Kaum jemand weiß mehr über die NSA und ihre Spionageprogramme als die beiden ehemaligen NSA-Mitarbeiter William Binney und Thomas Drake, der Journalist James Bamford und der Wissenschaftler Michael Andregg. In Gesprächen mit ZEIT ONLINE kritisieren sie die Sorglosigkeit der Kanzlerin und ihrer Sicherheitsberater, aber auch die außer Kontrolle geratenen US-Geheimdienste.

William Binney war bis 2001 Technischer Direktor bei der NSA. Er hat ein geheimes Überwachungsprogramm namens Trailblazer publik gemacht. Seine Kritik führte unter anderem zu einer Durchsuchung seines Hauses durch das FBI, bei der er mit einer Waffe bedroht worden sein soll. Binney gehört bis heute zu den schärfsten Kritikern der NSA-Überwachung, die er für verfassungswidrig hält.

"Jeder versucht herauszufinden, was die anderen Regierungschefs denken. Das ist die Grundlage von Diplomatie, und sogar schon die alten Römer haben es getan. Also sollte Frau Merkel nicht so schrecklich überrascht sein. Ich könnte mir auch vorstellen, dass ihre Bestürzung vor allem Futter für die Öffentlichkeit sein soll. Ihr hätte zumindest klar sein sollen, dass es möglich ist, sie abzuhören. Besonders ihre Sicherheitsberater hätten es wissen und sie darauf vorbereiten müssen.

Die US-Dienste arbeiten schließlich mit den deutschen Geheimdiensten einigermaßen eng zusammen. Nur eben nicht so eng wie mit den Five-Eyes-Partnern Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland.

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Eine der größten Gefahren für die Demokratie sehe ich in der Zusammenarbeit von NSA und FBI. Unsere Bundespolizei wiederum teilt die Daten der NSA nämlich nicht nur mit Scotland Yard oder den deutschen Geheimdiensten, sondern auch mit anderen US-Institutionen wie der Drogenbekämpfungsbehörde DEA. Die darf die Informationen aber nicht direkt verwenden, weshalb sie gezielt neue Situationen schafft, um auf dem gleichen Weg wie vorher die NSA an die gewünschten Beweise zu gelangen.

Das gleiche geschieht, wenn NSA oder FBI Informationen mit fremden Geheimdiensten teilen, die sich um Inlandsangelegenheiten kümmern, zum Beispiel mit dem Bundesverfassungsschutz. Sie sagen nicht, woher die Informationen stammen, und die Gerichte in dem jeweiligen Land können die Quelle nicht verifizieren. Dieses Vorgehen unterminiert die Justiz und die Trennung von Inlands- und Auslandsgeheimdiensten. "

Bamford: "Man kann Politik und Wirtschaft nicht mehr trennen"

James Bamford ist Journalist und Autor des ersten Buchs über die NSA: The Puzzle Palace (1982). Die US-Regierung hat vor und nach der Veröffentlichung versucht, Bamford unter Druck zu setzen. Er hat später zwei weitere Bücher über den Geheimdienst geschrieben und gilt als einer der besten NSA-Kenner, die nicht selbst Mitarbeiter sind oder waren.

"Angela Merkel selbst mag nicht gewusst haben, dass sie abgehört wird, aber ihre Geheimdienste wussten es bestimmt. Die deutschen Dienste kooperieren seit 65 Jahren mit amerikanischen. Sie wissen, wozu die NSA in der Lage ist und hätten die Kanzlerin wenigstens raten sollen, immer ein abhörsicheres Telefon und Verschlüsselung zu nutzen. Es ist schwer nachvollziehbar, warum sie das offenbar nicht getan haben.

Es gibt schließlich etwas zwischen Freunden und Feinden – und zwar Wettbewerber. Deutschland und die USA sitzen an einem Pokertisch. Sie sind befreundet, aber auch Konkurrenten. Sie wollen wissen, was der andere auf der Hand hat. Dann können sie das Spiel gewinnen und mit so viel Geld wie möglich nach Hause gehen. Man kann Politik und Wirtschaft ja heutzutage nicht mehr trennen.

Selbst wenn man US-Präsident Barack Obama nun glauben will, selbst wenn er verspricht, Merkel nicht mehr ausspionieren zu lassen – es würde nur bis zum Ende seiner Amtszeit gelten. Was man braucht, ist eine schriftliche Vereinbarung, ein Abkommen inklusive Strafenkatalog und allem drum und dran, wie es die Briten mit den USA getroffen haben.

Und trotzdem müssten die deutschen Geheimdienste und Sicherheitsbehörden die Kommunikation der Kanzlerin besser schützen. Sie gehören zu den technisch am besten ausgerüsteten Diensten der Welt. Sie sollten dazu in der Lage sein."

Drake: "Das Überwachungssystem ist verführerisch"

Thomas Drake saß einst in Spionageflugzeugen der Air Force, um die DDR aus der Luft zu überwachen. Später leitete der Cryptolinguist eine Auswertungsabteilung der NSA. Wegen der ausufernden Datensammlung der NSA wurde Drake erst zum internen Kritiker, dann zum Whistleblower. Er wurde angeklagt und letztlich zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil die meisten Anklagepunkte fallen gelassen werden mussten.

"Das Telefon eines befreundeten Regierungschefs abzuhören, gehört zu den geheimsten NSA-Operationen in Europa. Barack Obama ist ein sehr pragmatischer Präsident. Er weiß über alle Details Bescheid und er ist ein Freund des Überwachungssystems. Er hat sich davon geradezu verführen lassen – und ich kann aus eigener Erfahrung sagen, es ist wirklich verführerisch.

Trotzdem war es arrogant und scheinheilig, das Telefon der Bundeskanzlerin abzuhören. Was würden wir sagen, wenn der BND das Telefon von Barack oder Michelle Obama anzapfen würde?

Es ist durchaus möglich, dass Merkel nichts davon wusste. Wir reden hier von zwei verschiedenen Welten: Die erste ist die von langfristigen, streng geheimen Kooperationsvereinbarungen zwischen dem BND und den US-Diensten. Die zweite umfasst jene Operationen, die die NSA einseitig durchführt, ohne Deutschland darüber zu unterrichten. Das Abhören der Kanzlerin gehört in die zweite Kategorie.

Deutschland ist ein Verbündeter im Kampf gegen den Terrorismus. Aber nach 9/11 wurde es auch zum Überwachungsziel Nummer eins erklärt, weil einige der Attentäter Verbindungen nach Deutschland hatten. Die NSA hat das einfach als Vorwand verwendet, um Daten von jedem zu sammeln, führende Politiker eingeschlossen.

Wenn die Versprechungen des US-Präsidenten irgendetwas gelten, dann wird die NSA nun zumindest für eine Weile aufhören, Merkel zu überwachen. Es gibt nicht allzu viele Wege, ein Telefon abzuhören. Wenn die aufgeflogen sind, muss man neue Wege finden, was schwierig ist."

Andregg: "Der BND ist kein bisschen unschuldiger als der KGB"

Michael Andregg ist Autor und Wissenschaftler an der Universität von St. Thomas in St. Paul, Minnesota. Er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Themen Krieg, Geheimdienstarbeit und Geheimdienstethik.

"Alle Geheimdienstler wissen seit Jahrzehnten, dass sich sogar Freunde gegenseitig ausspionieren. Die britischen Geheimdienste MI6 und GCHQ, die französischen Dienste DGSC und ANSSI oder auch der deutsche BND sind kein bisschen unschuldiger als es der sowjetische KGB war und sein umbenannter, aber kaum reformierter Nachfolger FSB ist. Alle diese Dienste sind überrannt worden von einer galoppierenden Technik, die selbst die wildesten Träume von George Orwell, der Stasi oder der rumänischen Securitate hat wahr werden lassen.

Der größte Unterschied zu den USA ist: Deutschland und Rumänien erinnern sich noch daran, dass es schreckliche Konsequenzen hat, wenn sich Geheimdienste gegen das eigene Volk richten. Die NSA dagegen glaubt immer noch, ein Gottesgeschenk an die Menschheit zu sein.

Wenn die Deutschen wissen wollen, ob der deutsche Geheimdienst seinerseits andere Staatsoberhäupter ausspioniert, sollten sie den BND-Präsidenten Gerhard Schindler fragen. Aber man sollte nicht vergessen, ihn vorher an einen Lügendetektor anzuschließen. Spione lügen so beiläufig, wie andere Menschen atmen.

Es wäre zumindest normal, wenn der BND versuchen würde, andere Regierungschefs zu überwachen. Aber er hat nicht die technischen Fähigkeiten und die globale Reichweite der US-Amerikaner und der Five-Eyes-Partner Kanada, Großbritannien, Australien und Neuseeland.

Geheimdienste haben einen unendlichen Appetit nach Informationen. Und man wäre kein kompetenter Geheimdienstchef, verantwortlich für die Sicherheit der Kinder einer Nation, wenn man nicht immer alles wissen wollen würden.

Deshalb ist eine politische Aufsicht so essentiell, und deshalb ist es so tragisch, dass diese Aufsicht in den USA ein schlechter Witz ist. Um es ganz klar zu sagen: Sie ist schon seit mindestens einer Generation einer schlechter Witz, denn schon vor 24 Jahren haben mir ranghohe Vertreter der Dienste von solchen Zuständen berichtet."