Horst Herold gibt keine Interviews mehr. Die Pressestelle des Bundeskriminalamtes teilt auf Anfrage mit, der ehemalige Chef der Behörde habe vor einigen Jahren darum gebeten, keine Gesprächswünsche von Journalisten mehr an ihn weiterzuleiten. Freunde und ehemalige Kollegen können auch nicht weiterhelfen, und er selbst teilt lediglich mit, dass er nichts zu sagen habe: Der wichtigste Kriminalist der Bundesrepublik im "Deutschen Herbst" und Erfinder der Rasterfahndung möchte sich nicht mehr öffentlich äußern.

Dabei wäre es interessant zu erfahren, was Herold heute über die Internet-Spionage der amerikanischen und britischen Geheimdienste denkt. Immerhin hat er genau jene computergestützten Fahndungsmethoden entwickelt, die NSA und GCHQ heute zur globalen Perfektion getrieben haben. Möglicherweise haben sich diese Geheimdienste die Rasterfahndung, die Herold entworfen hat, sogar zum direkten Vorbild genommen.

Dass er die Methoden von NSA und GCHQ billigen würde, darf allerdings bezweifelt werden. Denn obwohl er der erste war, der die Analyse von Big Data zu einer Methode polizeilicher Ermittlungen machte, nahm er die Privatsphäre Unschuldiger ernst. Auch die Idee von einem Recht auf automatisches Vergessen, das heute bei der EU-Datenschutzreform diskutiert wird, hat er bereits in den siebziger Jahren vorweggenommen. 

Bis in die Gegenwart hängt dem Franken der Ruf des Technokraten an. Für die BRD-Linke war er das institutionelle Gesicht der krypto-faschistischen westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, die die linke Opposition zu kriminalisieren versuchte. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein: Herold ist selbst ein Linker. Als Student war er Mitglied im SDS, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, Marx hatte er gelesen und verstanden. Seine Biografin Dorothea Hauser nennt ihn einen "Sozialromantiker".

Fakten statt Zeugen

Doch haben ihn auch andere Einflüsse geprägt. Als junger Staatsanwalt hatte der ehemalige Frontsoldat Herold in einem Prozess gegen einen Nürnberger Nationalsozialisten erlebt, wie dieser der Deportation von Juden freigesprochen wurde – weil eine Zeugin ihn entlastete. Herolds Schluss: Der unzuverlässige Zeugenbeweis sollte durch Sachbeweise ersetzt werden.

1964 wurde er Leiter der Nürnberger Kripo und begann, seine Ideen umzusetzen: Um die Beamten effizienter einsetzen zu können, ließ er ermitteln, wo zu welcher Zeit häufig Straftaten begangen wurden. Mit der Hilfe von Computern, die damals noch die Größe eines Büroraums hatten, ließ er daraus eine Landkarte der Kriminalität errechnen und schickte die Polizeistreifen dort hin, wo erwartungsgemäß Verbrechen passieren würden. Das macht ihm zum Erfinder der "Kriminalgeografie". Das Ergebnis dieser Berechnungen: Die Zahl der Straftaten ging dramatisch zurück.

In Anlehnung an den italienischen Rechtsphilosophen Cesare Bonesana Graf von Beccaria (1738 – 1794) entwickelte Herold die Vorstellung einer "gesellschaftssanitären Aufgabe" der Polizei. Er wollte "ständig wie ein Arzt... den Puls der Gesellschaft fühlen", um Verbrechen zu verhindern – mit der Hilfe von Computern. 1968 beschrieb er in einem Taschenbuch für Kriminalisten die "organisatorischen Grundzüge der elektronischen Datenverarbeitung im Bereich der Polizei".

Zur dieser Zeit wurde er als der Nürnberger Kripo-Chef, der so schön Marx zitieren konnte, sogar noch von APO-bewegten Studenten zu Diskussionsveranstaltungen an der neu gegründeten Universität in Erlangen eingeladen.

Dank seiner kriminalistischen Erfolge wurde Herold erst Polizeipräsident von Nürnberg und dann 1971 Präsident des Bundeskriminalamts. Mit der "Operation Wasserschlag" gelang es ihm im Juni 1972, die RAF-Mitglieder Andreas Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe festzunehmen.