Elternfreie Zonen sind die Netzwerke allerdings auch nicht mehr. Die Jugendlichen suchen laut Boyd und Marwick daher nach neuen Möglichkeiten, das zu schützen, was sie unter Privatsphäre verstehen. Den technischen Möglichkeiten, die Facebook bietet, um das Publikum ihrer Botschaften zu begrenzen, trauen sie aber oft nicht. Schließlich könnten sich Bekannte oder die Eltern verletzt fühlen, wenn sie erfahren, dass sie ausgeschlossen wurden. Daher greifen die Jugendlichen zu einem anderen Mittel: Sie kodieren ihre Botschaften. Wie Dissidenten gehen sie davon aus, dass sie überwacht werden. Nicht vom Staat, aber von ihren Eltern.

"Carmen" etwa wollte ihren Freunden mitteilen, wie sie sich fühlte, nachdem sie sich von ihrem Freund getrennt hatte. Doch weil die 17-Jährige Angst hatte, ihre Mutter könne sie für selbstmordgefährdet halten, wollte sie ihre Trauer nicht offenbaren. Stattdessen zitierte sie den Monty Python Song "Always Look on the Bright Side of Life". Ihre Freunde verstanden sofort, was sie meinte. In dem Film "Life of Brian" untermalt das Lied die Kreuzigung der Hauptfigur. Carmens Mutter war dieser Bezug offenbar nicht klar. Sie kommentierte das Status-Update ihrer Tochter und freute sich, dass es ihrer Tochter so gut gehe.

Diese Technik funktioniert auch zwischen den Jugendlichen selbst. Laut Boyd und Marwick entwickeln sie gemeinsame Werte darüber, welche Inhalte angemessen sind. So gelte es nicht unbedingt als cool, seinen Seelenschmerz via Facebook nach außen zu kehren.

Mitlesen gehört sich nicht

Zudem empfinden viele ihre Gespräche via Facebook wie eine Unterhaltung in einem Café. Die Tischnachbarn können dort auch zuhören, doch eigentlich gehört sich das nicht. Viele Teenager wünschen sich laut Boyd und Marwick solche ungeschriebenen Umgangsregeln auch in sozialen Netzwerken.

Diese Werte und Strategien würden zwar nichts daran ändern, dass persönliche Daten der Jugendlichen an die Werbeindustrie verkauft werden. Die scheinen sich aber viel mehr Sorgen darüber zu machen, was Eltern, Lehrer oder Klassenkameraden aus ihrem Profil herauslesen.

Die Aktivitäten, Orte, Songs und Videos, die in der Facebook-Zeitleiste eine Art Lebensblog bilden sollen, wären für die befragten Teenager unkritisch, solange es nicht um Befindlichkeiten geht, sondern um Interessen. Der 17-jährige "Waffles" findet: "Das ist nichts, was man für sich behalten will."