ZEIT ONLINE: Mein Eindruck ist eher, dass nur sehr wenige Menschen heute darüber nachdenken, ihr Smartphone mal auszuschalten oder zu Hause zu lassen. Hatten Sie gehofft, mehr bewirken zu können?

Poitras: Eine realistischere Hoffnung wäre vielleicht, dass mehr Menschen Verschlüsselungstechnik benutzen. Die Werkzeuge dafür gibt es, auch wenn manche davon komplex sind. Aber ich denke, sie werden in Zukunft einfacher zu benutzen sein.

ZEIT ONLINE: Wir haben auf ZEIT ONLINE nach Beginn der NSA-Enthüllungen ungefähr 20 neue Kryptowerkzeuge getestet, von den Klassikern wie Mailverschlüsselung mit PGP ganz zu schweigen. Wenn ich unsere Leser heute fragen würde, wie viele sie davon nutzen, dann würden die meisten vermutlich sagen: nicht mehr als eins. Mein Eindruck ist, dass fast alle diese neuen Produkte von den immer gleichen Menschen für die immer gleichen Menschen entwickelt werden. Aber es gibt keine nennenswerte Nachfrage nach Werkzeugen, die man selbst installieren und verstehen muss. 

Poitras: Manche brauchen solche Werkzeuge eher als andere, Journalisten etwa oder Menschen in bestimmten Ländern, die eine Demonstration organisieren wollen. Sie werden diese Technik deshalb als erste einsetzen. Aber ich hoffe, dass es danach auch andere tun, schon allein aus Solidarität. Je mehr verschlüsselt wird, desto besser.

ZEIT ONLINE: Weil wir mehr Covertraffic brauchen? Mehr verschlüsselte Kommunikation ganz normaler Nutzer im Netz, weil sonst alles, was verschlüsselt ist, erst recht auffällt?

Poitras: Ja.

ZEIT ONLINE: Die großen Unternehmen werden ihre Kunden dazu zwingen müssen, indem sie Verschlüsselung zur Standardeinstellung machen. 

Poitras: Ich glaube, Unternehmen werden genau dazu übergehen. Zum Teil geschieht das ja schon. Sie wissen, dass ihre Kunden mehr Privatsphäre verlangen werden. Vielleicht bringt Apple mal ein iPhone auf den Markt, bei dem ich die Batterie herausnehmen kann.  Dann würde ich mir auch wieder eins kaufen. US-Firmen wollen ihre Produkte ja auch im Ausland verkaufen. Ihnen ist bewusst: Wenn die Deutschen glauben, dass eine Hintertür eingebaut ist, dann wird ein Platz frei für andere Firmen.

ZEIT ONLINE: Was halten sie von den politischen Antworten auf die Snowden-Enthüllungen? In Deutschland gibt es immerhin einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, in den USA sieht es düster aus. 

Poitras: In der Tat düster. Ernstzunehmende Antworten der US-Politik gibt es kaum. Das ist traurig. Wir sollten nicht auf Whistleblower angewiesen sein, um zu erfahren, was unsere Regierung tut. Das ist die Aufgabe derjenigen, die wir wählen. Ich kann nur sagen: Wir versuchen es weiter.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass Ihr Film die Menschen nach all den Medienberichten über die NSA noch einmal aufrüttelt und für das Thema Überwachung sensibilisiert? Dass daraus vielleicht sogar noch einmal politischer Druck entsteht?

Poitras: Grundsätzlich mache ich Filme, um etwas auszudrücken, nicht um die öffentliche Meinung zu formen. Ich versuche zu sagen: Wir leben in dunklen Zeiten, Whistleblower werden unnachgiebig verfolgt, Journalismus wird schwieriger, der Überwachungsstaat ist außer Kontrolle. Was die Menschen daraus machen, weiß ich nicht. Aber ich hoffe doch, dass der Film die Menschen dafür sensibilisiert, wie Whistleblower verfolgt werden. Insbesondere Obama tut das, mehr als jeder vor ihm.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von der Meldung, der geheimnisvolle zweite Whistleblower, der Dokumente über die Terroristen-Watchlist der US-Regierung weitergegeben hat und am Ende Ihres Films erwähnt wird, sei bereits vom FBI identifiziert worden?

Poitras: Ich werde nicht über Quellen reden. Nur so viel: Was Snowden und andere enthüllt haben, das sind Dinge, von denen die Öffentlichkeit wissen sollte. Nehmen wir zum Beispiel die Watchlist: Nun, wo jemand das Risiko eingegangen ist, sie an die Öffentlichkeit zu geben, können sich Betroffene mit rechtlichen Mitteln wehren, wenn sie auf der Liste stehen. Bisher gab es da keine ordentlichen Verfahren, weil niemand erfuhr, warum sein Name darauf stand. Für mich ist das auch persönlich relevant, denn ich stehe selbst auf dieser Liste. Jetzt sehe ich zum ersten Mal ein Dokument, auf dem steht, wie die Regeln aussehen, nach denen jemand als terrorverdächtig eingestuft wird. Wenn ich früher Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz gestellt habe, um herauszufinden, warum ich am Flughafen in Gewahrsam genommen wurde, wollte die US-Regierung nicht einmal bestätigen, dass die Liste überhaupt existiert.