Die Nachricht kam unvermutet und war alles andere als ausführlich: "Wir bedauern Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir diese Inhalte auf Ihrer Website nicht mehr bei bestimmten Suchanfragen in den europäischen Versionen von Google anzeigen können." BBC-Wirtschaftsredakteur Robert Peston konnte sich nicht erklären, warum eine Kolumne aus dem Jahr 2007 nicht mehr angezeigt werden sollte: "Warum hat Google mich ins Vergessen verbannt?", fragte Peston öffentlich.

Die Antwort mutete kurios an: Nicht der Ex-Chef des Bankhauses Merill Lynch, der Thema des Artikels war, hatte die Löschung beantragt, sondern wohl ein Leser, der einen Kommentar unter dem Artikel hinterlassen hatte und nun nicht mehr daran erinnert werden wollte. Bei der BBC fragte der Leser wohl gar nicht erst an, sondern wandte sich gleich an Google, um die vermeintliche Peinlichkeit zu verdecken. 

Auch deutsche Medien sind betroffen. So wurde ein Spiegel-Artikel über Scientology auf die Vergessensliste gesetzt, weil ein im Artikel genannter Geschäftsmann den Mantel des Schweigens über den Artikel legen wollte. ZEIT ONLINE ist bisher ein Mal von Google benachrichtigt worden. Ein Artikel der ZEIT über Frühgeburten aus dem Jahr 2010 wird von Google nicht mehr verlinkt, wenn man nur nach dem Namen einer darin genannten Person sucht.

Nachdem der europäische Gerichtshof ein Recht auf Vergessen etabliert hatte, versuchen viele, ihr öffentliches Google-Image zu korrigieren. Mehr als 70.000 Anträge auf Vergessen sind in den ersten Wochen beim Konzern eingegangen, darunter mehr als 12.000 aus Deutschland. Eilig hat Google neue Mitarbeiter eingestellt, um die Löschaufforderungen abzuarbeiten.

In der ersten Woche schlugen die Wellen besonders in Großbritannien hoch, als Medien wie die BBC und der Guardian benachrichtigt wurden, mehrere ihrer Artikel seien von der Vergessensregelung betroffen. In der öffentlichen Debatte steckte der Konzern zurück, stellte ein Ergebnis wieder her – will aber doch unverändert an der Praxis festhalten. "Dieser Prozess ist für uns neu und entwickelt sich stetig weiter. Bei der Umsetzung des EuGH-Urteils sind wir weiterhin offen für Feedback und arbeiten eng mit Datenschutzbehörden und anderen Stellen zusammen", teilte das Unternehmen mit. Google muss versuchen, die Entscheidungsgründe der EuGH-Richter auf jeden neuen Fall anzuwenden. Für den Konzern, der solche Routine-Aufgaben am liebsten Algorithmen überlässt, eine lästige Aufgabe. 

Dass Google Suchergebnisse entfernt, ist nichts Neues. So lassen staatliche Jugendschützer routinemäßig jugendgefährdende Ergebnisse für deutsche Surfer ausblenden, Urheberrechtsverletzungen muss der Konzern nach langwierigen rechtlichen Auseinandersetzungen inzwischen auf Zuruf entfernen. Dabei schießen die Urheber oft genug über das Ziel hinaus.

Kein Widerspruch vorgesehen

Google geht nun den Weg des geringsten Widerstandes. So wird zu allen personenbezogenen Suchanfragen auf europäischen Google-Seiten ein Hinweis angezeigt, dass möglicherweise einige Ergebnisse entfernt wurden. Google unternimmt wenige Anstrengungen, die Betreiber der betroffenen Webseiten zu informieren. Nur wer Googles Webmaster-Tools benutzt, findet einen Hinweis, dass seine Webseite betroffen ist. Ein Widerspruchsrecht ist nicht vorgesehen, der Beschwerdeführer wird nicht genannt. Immerhin: Nur Personen können das Recht auf Vergessen beantragen, Firmen und andere Organisationen müssen mit ihren Suchergebnissen leben.

Gleichzeitig hat Google den Effekt der Löschungen auf das Mindestmaß beschränkt: So entfernt der Konzern die betroffenen Inhalte nicht komplett aus seinem Index, sondern blendet sie nur bei den spezifischen Suchanfragen nach dem Beschwerdeführer aus. Sucht man mit anderen Begriffen nach den entsprechenden Artikeln, tauchen diese unverändert auf. Die US-Version der Suchmaschine, die weltweit zu erreichen ist, geht ohnehin über die europäischen Beschränkungen hinweg.

Big-Data-Forscher Viktor Mayer-Schönberger, der schon seit Jahren ein Recht auf Vergessen fordert, sieht in dem löchrigen Sichtschutz immerhin eine Verbesserung: "Es geht eben nicht um das perfekte Löschen, sondern ganz pragmatisch darum, das 'Erinnern' etwas aufwändiger zu machen; nicht viel, nur so viel, dass wir nicht schon bei einer schnellen, spontanen Suche geradezu offensichtlich darüber fallen", sagte er ZEIT ONLINE.