ZEIT ONLINE: Vielen Dank, dass Sie dieses Interview geben, aber sagen Sie mal: Wie viele Leute hören eigentlich mit?

William Binney: (lacht) Sie rufen über Skype an?

ZEIT ONLINE: Ja.

Binney: Skype ist, wie wir inzwischen alle wissen, ein Bestandteil des Abhörprogramms Prism. Sehr wahrscheinlich, dass sich irgendwer bei der NSA und beim FBI gerade für unser Gespräch interessiert. Meine Telefonnummer ist ja ohnehin interessant, und Ihre als Reporter womöglich auch. Dann gehen also in irgendeinem Computersystem gleich zwei Warnlampen an.

ZEIT ONLINE: Wir hätten jetzt auch ein verschlüsseltes Gespräch führen können. Wollten Sie aber nicht.

Binney: Nein, ich will völlig offen sagen, was ich zu sagen habe, auch über die NSA. Wenn meine früheren Kollegen mithören, umso besser, es ist ja an sie gerichtet. Ich will alles öffentlich machen. Diese Leute fürchten das Tageslicht wie den Tod.

ZEIT ONLINE: Sie gehörten lange selber zu "diesen Leuten" – bis Sie ausgerechnet in dem Jahr, als Terroristen das World Trade Center zerstörten, im Streit ausschieden und zu einem erbitterten NSA-Kritiker wurden.

Binney: Wir waren vier NSA-Mitarbeiter, die sich damals gegen die Agentur stellten. Wir glaubten, dass das Geld in die falschen Programme gesteckt wurde: nicht in die erfolgversprechendsten Programme, sondern in diejenigen, für die sich die meisten Geldmittel beschaffen ließen. Und wir beklagten die Verletzung von Rechten, weil die NSA nun alle Daten auch über US-Bürger einsammelte, die sie bekommen konnten. Das war eine erhebliche Verletzung der Verfassung und etlicher Gesetze. Wir haben uns beim Verteidigungsministerium beschwert, beim Repräsentantenhaus, beim Geheimdienste-Ausschuss des Senats, beim Justizministerium.

ZEIT ONLINE: Und das Ergebnis?

Binney: 2007 stürmte eine Gruppe von FBI-Agenten in meine Wohnung, mit gezogenen Pistolen, als ich gerade unter der Dusche stand. Die NSA und das FBI haben damals Anklagepunkte gegen meine Kollegen und mich fingiert, sodass sie einen Haftbefehl bekamen. Zwischen 2007 und 2010 haben sie das insgesamt dreimal versucht. Wir konnten uns allerdings jedes Mal wehren.

ZEIT ONLINE:Präsident Obama hat kürzlich gesagt, der NSA-Whistleblower Edward Snowden hätte besser mal wie Sie durch die offiziellen Kanäle gehen sollen, statt sich nach Russland abzusetzen.

Binney:Snowden hat selber auf uns Bezug genommen und gesagt, dass er ja wisse, was uns passiert ist. Es ist offensichtlich, dass die "offiziellen Kanäle" nicht richtig funktionieren.

ZEIT ONLINE: Sie finden es richtig, dass Snowden sich abgesetzt hat?

Binney: Ich finde, dass er im Grunde keine andere Wahl hatte. Er hätte alternativ auch wie Bradley Manning gefoltert und ins Gefängnis gesteckt werden können. Oder es hätte ihm ergehen können wie uns: Uns wird Schlag um Schlag das Leben schwer gemacht, damit wir bloß ruhig bleiben.