Julian Olivers kleines Programm hat es in sich. Der Programmcode von glasshole.sh ist nur zwar wenige Zeilen lang, aber mächtig. Findet ein Rechner, auf dem glasshole.sh läuft, eine Google-Datenbrille im lokalen Netzwerk, fliegt sie raus. Das Gerät kann dann zwar noch Videos und Fotos aufnehmen, die aber nicht sofort im Netz verteilen. Ein radikaler, aber durchaus wichtiger Ansatz, um auf zwei wesentliche Themen aufmerksam zu machen: Privatsphäre und Datensicherheit.

Der Künstler aus Berlin – oder "kritischer Ingenieur", wie er sich selbst nennt – ist für solche Projekte bekannt. Unter seinen Werken ist beispielsweise ein WLAN-Jammer in Form eines Miniaturpanzers, der lokale Funknetze lahmlegt. Als digitale Aktionskunst lassen sich seine Werke zusammenfassen. Sie sollen auf Missstände in der Netzwelt aufmerksam machen.

Nun also Google Glass. Anstoß nimmt Oliver vor allem an den umfangreichen Funktionen der Datenbrille. Mit dieser können Nutzer andere Menschen unbemerkt filmen und fotografieren. Eine Kontrolle gibt es nicht. Doch niemand sieht gerne ungenehmigte Fotos von sich im Netz. Zwar ist es neuerdings möglich, unliebsame Einträge aus der Google-Suche zu tilgen, ob dies bei sozialen Netzwerken wie Instagram, Facebook oder WhatsApp gleichfalls möglich ist, ist jedoch bisher unklar.

Google veröffentlicht einen Knigge, Oliver schreibt ein Skript

Google hat wegen der anhaltenden Kritik eine Art Knigge veröffentlicht. Darin steht, wie Google-Glass-Nutzer im besten Fall auftreten sollten: nett, verständnisvoll und immer schön die Datenbrille erklären. Trotzdem hat sich an der amerikanischen Westküste bereits der Begriff Glasshole etabliert – eine Mischung aus Google Glass und asshole. Einige Bars sind dazu übergegangen, die Brille zu verbieten. Gäste fühlten sich beim Bietrinken gestört. In Kinos ist die Brille ebenfalls nicht gern gesehen. Kinobesitzer vermuten, dass Nutzer der Datenbrille die Leinwand abfilmen würden.

Für Oliver reicht der selbstverpflichtende Benimmkodex nicht aus. Der Künstler fühlt sich von Google Glass eingeengt. "Man kann in einem Restaurant, auf einer Party oder beim Spielen mit deinen Kindern sagen: 'Ich will nicht aufgenommen werden.' Und das ist auch ok. Aber was, wenn du gar nicht weißt, dass dich ein Gerät aufnimmt?", fragt Oliver auf Wired. Und setzt deshalb auf eine technische Lösung.  

Die MAC-Adresse ist die Achillesferse der Datenbrille

Sein Programm macht sich eine kleine Schwäche der Datenbrille zunutze: ihre MAC-Adresse. Das sind festgelegte Gerätenummern, die jedem netzwerkfähigem Gerät einmal vergeben wird. Ein Teil dieser Adresse hat im Fall von Datenbrillen eine ganz bestimmte Kennung. In der Regel bleiben diese Adressen unverändert, sodass glasshole.sh die Datenbrillen zuverlässig erkennt und somit gezielt aus dem Netz werfen kann.  

Das Programm lässt sich trotzdem austricksen, denn grundsätzlich ist es möglich, MAC-Adressen zu ändern. Damit könnten Datenbrillen unbemerkt weiterlaufen. Zudem hat der Künstler das Programm bislang nur an seiner eigenen Datenbrille getestet. Vielversprechend ist es dennoch. Für öffentliche und private Plätze könnte das Programm ein probates Mittel sein, um etwaige Verbote wirkungsvoll durchzusetzen.