China wettert gegen die USA – Seite 1

Ungewohnt deutlich hat China die USA kritisiert. Die Vereinigten Staaten von Amerika seien in gewisser Weise von einem Vorbild beim Thema Menschenrechte zu einem "Ausspäher privater Daten" und einem "Eindringling in andere Länder" geworden. Das schreibt die staatliche Zeitung The People's Daily in ihrer englischsprachigen Ausgabe.

In einem Kommentar auf der ersten Seite würdigte die Zeitung den früheren Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden . Er habe mit seiner Furchtlosigkeit die scheinheilige Maske der USA heruntergerissen. "Die Welt wird sich an Edward Snowden erinnern", heißt es in dem Artikel. Die Zeitung ist die offizielle Parteizeitung der kommunistischen Partei des Landes und gilt als Sprachrohr der chinesischen Regierung.

Die Kritik aus Peking ist eine Reaktion auf den harschen Vorwurf aus Washington , China habe die Ausreise Snowdens aus Hongkong erleichtert. Ein Sprecher des Weißen Hauses sagte, die Entscheidung, Snowden ziehen zu lassen, sei eine bewusste Entscheidung der chinesischen Regierung gewesen. Peking habe beschlossen, einen Flüchtling ausreisen zu lassen, obwohl die USA eine Erlaubnis zu dessen Verhaftung erlassen hatten. "Diese Entscheidung wird zweifelsohne negative Auswirkungen auf das amerikanisch-chinesische Verhältnis haben", sagte der Sprecher.

Auch US-Außenminister John Kerry warnte China vor "Konsequenzen". Er sprach von einem "schweren Rückschlag" für die Beziehungen zwischen den USA und China. Noch vor wenigen Wochen hatte es ein erfolgreiches Treffen zwischen US-Präsident Barack Obama und dem chinesischen Präsidenten Xi Jingping gegeben.  

China will Einmischung aus den USA nicht akzeptieren

China wies den Vorwurf, Snowden zur Flucht verholfen zu haben , als haltlos zurück und reagierte seinerseits mit deutlichen Worten in Richtung Washington. Die Regierung in Peking könne dieses Missfallen und die Gegenwehr nicht akzeptieren.

Die chinesische Regierung betonte, man sei ernsthaft besorgt über die Anschuldigungen von Edward Snowden. Der 30-Jährige hatte kurz vor seiner Ausreise aus Hongkong bestätigt, dass sich die amerikanischen Behörden auch in chinesische Netzwerke gehackt hätten. So soll unter anderem die Website der Tsinghua-Universität betroffen sein – eines der Internetzentren des Landes.

China wartet auf Entschuldigung aus Washington

"Die USA haben sich weder bei uns entschuldigt noch haben sie uns eine Erklärung für ihre Vorgehen geliefert – stattdessen hat die Regierung in Washington ihr Missfallen gegenüber der Verwaltung in Hongkong ausgedrückt", schreibt Wang Xinjun, ein Forscher an der Akademie für Militärstudien in dem Kommentar.

Nicht nur China hat abgestritten, an Snowdens Flucht beteiligt gewesen zu sein. Auch der russische Außenminister wies jede Beteiligung seitens Russland zurück. Snowden habe seine Reiseroute allein gewählt, "wir haben davon aus der Presse erfahren", sagte Sergej Lawrow. Der flüchtige IT-Spezialist habe die russische Staatsgrenze auch offiziell nie überschritten. Snowden soll sich nur im Transitbereich des Flughafens Moskau-Scheremetjewo aufgehalten haben – dafür ist kein Einreisevisum nötig.

Indessen wurde bekannt, dass sich Edward Snowden ganz bewusst in den US-Geheimdienst eingeschleust hat, um dessen Internet-Spähprogramme aufzudecken. Allein aus diesem Grund habe er den Job als IT-Techniker bei der Beratungsfirma Booz Allen Hamilton angenommen, zitiert ihn die Hongkonger Zeitung South China Morning Post . Das Gespräch wurde bereits am 12. Juni geführt.

Seine Arbeit habe Snowden Zugang zu Listen mit gehackten Computern in der ganzen Welt verschafft. "Deswegen habe ich die Position vor rund drei Monaten angenommen", sagte er der Zeitung . In seiner Arbeit als Computer-Administrator habe er große Mengen an geheimen Informationen gesammelt. Nach Informationen der Zeitung will der 30-Jährige weitere Enthüllungen über die USA machen.

Keine Spur von Snowden

Zwei Tage nach seiner Flucht von Hongkong nach Moskau ist der Aufenthaltsort Snowdens weiter unbekannt . Er war offenbar nicht an Bord eines Flugzeuges, das am gestrigen Montag  von Moskau nach Kuba startete. Zuvor war vermutet worden, dass Snowden über Havanna nach Ecuador reisen wollte, wo er Asyl beantragt hat.