Es ist ein seltsames Theater, das da gerade in den USA aufgeführt wird. Die Protagonisten sind Apple, Google und die Polizei. Die Unternehmen wollen die Rolle des guten Kaspers spielen, die Polizei naturgemäß die des Wachtmeisters. Aber beide tun so, als sei die jeweils andere Seite das böse Krokodil.

Der Titel des Stückes lautet: Nur Verbrecher verschlüsseln ihre Daten. Und das ist die Handlung:

Apple hat angekündigt, persönliche Daten auf iPhones und iPads mit der Einführung des Betriebssystems iOS 8 anders zu verschlüsseln als in der Vergangenheit. Damit sieht sich das Unternehmen nicht mehr in der Lage, diese Daten im Auftrag der Strafverfolger auszulesen, selbst wenn die einen gültigen richterlichen Beschluss vorlegen. Google reagierte, indem es eine standardmäßige Speicherverschlüsselung ab der kommenden Android-Version versprach. So wie beide Unternehmen ihre Entscheidungen erklären, klingt es tatsächlich ein wenig so, als sei die Polizei das datenhungrige Krokodil.

Die wiederum stellt Apple und Google als gefährliches Reptil dar. Der Direktor des FBI, James B. Comey, kritisiert beide für ihr Vorgehen. US-Journalisten sagte er, es bereite ihm große Sorgen, "dass Unternehmen etwas ausdrücklich bewerben, das Menschen erlaubt, sich jenseits von Recht und Gesetz zu bewegen". Er glaube fest daran, dass seine Behörde mit einem richterlichen Beschluss in der Lage sein müsse, an den Inhalt jedes Schranks und jedes Smartphones zu gelangen. "Die Vorstellung, einen Schrank auf den Markt zu bringen, der niemals geöffnet werden kann – nicht einmal, wenn es um Kindesentführung geht und wir einen Gerichtsbeschluss haben – ergibt für mich keinen Sinn." 

Unterstützung bekommt Comey von einem leitenden Polizeibeamten in Chicago. "Das iPhone wird das Smartphone der Wahl für Pädophile", sagte der der Washington Post. Ein Polizeiforensiker aus Los Angeles drückte es so aus: "Es ist besorgniserregend, dass wir uns mit dieser Technologie jetzt rückwärts bewegen." Wer sich mit der Debatte über die Vorratsdatenspeicherung in Deutschland befasst, wird diese Art der Argumentation kennen.

An den Aussagen aller Beteiligten ist so vieles so lächerlich, dass es sich nur um eine Show handeln kann. Nur wollen sie das nicht zugeben.

Krokodile in Uniform

Fangen wir mit den Aussagen der Polizisten aus Chicago und Los Angeles an: Beide tun erstens so, als sei Verschlüsselung ausschließlich dazu da, Daten vor ihrem legalen Zugriff zu schützen. Dabei werden Smartphones deutlich häufiger geklaut als beschlagnahmt, die Beseitigung von Schwachstellen schützt Nutzer also in erster Linie vor Kriminellen. Eva Galperin von der Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) drückt es so aus: "Wenn du erst einmal eine Hintertür einbaust, kannst du kaum noch entscheiden, wer hereinspaziert."

Zweitens besteht der Kundenkreis von Apple und Google nicht im Wesentlichen aus Pädophilen. Dass dieser Satz hier stehen muss, zeigt, wie bizarr die Aussagen der Polizisten sind. In Smartphones stecken ganze Lebensgeschichten: Freundeskreise, Netzwerke, Schriftverkehr, Notizen, Aufenthaltsorte und so weiter. Alles legal. Und vieles davon verrät nicht nur etwas über die eigene Person, sondern auch über andere. Es gibt viele gute Gründe, diese Daten privat halten zu wollen. Genau dazu ist Verschlüsselung da.

Verschlüsselung verbieten?

Drittens sind die Behörden einiger anderer Staaten wirklich nicht die Wachtmeister, sondern die Krokodile. Sie warten nicht auf eine richterliche Genehmigung, um ein beschlagnahmtes Gerät vom Hersteller entsperren zu lassen. Das bedeutet: Wenn der Hersteller das gar nicht erst kann, hilft das zum Beispiel auch Oppositionellen, Dissidenten und Aktivisten außerhalb der USA.

Viertens, das erklärt Julian Sanchez vom Cato Institute in einem lesenswerten Aufsatz, können Menschen ihre Daten auch selbst verschlüsseln, mit Software von Drittanbietern. Wenn die Polizei um keinen Preis hinnehmen kann, dass jemand seine Daten auf diese Weise schützt, dann müsste sie alle Geräte verbieten wollen, auf denen jemand solche Software installieren kann.

Fünftens kann niemand ernsthaft behaupten, es sei ein Rückschritt, wenn die allgegenwärtigen Totalüberwachungswanzen, die wir Smartphones nennen, wenigstens ein kleines bisschen sicherer werden.

Apple, Google, Yahoo, Microsoft wollen Vertrauen zurückgewinnen

Damit sind wir bei den Aussagen der Unternehmen. Wer nur die Website von Apple liest, könnte auf die Idee kommen, sein iPhone werde mit iOS 8 zu einer uneinnehmbaren Festung. Dabei wissen sowohl Apple als auch die Behörden, dass es viele Methoden gibt, um an Daten aus einem Smartphone zu gelangen:

  • Mit Forensik-Werkzeugen können zumindest manche Daten aus beschlagnahmten Geräten ausgelesen werden
  • Verdächtige können unter Druck gesetzt werden, ihre Geräte selbst zu entsperren
  • Zu den meist unverschlüsselten Sicherungskopien in der Cloud können sich Strafverfolger weiterhin Zugang verschaffen
  • Wer wann mit wem kommuniziert hat, wissen die Mobilfunkbetreiber
  • Verdächtige (und Unverdächtige) können im Rahmen der Funkzellenabfrage überwacht werden
  • Für den Extremfall gibt es Staatstrojaner, mit denen Geräte  Verdächtiger verwanzt werden können

Von diesen Ermittlungsmethoden sprechen Apple und Google bisher nicht. Deshalb ist ihre verbesserte Verschlüsselung einiger Daten zwar sinnvoll und lobenswert, vor allem aber PR.

Seit das Prism-Programm der NSA enthüllt worden ist, kämpfen die großen US-Unternehmen gegen den Verdacht, allzu eng und freiwillig mit der Regierung zu kooperieren. Dabei haben sich manche gegen Prism gewehrt und durften nicht darüber reden. Ihr Ruf hat gelitten und nichts brauchen die Unternehmen mehr als das Vertrauen ihrer Nutzer. Um es zurückzugewinnen versuchen sie, sich zumindest öffentlich von der Regierung und ihren Institutionen zu distanzieren. Das gilt für Apple und Google ebenso wie für Yahoo und Microsoft, die auch dazu übergehen, Daten und deren Transport zu verschlüsseln. Dass das die Geheimdienste weniger ärgert als die Polizei, ist ihnen dabei egal.

Apple und Google sind jedenfalls nicht gerade dabei, Strafverfolgung unmöglich zu machen. Die Unternehmen täten gut daran, das ihren Kunden – dem Publikum im Kasperletheater – auch zu erklären. Und die Polizei sollte nicht so tun, als sei jeder, der ein Smartphone besitzt, ein Krokodil.