sind also anscheinend zwei Motive, aus denen heraus Google seine Nutzer zwingen will, ihren Namen anzugeben: Geld und ein Verständnis von Offenheit und Transparenz, wie es auch Facebook-Gründer Marc Zuckerberg pflegt, der immer wieder predigt, je offener und ehrlicher alle in seinem Netzwerk unterwegs seien, desto besser werde die Welt .

Vielleicht aber ist es doch nur ein einziges Motiv. Der Venture Capitalist Fred Wilson fragt , für wen Google diesen Dienst eigentlich geschaffen habe: für die Nutzer oder für sich selbst? "Und die Antwort, warum sie wollen, dass Du Deinen echten Namen benutzt, lautet: weil sie ihn eben wollen, es ist wichtig für sie." Also doch nur Geld. Wilson bewertet das nicht, er sagt lediglich: "Nun, wenigstens wissen wir das nun und können damit umgehen."