Wollen wir die technische Realität rückgängig machen? Das FBI will. Die US-Regierung will. Die britische, die russische, die chinesische Regierung will es, der deutsche Innenminister auch. Einige von ihnen wollen es, um ihren Strafverfolgern die für einen Rechtsstaat maßgebliche Arbeit zu erleichtern. Andere vielleicht, um ihr Volk überwachen und kontrollieren zu können.

Bürgerrechtler, Aktivisten, Hacker und viele andere wollen hingegen keine Zwangswanzen, kein Verbot perfekter Technik, weil sie befürchten, dass Hintertüren von Kriminellen oder auch von den eigenen Behörden oder ausländischen Geheimdiensten missbraucht werden können.

Zweites Zwischenfazit: Perfekte Technik ist Dual-Use. Kompromittierbare Technik auch. Beide können für gute wie schlechte Zwecke benutzt werden.

Die unumgängliche Vermischung von Technik und Politik

Bleibt die Frage nach dem Sollen. Der durchschnittliche Innenminister oder Polizeigewerkschafter würde sie den Bürgerrechtlern und Aktivisten so stellen: Würdet ihr auch dann bei eurer Haltung bleiben, wenn eure Liebsten in Gefahr gerieten? Wenn sie von Terroristen entführt würden und der einzige Weg, sie zu befreien, eine Hintertür im Smartphone der Entführer wäre, die aber niemand nachträglich einbauen könnte?

Hier fällt es schwerer, eindeutig zu antworten.

Kriminalität ist ein Lebensrisiko, jeder kann Opfer eines Verbrechens werden, der Staat kann unmöglich alle Straftaten verhindern. Terror, auch wenn das nicht jeder akzeptieren mag, ist ebenfalls ein Lebensrisiko. Jede rechtliche und jede technische Abwehrmaßnahme aber muss daraufhin abgewogen werden, ob sie mehr nützt, als schadet. Ob die damit einhergehende Einschränkung von Freiheiten und Rechten die voraussichtliche Minderung eines Lebensrisikos rechtfertigt oder nicht. Im Fall der Vorratsdatenspeicherung wurde hierzulande lange darüber debattiert, immerhin. Nun müssen auch kryptografische und andere Sicherheitstechniken daraufhin bewertet werden. Nur dass es dabei nicht um ihre Einführung geht wie bei der Vorratsdatenspeicherung, sondern um ihre Einschränkung.

GCHQ: "Wir brauchen die stärksten Formen der Verschlüsselung"

Quantitativ fällt die Bewertung von Kryptotechnik leicht: Solange es wesentlich mehr Menschen gibt, die sich vor Kriminellen oder ausufernder, Grundrechte missachtender staatlicher Überwachung schützen wollen, als es Kriminelle gibt, die sich vor der Strafverfolgung verstecken wollen, muss perfekte Verschlüsselung das Ziel sein. Selbst GCHQ-Direktor Robert Hannigan erkennt das an. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz sagte er: "Verschlüsselung ist fundamental für unsere Wirtschaft, unsere Privatsphäre und unsere Sicherheit. Wir brauchen die stärksten Formen der Verschlüsselung."

Qualitativ dürfte die Bewertung mit jedem nicht verhinderten und jedem nicht aufgeklärten Verbrechen schwieriger werden, weil es mehr Betroffene gibt, die nach einem Verlust vieles hören wollen, aber keine Argumentation mit Wahrscheinlichkeiten und Fallzahlen.

Wäre ich da anders? Ich kann nur hoffen, dass ich es nie erleben muss. Bis dahin glaube ich, dass Verschlüsselung mein Lebensrisiko mindert. Ich halte perfekte Sicherheitstechnik also für erstrebenswert. Wir werden damit leben müssen, dass auch Kriminelle sie nutzen.