Daniel Suarez: Baut neue Sraßen

Noch gibt es die Hoffnung auf ein offenes, uneingeschränktes Internet, wenngleich es dem Netz, wie wir es heute kennen und nutzen, kaum ähneln dürfte. Dieses "Internet 2.0" zu erschaffen, wird die Beteiligung von Menschen auf der ganzen Welt erfordern. Auch eine neue Netzwerkarchitektur wird dafür nötig sein – eine, die auf dezentralisierter Kontrolle und quelloffener Software und Hardware basiert.

Nun könnte man meinen, das Internet zeichne sich bereits durch eine dezentralisierte Architektur aus. In seinen Anfangstagen war das auch so. Dabei handelte es sich jedoch lediglich um einen Nebeneffekt der rasanten weltweiten Ausbreitung dieses Netzwerks. Es entwickelte sich einfach schneller, als die maßgeblichen Kreise aus Wirtschaft und Staat reagieren konnten – ganz abgesehen davon, dass jene Kreise die Veränderungen, die das Netz nach sich ziehen würde, zunächst gar nicht voll zu erfassen vermochten. Überall mussten die Interessenwächter überrascht feststellen, dass ihr exklusiver Zugang zu Informationen und Menschen umgangen wurde. Dies waren die unbekümmerten Jugendtage der Dotcom-Booms, als das Internet angeblich jedes Geschäft und jede soziale Aktivität, mit der es in Berührung kam, in seiner bisherigen Form "hinwegfegte" und umgestaltete. Was es ja auch tat, zumindest eine Zeitlang.

Doch blieben die einschlägigen Interessengruppen nicht untätig. Parallel zum Heranreifen des Internets und der gewaltigen Glasfasernetzwerke, aus denen es zusammengeschaltet ist, zogen sie neue Mauern und Tore an den Nadelöhren hoch, die alle Daten passieren müssen. Große Technologieunternehmen entwickelten darüber hinaus praktische – allerdings durch Eigentumsrechte geschützte – Mobilgeräte und die eingemauerten Gärten der sozialen Netzwerke, die nicht nur zu digitalen Kuratoren avancierten, sondern auch gewaltige Mengen von Daten über die Aktivitäten und sozialen Kontakte, ja selbst die alltäglichsten Schritte ihrer Nutzer anhäuften.

Das entspricht so gar nicht dem Gesellschaftsvertrag, mit dem die meisten Menschen großgeworden sind.

In der modernen Welt dienen Computernetzwerke nicht einfach nur der Gesellschaft, sie werden vielmehr selbst zum Gefüge der Gesellschaft. Dies aber heißt, dass wir sie als staatsbürgerliche Infrastruktur behandeln müssen – so wie Straßen und Autobahnen, die im Allgemeinen auch nicht als gewinnorientierte Unternehmen betrieben werden. Sie dienen dazu, die Gesellschaft mit sich selbst zu verbinden. Kommerz ist ein Teil davon, nicht aber der Hauptzweck.

Jahrhundertelang mussten unsere Vorfahren für die Rechte kämpfen, die uns die Demokratie gewährt. Um diese Freiheiten für die kommenden Generationen zu sichern, werden wir ein neues Netzwerk entwerfen müssen, das unseren Grundsätzen entspricht. Dieses Netz wird seinem Wesen nach nicht zentralisiert und obrigkeitsstaatlich sein, sondern dezentralisiert und unter örtlicher Kontrolle. Die Netzbürger werden in ihm nicht nur über theoretische Rechte verfügen – sondern zumal über die echte Handlungsfähigkeit, ihre Rechte auch zu verteidigen.

Daniel Suarez ist amerikanischer Softwareentwickler und Schriftsteller. Seine Bücher handeln von Katastrophen im Internet. Im Frühjahr erschien "Kill Decisions".

Übersetzungen von Michael Adrian