Der Kollege in der Redaktion fühlt sich sicher. Fotos von der letzten Party gebe es auf seiner Facebook-Seite nicht zu sehen, und auch sonst nichts Peinliches, sagt er. Zumindest sei so etwas für Außenstehende nicht sichtbar. Fremde bekämen nur das Titelbild seiner Seite gezeigt, erklärt der Kollege, der trotz allem ungenannt bleiben will. Seine Privatsphäre schütze er fein säuberlich mit den entsprechenden Einstellungen in seinem Profil. Ausschließlich seine Facebook-Freunde könnten sehen, was er so schreibt und welche Bilder er veröffentlicht.

 Ist das wirklich so? 

Es ist nur ein kleiner Testlauf nötig, um auch versierten Nutzern vorzuführen, wie viele Informationen die neue Suchfunktionen Graph Search selbst über Fremde auf Facebook zutage fördern kann. Seit Juni wird sie nach und nach flächendeckend eingeführt, und auch von Freunden kann sie ganz unbekannte Seiten ans Licht bringen.

Dabei ist Graph Search nicht etwa ein Schnüffelwerkzeug. Die Funktion zeigt ausschließlich Informationen an, die auch vorher für den Suchenden bereits sichtbar waren. Nur ist das vielen der weltweit mehr als eine Milliarde Nutzern bisher vielleicht gar nicht bewusst. Wer das soziale Netzwerk privat oder beruflich weiterhin sinnvoll und sicher nutzen will – und trotz des aktuellen Spionage-Skandals wollen das die meisten Facebook-Nutzer – sollte deshalb ein wenig Zeit in das Management seiner digitalen Identität investieren.

Altlasten in den Kommentaren

Graph Search ist zwar bisher nur für Nutzer der englischen Sprachversion verfügbar. Die deutsche Version wird aber nicht lange auf sich warten lassen, und für einen Test können es auch Nutzer hierzulande schnell einrichten. Die Einstellungen finden sich auf der Facebook-Seite unter dem Zahnrad rechts oben, am Ende der Spalte mit den allgemeinen Einstellungen ist die Sprach-Option aufgeführt. Auf der Seite www.facebook.com/graphsearch steht dann eine kurze Demo und ein Button, mit dem das Einrichten beantragt werden kann.

So können wir umgehend den Namen des Kollegen mit den rigiden Privatsphären-Einstellungen in das nun größere weiße Suchfenster eingeben und etwa nach allen Fotos suchen, auf denen er zu sehen ist. Der Betroffene ist doch recht verblüfft darüber, was Graph Search so alles findet. Selbst wenn wir nicht mit ihm befreundet sind, werden Fotos von ihm angezeigt – nämlich solche, die Freunde von ihm auf Facebook gestellt und mit seinem Namen verbunden haben ("tagged") und die zudem öffentlich sichtbar sind. Seine eigenen Einstellungen sind da wirkungslos. Und weil Facebook einen Nutzer früher nicht informiert hat, wenn er auf Fotos markiert wurde, kann das jedem passieren. 

Einblicke in die Vergangenheit

Ähnlich unerwartet tauchen auch Beiträge auf, die der Kollege vor Jahren selbst öffentlich gepostet und in der Zwischenzeit einfach vergessen hat. Dass da Altlasten schlummern, dürfte den wenigsten bewusst sein, denn bisher mussten Nutzer mitunter sehr, sehr lange auf der Chronik nach unten scrollen, um solche "Jugendsünden" auszugraben. Noch unsichtbarer waren Kommentare. Ein flapsiger Spruch zu einem Foto oder ein flüchtiger Flirt-Dialog unter einem verlinkten Artikel – so etwas war bisher schon nach wenigen Wochen unter unzähligen Schichten neuer Kommentare, Postings und Fotos verborgen.

Nun bringt eine einfache Suchabfrage wie "Fotos von XY die AB kommentiert hat" all das an die Oberfläche. Es sind Einblicke in die Vergangenheit, die beim Lebensgefährten oder bei der Vorgesetzten durchaus für Überraschungen sorgen können. Auch bei Facebook-Freunden bietet Graph Search einen viel weiterreichenden Zugriff auf bereits vorhandene Informationen. Das gilt auch für all jene Postings, die die Filterblase vorher gar nicht durchdrungen hatten – also Beiträge, die der Facebook-Algorithmus aus dem Strom der Beiträge herausgefiltert hatte, weil sie den jeweiligen Nutzer vermeintlich nicht interessieren. Diese Inhalte werden nun alle angezeigt. Es ist diese Ausweitung, die Graph Search zu einem so mächtigen Werkzeug macht. 

Konkurrenz für Job-Netzwerke wie Xing

So kann Facebook nun dank Graph Search auch bei Suchanfragen helfen, auf die bisher andere Dienste spezialisiert waren, zum Beispiel Kontaktbörsen oder Jobportale. Wer weibliche Singles aus München mit dem Lieblingsfilm Titanic sucht oder verheiratete Männer aus Berlin, die eine Vorliebe für Porsche haben, braucht sich nicht mehr bei elitepartner.de anzumelden. Und seitdem Personalchefs Absolventen eines Maschinenbaustudiums, die bei Siemens arbeiten und in Berlin leben, auch über Facebook finden können, dürften Firmen wie Xing oder LinkedIn zumindest etwas nervös werden.

Diese neuen Suchmöglichkeiten haben Befürchtungen ausgelöst, dass nun reihenweise Menschen bloßgestellt werden. So drastisch, wie es das tumblr-Blog Actual Facebook Graph Searches suggeriert, dürften die Folgen in den seltensten Fällen sein. Denn die "verheirateten Männer, denen Prostituierte gefallen", haben schlicht den "Gefällt-mir"-Button auf der Facebook-Seite "Prostituierte" geklickt, und das ist keine authentische, sondern eine satirische Seite. Überhaupt sind Ironie und "Likes" ein Thema für sich, Graph Search jedenfalls hat keinen Ironiedetektor.

Identitätsmanagement wird noch aufwändiger

Es gibt jedoch Menschen, die von einer Ära der Post-Privacy wenig halten und lieber weniger als mehr über sich preisgeben wollen, wenn sie Facebook nutzen. Sie sollten genau prüfen, welches Bild ihr Facebook-Profil abgibt. Schon 2009 haben etwa zwei Studenten des MIT nachgewiesen, dass sich die sexuelle Orientierung eines Facebook-Nutzers relativ sicher nur anhand des Freundeskreises im Netzwerk vorhersagen lässt.

Auch andere Angaben, die unter der Rubrik "Info" vermerkt sind, sollten überprüft werden. Denn der Wohnort, das Alter, die Schule, der Beziehungsstatus, Lieblings-TV-Serien und ein "Gefällt mir" bei der Turnschuhmarke – all das sind in Zukunft Anhaltspunkte für die Rasterfahndung unter Facebook-Nutzern. Für den Einzelnen bedeutet das, dass das Identitätsmanagement noch aufwändiger wird, sofern er sich um die Außenwirkung seiner Interessen und Handlungen auf Facebook sorgt.

Den Like für den brachialen Vin-Diesel-Kinofilm, vor Urzeiten aus unerfindlichen Gründen gesetzt, hat der Kollege nach unserem Graph-Search-Experiment jedenfalls entfernt. Solche Dinge soll die Welt nun wirklich nicht über ihn erfahren.