Ob man mit dem flächendeckenden Einsatz von Kameras die erhoffte Sicherheit gewinnt, ist nicht klar. Es gibt nur wenige Studien, die untersucht haben, ob Kameras überhaupt Einfluss auf die Kriminalität haben. Eine tat das am Beispiel der Berliner U-Bahn. Ergebnis: Die Überwachung verändert gar nichts. Eine andere Studie beschäftigte sich mit den Kameras in London, einer der am besten überwachten Städte der Welt. Auch hier das Fazit: Die Verbrechensrate sinkt nicht.

Mit abnehmender Kriminalität argumentieren Polizei und Politik daher schon gar nicht mehr. Sie nimmt übrigens sowieso ab, auch weil die Bevölkerung immer älter wird. Wir leben eindeutig in einem der sichersten Länder der Welt. Stattdessen lautet das Argument, wenn etwas passiert sei, gelinge die Aufklärung mit Videoüberwachung viel schneller.

Nebenbei: Selbstmordattentäter, die der Bevölkerung am meisten Angst machen, sind die Kameras aber aus nachvollziehbaren Gründen egal.

Symbolpolitik

Es geht also vor allem um Symbole, darum, durch schnelles Handeln ein subjektives Sicherheitsempfinden zu schaffen. Terrorismus und Kriminalität aber sind gesellschaftliche Probleme. Um sie zu bekämpfen, braucht es viele Wege. Kameras sind der billigste und der schlechteste. Sie verändern nichts an den Ursachen, sie können nur die Symptome beobachten.

Der Preis dafür ist hoch. Wir verlieren durch allgegenwärtige Kameras viel. Das Gefühl, vom Staat in Ruhe gelassen zu werden zum Beispiel, manche nennen es Freiheit. Aus Angst, durch Terroristen zu sterben, bringen wir unsere freie Gesellschaft um. Wer überwacht wird, kann sich nicht entfalten, wird nichts ausprobieren, entwickelt einen Hang zum Konformismus. Freiheit bedeutet aber auch, sich keine Gedanken machen zu müssen, ob das, was man tut, negativ ausgelegt werden könnte. Wer beobachtet wird, hat Angst, etwas falsch zu machen.

Immer neue Kameras werden gefordert und aufgehängt, dabei ist nicht einmal klar, wie viele es gibt. Die Linkspartei hat gerade die Bundesregierung danach gefragt, eine Antwort steht aus. Allein in Bayern sollen es 17.000 staatliche Überwachungskameras sein, die privaten nicht mitgezählt. Die Gesamtzahl kennt niemand, aber im Straßenbild sind sie längst alltäglich.

Anonymität wird ein Luxusgut

Sich einer flächendeckenden Videoüberwachung zu entziehen, ist schwer. Eine Maske zu tragen ist zu auffällig. Einen Kieselstein in den Schuh zu legen, um seinen Gang zu verändern und so der Analyse zu entkommen, ist zu schmerzhaft. Ständig neue Sachen anzuziehen, um der Mustererkennung zu entgehen, ist zu teuer.

Paradoxerweise ist das Internet der letzte anonyme Raum, den es noch gibt. Ausgerechnet das Internet, in dem jeder eine Art Nummernschild mit sich herumträgt und anhand der IP-Adresse sofort identifizierbar ist.

Seine Identität im Netz zu verschleiern, ist aber billig und vergleichsweise leicht. Auf den ersten Blick zumindest. Sämtliche Software gibt es kostenlos: anonyme Mailadressen, Verschlüsselungsprogramme, IP-Verschleierung über TOR und andere Dienste. Was es braucht, ist allein den Willen, sich damit zu beschäftigen, und natürlich das technische Verständnis. Anders gesagt: Offline gibt es keine Anonymität mehr, online ist sie ein Luxusgut für die technische Elite.