Die Bundesregierung reagiert besorgt auf den Bericht des Londoner Guardian über das britisches Abhörprogramm Tempora . "Die Bundesregierung nimmt den Zeitungsbericht sehr ernst", sagte Regierungssprecher Georg Streiter laut einer Vorabmeldung der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) . Die Regierung in Berlin werde "der Angelegenheit nachgehen und zum gegebenen Zeitpunkt dazu Stellung nehmen".

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zeigte sich in einer ersten Reaktion höchst beunruhigt. "Treffen die Vorwürfe zu, wäre das eine Katastrophe. Die Vorwürfe gegen Großbritannien klingen nach einem Alptraum à la Hollywood", sagte die FDP-Politikerin. Die Aufklärung gehöre sofort in die europäischen Institutionen.

Auch der CDU-Innenpolitiker Clemens Binninger äußerte Kritik am Vorgehen der britischen Behörden. "Wenn die Angaben zutreffen, dass bei sozialen Netzwerken und Providern große Datenmengen abgespeichert werden, wäre das mit unserem Verständnis von Datenschutz nicht vereinbar", sagte Binninger der Zeitung.

Die SPD fordert von der Bundesregierung Aufklärung über das Abhörprogramm. "Die Vorwürfe klingen so, als ob der Überwachungsstaat von George Orwell in Großbritannien Wirklichkeit geworden ist. Das ist unerträglich", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann , der FAS. Einen schrankenlosen Zugriff der Geheimdienste auf die privaten Daten der Bürger dürfe es nicht geben. "Die Bundesregierung muss diese Vorwürfe aufklären und gegen eine Totalüberwachung von deutschen Bürgern vorgehen", sagte Oppermann.

Der Bundestagsabgeordnete der Linkspartei , Steffen Bockhahn, äußerte den Verdacht, dass die Bundesregierung mit ihren Geheimdiensten an dem Geschäft der Datenerfassung und des Datenaustausches beteiligt sei. "Es liegt die Vermutung nahe, dass sie andere Regierungen nicht besonders scharf kritisiert, weil sie Gleiches oder Ähnliches tut", sagte Bockhahn. 

Britische Politker fordern effektivere Geheimdienst-Kontrollen

Auch in Großbritannien reagierten Datenschutz-Organisationen schockiert auf den Bericht und forderten eine Überarbeitung der entsprechenden Paragrafen. Großbritannien komme einer "zentralen Datenbank all unserer Internetkommunikation" gefährlich nahe, sagte Nick Pickes von der Gruppe Big Brother Watch. "Diese Frage muss dringend im Parlament diskutiert werden."

Schatten-Außenminister Douglas Alexander von der sozialdemokratischen Labour-Partei forderte, dass der Geheimdienst Government Communications Headquarters (GCHQ) von Parlament und Ministerium effektiver beaufsichtigt wird. Der zuständige parlamentarische Ausschuss arbeite bereits daran.

Der Guardian hatte am Freitagabend einen Bericht veröffentlicht, in dem der US-Whistleblower Edward Snowden das britische Spähprogramm Tempora als "schlimmer" als das Prism-Programm der NSA bezeichnete . GCHQ bespitzelt demnach systematisch Telefon- und Internetnutzer in aller Welt und teilt die Erkenntnisse mit den US-Kollegen. Von Snowden vorgelegte Dokumente sollen beweisen, dass sich der Geheimdienst heimlich Zugang zu mehr als 200 Glasfaserkabeln verschafft hat, über die der weltweite Telekommunikationsstrom läuft. Tagtäglich würden so auch mehr als 600 Millionen "telefonische Ereignisse" überwacht.