Florian Rötzer: Ohne Lebenselixier

Völlig überrascht scheinen Bürger und Politiker von dem großen Lauschangriff der USA auf Deutschland und den Rest der Welt zu sein. Sicher, der Whistleblower Snowden klärte die Welt, die Amerikaner eingeschlossen, über die Realisierung des paranoiden, gigantomanischen Unternehmens auf, möglichst alle Daten der Telefon- und Internetkommunikation abzugreifen, zu durchsuchen und möglichst lange zu speichern.

Aber die Überraschung der Politiker ist geheuchelt, die der Bürger bestenfalls erklärbar aus Desinteresse oder einer hypnotischen Starre. Schließlich haben die Amerikaner, gefolgt von vielen befreundeten Staaten, nach dem 11. September 2001 ihre Gesetzgebung und ihre technische Aufrüstung lautstark auf präventive Sicherheit umgestellt. Mit Milliarden gefördert wurden wahnwitzige Projekte, um etwa aus der Ferne gefährliche Gehirne ausmachen zu können. Programme wie Total Information Awareness, das Folgeprojekt von Echelon und Vorläufer von Prism oder XKeyscore, sollte möglichst alle Datenquellen, Überweisungen, Kreditkartenbuchungen, Reisedaten, biometrische Daten inklusive, anzapfen und nach "verdächtigem Verhalten" durchsuchen. Die Europäer haben längst mitgezogen, das EU-Forschungsprogramm Indect ist mindestens so maßlos, allerdings nicht mit den finanziellen Mitteln ausgestattet wie die Projekte der Darpa, der NSA oder des  britischen GCHQ.

Technisch haben Unternehmen wie Staaten seit der Erfindung des Web ausgeschöpft, was die Informationstechnik ermöglichte – totale Informationskontrolle, die Technik verkaufte man auch gerne den autoritären Staaten. Als das Internet Mitte der Neunziger Jahre nach dem Ende des Kalten Kriegs zum kommerzialisierten Massenmedium wurde, bauschte die Politik nicht nur in den USA die davon ausgehenden Gefahren (Terrorismus, Piraterie, Kinderpornografie, Kriminalität) gezielt auf, um durch Angst und Dämonisierung den Zugriff auf die Daten zu erweitern. Online galten nicht die bürgerlichen Freiheiten und auch nicht die Versammlungsrechte, Anonymität, Lebenselixier der städtischen Kultur, wurde zur Bedrohung. Das Verschwinden der Utopie des Internets und der Netzkultur als Keimzelle einer neuen Gesellschaft war schon damals besiegelt – die Opposition war marginal. Und die Internetüberwachung spielte nur die Pionierrolle für die Überwachung der öffentlichen und der privaten Räume. Aus dem Spruch, dass das, was offline gilt, auch online gelten müsse, ist der Anspruch geworden, dass das, was online möglich ist, auch offline realisiert werden muss.

Florian Rötzer ist Chefredakteur des Onlinemagazins "Telepolis".

Geert Lovink: Das Prinzip Hoffnung

Das Internet hat seine Anfangsphase hinter sich und ist inzwischen voll in die Gesellschaft integriert. Die Utopie der neunziger Jahre fußte auf der Vorstellung, das Internet sei irgendwo draußen angesiedelt, in einer Parallelwelt, einer virtuellen Realität. Die Technik ist jedoch den entgegengesetzten Weg gegangen. Sie ist kleiner, mobiler und sogar unsichtbarer (und damit mächtiger) geworden. Der Umstand, dass praktisch jeder auf diesem Planeten von ihr Gebrauch macht, bedeutet auch, dass sie in alle Aspekte der Gesellschaft einbezogen worden ist. Firmenmonopole und staatliche Überwachungsmaßnahmen sind ein Teil hiervon.

Das Internet ist kein Hype, wie die Meinungsmacher der alten Medien prophezeiten. Mit Adorno gesprochen, sind soziale Medien das "Wesentliche der Gesellschaft". Mit dem Erwachsenwerden des Internet haben sich allerdings auch gewisse Ideen der Gründergeneration überholt. Dies gilt insbesondere für den libertären Konsens über die Vorgehensweise bei Fragen, die viele unterschiedliche Beteiligte betreffen und von Nichtregierungsorganisationen, Unternehmen und Staaten angeblich gemeinsam im Gespräch gelöst werden. Dieser Konsens ist in die Brüche gegangen. Wir leben im Zeitalter des Konflikts und sollten uns besser darauf einstellen.

Verabschieden wir uns von dem zwanghaften Positivismus der Vorstellung, alles "managen" zu können! Es ist höchste Zeit für einfallsreiche Kampagnen gegen Google, höchste Zeit, Alternativen zu Facebook und Twitter zu entwickeln – und voranzutreiben –, aber auch höchste Zeit, die sogar noch gefährlichere Finanzsoftware unschädlich zu machen. Wir müssen eine langfristige alternative öffentliche Infrastruktur aufbauen, die unsere Grundfreiheiten sichert und sich nicht im Besitz von Unternehmen befindet und die nicht vom Staat verwaltet wird. Höchste Zeit, dass die Hacker ihr subkulturelles Ghetto der freien Software verlassen und dass die Zivilgesellschaft sich mit Wikileaks, Anonymous, Snowden und dem jeweils nächsten auf dieser Liste befasst und ihnen Unterstützung gewährt.

Netzkritik sollte sich nicht darauf beschränken, über Datenströme zu stöhnen. Das Prinzip Hoffnung bleibt auch hier in Kraft. Es gibt alternative Ideen genug, auch hier im Alten Europa. Utopie, so zeigt das Lehrstück Internet, kommt aber ohne Kapitalismuskritik nicht aus.

Geert Lovink ist niederländisch-australischer Medientheoretiker. 2012 erschien sein Buch "Das halbwegs Soziale. Eine Kritik der Vernetzungskultur".

Nathan Jurgenson: Keine digitale Lösung

Wir sollten das Netz nicht als einen separaten Raum verstehen, der überwacht wird. Wir haben es nicht mit einer "Internetüberwachung" zu tun, sondern schlicht und einfach mit einer Überwachung – nicht eines getrennten Raums, sondern jener einen Realität, jenes einen Lebens, in der und das wir nun einmal leben.

Die Überwachung durch digitale Mittel erfasst vieles von dem, was wir tun, auch wenn wir uns gerade einmal nicht vor einem unserer leuchtenden Rechtecke befinden. In der Literatur und auch in der Öffentlichkeit wird über das Internet diskutiert, als ginge es um einen fernen Schauplatz. Einen solchen "digitalen Dualismus" müssen wir jedoch zurückweisen. Wir müssen das Netz vielmehr einfach als eine weitere Erscheinungsform von Information verstehen, die unsere Realität überzieht, gleich dem Text oder der Stimme. Weil es sich beim Netz nie um einen abgesonderten Raum gehandelt hat, waren die jahrhundertealten Formen von Macht in ihren kommerziellen, observierenden, misogynen, rassistischen, klassenspezifischen und allen möglichen sonstigen Konfigurationen immer tief in seiner Struktur verwurzelt. Dass sie sich auch heute noch manifestieren, darf uns also nicht überraschen.

Folglich sollte unsere Reaktion auf die Enthüllungen über Überwachung und Macht nicht darin bestehen, dass wir uns das Internet als Schlachtfeld zurechtlegen. Hier geht es nicht um "digitale" oder "Internet"-Aspekte, um "digitale" Probleme, und es gibt auch keine "digitalen" Lösungen. Wir müssen den gesamten Komplex vielmehr als ein modernes gesellschaftliches Problem mit tiefen historischen Wurzeln verstehen. Nicht um Recht und Gerechtigkeit im Netz, sondern um Recht und Gerechtigkeit ganz allgemein gilt es zu kämpfen.

Nathan Jurgenson ist Soziologe, Netz-Theoretiker und Autor für zahlreiche US-Medien.