Vor wenigen Wochen wurde in Emden ein junger Mann aus seinem Leben gerissen, weil er angeblich ein Mädchen sexuell missbraucht und getötet haben soll. Bekanntlich geschah das zu Unrecht. Man muss kein Psychologe sein, um zu ermessen, wie schrecklich das für ihn gewesen sein muss.

Der öffentlich Beschuldigte stand am Pranger. Er wurde online vorgeführt und verurteilt. Der Mob, der sich vor der Polizeistation versammelte, hätte dieses Urteil vielleicht sogar vollstreckt, wäre da nicht der Rechtsstaat gewesen.

 
Man sollte annehmen, dass viele daraus lernen, wie gefährlich Anschuldigungen sein können, wenn Personendaten mutmaßlicher Täter bekannt werden. Ein Irrtum, denn der Fall von Ariane Friedrich beweist das Gegenteil. Die Hochspringerin veröffentlichte auf ihrem Facebook-Profil den Namen und Wohnort eines Mannes, der ihr angeblich eine Mail mit obszönem Inhalt gesandt haben soll.

Dafür wurde sie zwar kritisiert, aber es gab auch Stimmen, die ihr Verhalten guthießen: Sie habe ja schließlich das Recht, sich zu wehren. Das mag so sein, aber es umfasst nicht das Recht, Dritte öffentlich zu beschuldigen! Die Unterstützung für Friedrich ist ein Beleg dafür, dass viele Menschen unter mangelnder Sensibilität gegenüber dem Thema Verleumdung leiden.

Denn es könnte schließlich sein, dass die Personenangaben, die Friedrich zu kennen glaubt, falsch sind, oder dass besagter E-Mail Account gehackt wurde. Der mutmaßliche Täter könnte psychisch labil oder geisteskrank sein. Wer übernimmt dann die Verantwortung für seine Reaktionen auf die Veröffentlichung seines Namens? Außerdem können Namen häufiger vorkommen. Was erleben Menschen, die zufällig denselben haben? Wie reagiert deren Umfeld darauf? Werden die Kinder auf dem Schulhof mit dem mutmaßlichen Corpus Delicti des Vaters konfrontiert? Wie reagiert der Chef und was sagt die Frau oder Freundin dazu?

Friedrich ist mit Sicherheit ein Opfer, aber sie stellt ihr persönliches Interesse über das anderer – und könnte damit vielen Menschen schaden. Als ausgebildete Polizistin muss ihr das bewusst sein. Weder war ihr Leben in Gefahr, noch hatte die Justiz im vorliegenden Fall versagt. Durch ihr Handeln zwingt sie Unbeteiligte zum Beweis ihrer Unschuld.

Das Internet darf nicht dazu führen, dass mittelalterliche Sitten wiederbelebt werden. Denn wo würde das enden? Würden Opfer von Verleumdungen selbst Namen von Menschen veröffentlichen, die sie aufgrund falscher Anschuldigungen bedrohten? Schande als Strafe, verhängt vom Opfer?

Wenn die User soziale Netzwerke zum Pranger verkommen lassen, hebeln sie den Rechtsstaat aus. Das kann jederzeit jeden treffen – wie den Jungen in Emden.