Überwachungskameras gibt es in Geldautomaten und an Mautbrücken, auf öffentlichen Plätzen und in der U-Bahn, bei Demonstrationen jeder Art und auf Schultoiletten, in Bahnhöfen und an den Eingängen diverser Gebäude. Kameras sind überall. Denn Kameras sind billig und gelten Polizisten und Politikern oft als Allheilmittel.

Zum Beispiel Jörg Ziercke. Der Präsident des Bundeskriminalamtes sagte kurz nach dem Anschlag in Boston dem Magazin Focus, "welche große Bedeutung eine Videoüberwachung bei potenziellen Anschlagsgefahren haben kann". Sie könne "abschreckend wirken und auch entscheidend bei der Aufklärung von Straftaten helfen".

Innenminister Hans-Peter Friedrich forderte sofort mehr Kameras. Der Bild am Sonntag sagte er: "Die Ereignisse in Boston zeigen erneut, wie wichtig die Überwachung des öffentlichen Raums durch Videokameras für die Aufklärung schwerster Straftaten ist. Deshalb arbeiten wir zum Beispiel mit der Bahn daran, die Videoüberwachung an den Bahnhöfen zu stärken." Im Haushalt will er mehr Geld dafür einstellen.

Lassen wir kurz beiseite, dass es nur eine schwere und keine schwerste Kriminalität im Gesetz gibt, und konzentrieren uns auf die eigentliche Forderung: noch mehr Kameras.

Die stellt auch der Bund Deutscher Kriminalbeamter gern auf. Er erklärte gerade: "Wenn es zu Gewaltstraftaten in Bahnhöfen oder sonstigen öffentlich zugängigen Bereichen kommt, erwartet die Bevölkerung – zu Recht – die rasche Ermittlung der Täter. Dazu brauchen wir die Videoüberwachung flächendeckend an bekannten Gefahrenpunkten."

Einst unerkannt im öffentlichen Raum

Einst war man im öffentlichen Raum anonym. Solange niemand nach Namen oder Ausweis fragte, und man keinen Bekannten traf, konnte man sich dort unerkannt bewegen. Diese Zeit ist vorbei. Auf der Straße gibt es keine Anonymität mehr, soll es keine mehr geben. In wenigen Jahren wird es nahezu unmöglich sein, sich durch eine deutsche Großstadt zu bewegen, ohne dabei nicht mindestens einmal gefilmt zu werden. Staatliche und private Überwacher wollen jeden jederzeit erkennen und wiederfinden können – aus Bequemlichkeit, um Geld für Personal und Prävention zu sparen, um Ängste zu beschwichtigen.

In Großbritannien ist es bereits so. 2011 zitierte der Guardian eine Studie, laut der es mindestens 1,85 Millionen Überwachungskameras im Land gab; seitdem sind es sicher noch mehr geworden.

Identifiziert mit Mustererkennung

Der öffentliche Raum wird überwacht und soll noch viel stärker überwacht werden. Nicht allein mit Kameras. Der nächste Schritt sind Bildauswertungsverfahren, die automatisch Menschen identifizieren und verfolgen können, anhand der Geometrie ihres Gesichtes, anhand ihres Ganges, anhand des Faltenwurfs ihrer Kleidung. In Verbindung mit Fotodatenbanken der Meldebehörden und mit Facebook und Flickr wird daraus ein Panoptikum, ein Ort, an dem von wenigen alles überwacht werden kann.

Neben Staaten sammeln längst auch Unternehmen zentralisiert Videobilder. Geräte wie Google Glass werden das noch verschärfen.

Kameras senken keine Kriminalität

Ob man mit dem flächendeckenden Einsatz von Kameras die erhoffte Sicherheit gewinnt, ist nicht klar. Es gibt nur wenige Studien, die untersucht haben, ob Kameras überhaupt Einfluss auf die Kriminalität haben. Eine tat das am Beispiel der Berliner U-Bahn. Ergebnis: Die Überwachung verändert gar nichts. Eine andere Studie beschäftigte sich mit den Kameras in London, einer der am besten überwachten Städte der Welt. Auch hier das Fazit: Die Verbrechensrate sinkt nicht.

Mit abnehmender Kriminalität argumentieren Polizei und Politik daher schon gar nicht mehr. Sie nimmt übrigens sowieso ab, auch weil die Bevölkerung immer älter wird. Wir leben eindeutig in einem der sichersten Länder der Welt. Stattdessen lautet das Argument, wenn etwas passiert sei, gelinge die Aufklärung mit Videoüberwachung viel schneller.

Nebenbei: Selbstmordattentäter, die der Bevölkerung am meisten Angst machen, sind die Kameras aber aus nachvollziehbaren Gründen egal.

Symbolpolitik

Es geht also vor allem um Symbole, darum, durch schnelles Handeln ein subjektives Sicherheitsempfinden zu schaffen. Terrorismus und Kriminalität aber sind gesellschaftliche Probleme. Um sie zu bekämpfen, braucht es viele Wege. Kameras sind der billigste und der schlechteste. Sie verändern nichts an den Ursachen, sie können nur die Symptome beobachten.

Der Preis dafür ist hoch. Wir verlieren durch allgegenwärtige Kameras viel. Das Gefühl, vom Staat in Ruhe gelassen zu werden zum Beispiel, manche nennen es Freiheit. Aus Angst, durch Terroristen zu sterben, bringen wir unsere freie Gesellschaft um. Wer überwacht wird, kann sich nicht entfalten, wird nichts ausprobieren, entwickelt einen Hang zum Konformismus. Freiheit bedeutet aber auch, sich keine Gedanken machen zu müssen, ob das, was man tut, negativ ausgelegt werden könnte. Wer beobachtet wird, hat Angst, etwas falsch zu machen.

Immer neue Kameras werden gefordert und aufgehängt, dabei ist nicht einmal klar, wie viele es gibt. Die Linkspartei hat gerade die Bundesregierung danach gefragt, eine Antwort steht aus. Allein in Bayern sollen es 17.000 staatliche Überwachungskameras sein, die privaten nicht mitgezählt. Die Gesamtzahl kennt niemand, aber im Straßenbild sind sie längst alltäglich.

Anonymität wird ein Luxusgut

Sich einer flächendeckenden Videoüberwachung zu entziehen, ist schwer. Eine Maske zu tragen ist zu auffällig. Einen Kieselstein in den Schuh zu legen, um seinen Gang zu verändern und so der Analyse zu entkommen, ist zu schmerzhaft. Ständig neue Sachen anzuziehen, um der Mustererkennung zu entgehen, ist zu teuer.

Paradoxerweise ist das Internet der letzte anonyme Raum, den es noch gibt. Ausgerechnet das Internet, in dem jeder eine Art Nummernschild mit sich herumträgt und anhand der IP-Adresse sofort identifizierbar ist.

Seine Identität im Netz zu verschleiern, ist aber billig und vergleichsweise leicht. Auf den ersten Blick zumindest. Sämtliche Software gibt es kostenlos: anonyme Mailadressen, Verschlüsselungsprogramme, IP-Verschleierung über TOR und andere Dienste. Was es braucht, ist allein den Willen, sich damit zu beschäftigen, und natürlich das technische Verständnis. Anders gesagt: Offline gibt es keine Anonymität mehr, online ist sie ein Luxusgut für die technische Elite.