Erkenne dein Facebook-Selbst mit Wolfram Alpha

Wer bei Facebook aktiv ist, verliert nach einiger Zeit leicht den Überblick, mit wem er so alles befreundet ist und was er in der Vergangenheit so alles gepostet hat. Kontrollverlust ist Teil des Konzeptes des sozialen Netzwerks. Die Suchmaschine Wolfram Alpha will Facebook-Nutzern nun ein wenig mehr Übersicht geben. Wozu die Suchmaschine die damit gewonnenen Daten sonst noch nutzt, ist allerdings ungewiss.

Der neue und einfach zu bedienende Dienst spuckt binnen Sekunden eine detaillierte Auswertung aller Facebook-Daten aus – mit Tabellen, Tortendiagrammen, Karten und Rankings. Und diese verraten einiges: Wie viele meiner Facebook-Freunde sind verheiratet? Welche politischen Ansichten haben meine Kontakte? Wie viele Leute kenne ich in Südamerika ? Und welche meiner Fotos und Videos kamen besonders gut an? All das lässt sich auf einen Blick erkennen. Je intensiver die Facebook-Nutzung, desto länger und ausführlicher fällt die Übersicht aus.

Um an sie heranzukommen, reicht es, in der Suchmaske von Wolfram Alpha " facebook report " einzugeben und sich mit einem Facebook-Account anzumelden. Wer das tut, erlaubt Wolfram Alpha den Zugriff auf die eigenen Profilinformationen und die seiner Freunde. Diese werden dann durch die semantische Suchmaschine ausgewertet: Heraus kommt ein grafisch aufbereiteter Überblick über die Aktivitäten des Nutzers und seiner Kontakte. Auch das Freundschaftsnetzwerk und die eigene Position darin werden angezeigt – gemessen an der Häufigkeit der Kontakte.

Die Suchmaschine Wolfram Alpha, benannt nach ihrem Gründer Stephen Wolfram , ist anders als Google nur zur Beantwortung speziellerer Fragen nützlich. Etwa zur Suche nach mathematischen Formeln oder um zu erfahren, wie alt Barack Obama ist. Anstatt eine Liste passender Links zu einem Suchwort auszuschütten, erkennt der Algorithmus von Wolfram Alpha Zusammenhänge und antwortet auf die Suchfrage mit einem konkreten Ergebnis. Sind die Fragen zu allgemein, klappt das nur bedingt.

Geld verdient der Suchmaschinen-Betreiber mit Zusatzfunktionen wie dem Facebook-Report, der nur 14 Tage als Testversion kostenlos zur Verfügung steht. Die Pro-Version wird im monatlichen Abo für 4,99 US-Dollar verkauft. Wer das Abo bucht, kann den Statusbericht immer wieder abrufen und aktualisieren.

Ein Leben als Tortengrafik

Die Motivation des Suchmaschinen-Entwicklers Stephen Wolfram ist dabei weniger die eines Aufklärers, der Mann ist einfach fasziniert von Daten. Vor einiger Zeit hat er einen umfangreichen Text gebloggt, in dem er seine eigenen Aktivitäten statistisch aufbereitet . E-Mail, Telefonate, gegangene Schritte – viele Aspekte seines Lebens hat er darin mathematisch analysiert. Viele könnten so etwas, schreibt er nun , denn viele hätten eine sehr umfangreiche Datenquelle zur Hand, eben Facebook.

Wolfram will diese Quelle zugänglich machen. "Wolfram Alpha kennt alle möglichen Informationsquellen", bloggt er. "Nun kann es auch Wissen über sie verarbeiten und seine Analysefähigkeiten einsetzen, um diverse persönliche Statistiken zu bieten." Je nachdem, wie die Nutzer das Angebot annähmen, werde man es in der kommenden Zeit weiterentwickeln, schreibt er.

Data Mining für jedermann

Was sich dank der veränderten Darstellung plötzlich alles über die eigenen Freunde, Kollegen oder Verwandten offenbart, ist faszinierend. Dass all die Daten bereits in Facebook enthalten sind, sollte aber über eines nicht hinwegtäuschen: Wer sich von dem Wolfram-Alpha-Angebot locken lässt, stellt einem weiteren Unternehmen neben Facebook die kompletten Daten aus dem sozialen Netzwerk zur Verfügung. Wie die in Zukunft verwendet werden, weiß heute niemand.

Möglicherweise wird uns die statistische Erfassung und Kategorisierung unseres Lebens schon bald normal erscheinen. Schon jetzt werden wir von vielen Firmen und Behörden anhand unserer Daten identifiziert und unser Verhalten wird kalkuliert. Das Stichwort dafür lautet Data Mining , das Arbeiten in Daten-Bergwerken. Mustererkennung ist zu einem mächtigen Werkzeug geworden, bei der Vergabe von Krediten genauso wie bei der Verhandlung um Rabatte.

Auch gibt es eine ganze Szene von Menschen, die ihr Leben als Daten erfassen und auswerten. Bekannt gemacht hat das Konzept der Designer Nicholas Felton, der mehrere Jahre lang sein Leben als grafisch aufbereitete Statistik erhob und veröffentlichte . Er gründete auch eine Website mit, auf der jeder seine Daten sammeln und aufbereiten kann . Inzwischen arbeitet Felton bei Facebook und ist dort verantwortlich für die Einführung der Timeline, die letztlich eine Sammlung aller Posts einer Person ist. Wolfram Alpha ist nun ein Versuch, aus diesem Datenstrom Informationen zu gewinnen.