Mastercard und Visa bekämpfen anonymes Surfen – Seite 1

Das Kreditkartenunternehmen Mastercard hat in dieser Woche zwei politische Entscheidungen getroffen. Die erste: Kunden können wieder per Mastercard an die Whistleblower-Plattform WikiLeaks spenden – etwas, das Mastercard und Visa seit 2010 unterbunden hatten.

Die zweite: VPN-Provider werden ab sofort boykottiert, Zahlungen an sie werden nicht zugelassen. Auch Visa unterstützt solche Dienste nun nicht mehr.

Ein Politikum ist das deshalb, weil VPN-Provider einen nützlichen und völlig legalen Weg anbieten, sich halbwegs unerkannt im Internet zu bewegen. VPN steht für Virtual Private Network. Mit einem solchen Netzwerk können Nutzer ihre IP-Adresse verschleiern, indem sie eine verschlüsselte Verbindung zum Server des VPN-Providers aufbauen, von wo aus die Anfrage nach der gewünschten Internetseite weitergeleitet wird. 

Für den heimischen Internetprovider ist damit nicht mehr sichtbar, welche Inhalte sein Kunde aufruft. Für den Anbieter der Inhalte ist nicht mehr nachvollziehbar, von welcher IP-Adresse der Zugriff auf seine Seite wirklich erfolgt. Und für Dritte ist auch in einem offenen WLAN nicht erkennbar, was ein Nutzer online tut.

VPN werden zur Umgehung von Internetzensur und regionalen Zugriffsbeschränkungen – wie etwa bei YouTube – genutzt, oder einfach, um die eigene Privatsphäre im Netz und in fremden Funknetzwerken zu schützen. Die neue Blockade von Mastercard und Visa erschwert das.

Bisher war es zum Beispiel möglich, den schwedischen VPN-Anbieter IPredator per Kreditkarte zu bezahlen. Der ebenfalls schwedische Dienstleister Payson nahm dabei die Zahlungen über Visa oder Mastercard entgegen, füllte so eine Art virtuelle Brieftasche, und mit dieser konnte ein Kunde dann IPredator bezahlen. 

Bezahlung bleibt über Umwege möglich

In dieser Woche aber änderte Payson seine Geschäftsbedingungen und schloss darin die Unterstützung für Anonymisierungsdienste wie eben VPN-Provider aus. Das geschah auf Druck von Mastercard und Visa, wie Payson dem Portal torrentfreak.com bestätigte. Man nehme aber noch Überweisungen entgegen, mit denen VPN-Dienste bezahlt werden sollen.

Auch IPredator ist nun nicht plötzlich trockengelegt. Kunden können den Dienst weiterhin mit Bitcoins bezahlen, oder mit Prepaid-Karten von Paysafe.

Neben IPredator sind auch andere VPN-Anbieter betroffen, torrentfreak.com nennt Anonine, Mullvad, VPNTunnel und Privatvpn als weitere Beispiele.

Mitgründer vermutet politischen Hintergrund

Einer der Gründer von IPredator ist Peter Sunde, der auch den BitTorrent-Tracker The Pirate Bay mitaufgebaut hat. Sunde sagte torrentfreak.com, die Entscheidung von Visa und Mastercard sei möglicherweise der Versuch, Internetnutzer davon abzuhalten, ihre Spuren im Netz zu verwischen, damit sie besser von staatlichen Stellen überwacht werden können. "Es bedeutet, dass US-Unternehmen ein Nicht-US-Unternehmen zwingen können, die Menschen daran zu hindern, ihre Privatsphäre zu schützen. Dadurch kann die NSA nur noch mehr spionieren", sagte Sunde.

Zusätzliche Schranke für Filesharer

Das Vorgehen gegen Anonymisierungsdienste könnte aber auch einen anderen Grund haben: Mastercard ist bereits in der Vergangenheit gegen Filesharing-Plattformen vorgegangen, was vor allem die Film- und Musikindustrie freute. Da VPN-Tunnel auch von Filesharern genutzt werden können, die ihre Aktivitäten verschleiern wollen, passt die Entscheidung des Kreditkartenunternehmens zu seiner bisherigen Politik.

Den Kollateralschaden, nämlich die Benachteiligung aller, die einfach nur ihre Privatsphäre schützen wollen, nimmt Mastercard wie auch Visa dabei offenbar in Kauf.

Auf Anfrage haben sich beide Unternehmen bislang nicht zu den Gründen für ihren VPN-Boykott geäußert.

Update vom 5.7.: Sowohl Mastercard als auch Visa haben am Freitagnachmittag auf den Artikel und die Anfragen von ZEIT ONLINE reagiert. Mastercard erklärte: "Das VPN-Akzeptanz-Thema ist nicht Ergebnis einer Mastercard Entscheidung. Etwaige Fragen für den Anlass sollten direkt an Payson gerichtet werden." Auch Visa teilte mit, "keine entsprechende Anweisung an Payson" gegeben zu haben. ZEIT ONLINE hat Payson um eine Stellungnahme gebeten.