Es ist fast auf den Tag zwei Jahre her, dass durch die Unterlagen von Edward Snowden bekannt wurde: Die NSA macht auch vor engsten Partnern nicht halt. Denn die Lauschbehörde der US-Regierung, so berichtete es der Spiegel Ende Juni 2013, habe Einrichtungen der EU in Washington, New York und Brüssel verwanzt.

Es dauerte knapp drei Wochen, bis sich Bundeskanzlerin Angela Merkel das erste Mal zu dieser Meldung äußerte: Es sei, erklärte sie am 19. Juli 2013, noch nichts bewiesen. Aber die Amerikaner hätten eine Prüfung zugesagt. Eine Prüfung. Der Amerikaner. Ihrer eigenen Spionage gegen befreundete Staaten.

Diese zur Schau gestellte Gelassenheit, garniert mit ein wenig Vorratskritik ("Wir sind nicht mehr im Kalten Krieg"): Das war die öffentlich wahrnehmbare Linie der Bundesregierung. Hinter den Kulissen sah es jedoch anders aus: Dort herrschte Aufregung und Betriebsamkeit. Das zeigen vertrauliche Akten des Bundesnachrichtendienstes (BND), welche die ZEIT und ZEIT ONLINE ausgewertet haben. Aus ihnen geht hervor, dass der deutsche Auslandsgeheimdienst nach Bekanntwerden der NSA-Ausspähungen eine ganze Reihe deutscher Botschaften in aller Welt auf Wanzen und Spione untersuchte – auf dringende Bitte des Auswärtigen Amtes hin.

In mindestens 14 Ständigen Vertretungen, Generalkonsulaten und Botschaften wurden solche "prioritären Untersuchungen" anberaumt. Zwischen Juli 2013 und Januar 2014 nahmen BND-Leute die Gebäude und die dortige Technik tagelang gründlich auseinander und prüften sie mit Messgeräten auf Schwachstellen und Abhörangriffe – in fast allen Fällen außerhalb der üblichen Routineuntersuchungen. Elf solcher Untersuchungsberichte des BND liegen der ZEIT und ZEIT ONLINE vor.

Das Pikante daran: Es handelt sich vor allem um deutsche Vertretungen bei guten Freunden. Denn der BND nahm die Botschaften in den USA, in Großbritannien, Frankreich und Israel, bei der NATO und bei den Vereinten Nationen unter die Lupe. Daneben wurden nur noch Botschaftsgebäude bei den beiden Großmächten Russland und China untersucht, denen die Bundesregierung offensichtlich ähnlich ausgefeilte Spionageangriffe zutraute wie der NSA oder deren britischen Pendant, dem GCHQ. Außerdem wurde die Botschaft in Beirut durchgecheckt.

Abhörsichere Räume kaum genutzt

Unter Diplomaten ist es ein offenes Geheimnis, dass deutsche Vertretungen seit jeher ausgespäht wurden, und keineswegs immer nur von Gegnern. Als in London 1978 am vornehmen Chesham Place die neue Kanzlei der deutschen Botschaft eröffnet wurde, kamen vorher, so erinnert sich ein früherer Diplomat, "die Leute vom BND und holten zwölf, dreizehn Wanzen aus dem Putz".

In allen wichtigen Botschaften – in Washington etwa, in London, bei den Vereinten Nationen in New York und natürlich auch in Moskau – gibt es einen abhörsicheren Raum, die sogenannte Zelle. Kein Richtmikrofon reicht in diese fensterlosen Zimmer hinein, deren Wände bleiverstärkt sind, und die unter Diplomaten deshalb auch "Bleikammern" heißen.

Die Snowden-Enthüllungen ließen das Auswärtige Amt trotzdem zucken; vielleicht aus Sorge, allzu nachlässig geworden zu sein. In einer als VS – Nur für den Dienstgebrauch gestempelten Vorlage für die Leitungsebene, in der um die "Lauschabwehrmaßnahmen" gebeten wurde, schrieb ein Mitarbeiter des Ministeriums jedenfalls: "Leider ist bei einer Reihe von Vertretungen eine klare Tendenz zur Nicht-Nutzung der Besprechungskabinen zu verzeichnen. Auch eine Beibehaltung von Besprechungskabinen oder ein Einbau bei Neubaumaßnahmen wird mit Blick auf Kosten und Aufwand eher skeptisch gesehen."