Im Internet empört es sich bekanntlich schnell und kaum etwas treibt das Shitstorm-O-Meter so schnell in die Höhe wie Petitionen auf der Plattform change.org. Ob es sich nun um private World-of-Warcraft-Server handelt oder die Freilassung eines Journalisten im Iran, um die Benennung eines chemischen Elements nach dem verstorbenen Motörhead-Sänger Lemmy oder um "Freiheit für Jan Böhmermann" – auf change.org kann jeder eine Petition erstellen und im besten Fall Zigtausende Mitstreiter finden.

Ob Petitionen überhaupt etwas bringen, abseits von Symbolik, fragt kaum jemand. Auch das Geschäftsmodell von change.org bleibt den meisten Nutzern verborgen. Auf den ersten Blick mag die Plattform mit ihrer .org-Domain nach einer gemeinnützigen Organisation aussehen. Doch tatsächlich steckt dahinter ein gewinnorientiertes Unternehmen mit über 300 Mitarbeitern und reichlich Risikokapital. In erster Linie verdient das Unternehmen daran, gesponserte Petitionen prominent zu platzieren und mit Werbung zu versehen. Aber auch die Daten der registrierten Nutzer spielen eine Rolle: change.org steht schon länger in der Kritik, E-Mail-Adressen mit Drittpartnern zu teilen.

Für das Sammeln und den Umgang mit seinen Nutzerdaten bekommt change.org am heutigen Freitag einen BigBrotherAward verliehen (ab 18 Uhr im Livestream). Der Negativpreis wird jährlich vom Verein Digitalcourage an Firmen und Institutionen vergeben, die besonders rücksichtslos private Daten sammeln. Die Idee ist es, die Akteure öffentlich zu nennen und bloßzustellen, weshalb diese traditionell der Preisverleihung fernbleiben.

Change.org ermöglicht Persönlichkeitsprofile

"Der Umgang von change.org mit den Daten von Unterzeichnern ist problematisch", sagen die Laudatoren Peter Wedde und Sönke Hilbrans. "Neben Name, Adresse und Mailadresse sammelt das Unternehmen nämlich auch Informationen dazu, welche Petitionen konkret unterstützt wurden." Damit könnten Nutzer gezielt auf ihre Interessen oder politische Meinung hin analysiert und mit Werbeangeboten oder anderen Petitionen konfrontiert werden, es könnten also Persönlichkeitsprofile erstellt werden.

In dieser Hinsicht verstoße change.org gegen das deutsche und europäische Datenschutzrecht, sagten die Laudatoren. Ein Gutachten des Netzwerks Datenexpertise um den Datenschutzexperten Thilo Weichert kam im vergangenen November zu einem ähnlichen Ergebnis.

Der Verfassungsschutz: 65 Jahre Skandale

Den Preis in der Kategorie Lebenswerk bekommt in diesem Jahr der Verfassungsschutz. Nachdem in den vergangenen Jahren bereits der Bundesnachrichtendienst und Kanzlerin Angela Merkel persönlich ausgezeichnet wurden, ist nun also die nächste deutsche politische Institution an der Reihe. Das war überfällig, sagt Bürgerrechtsaktivist und Jurymitglied Rolf Gössner: Seit 65 Jahren sei der Verfassungsschutz schließlich für Skandale, Machtmissbrauch und Bürgerrechtsverletzungen verantwortlich.

Zuletzt stand der Verfassungsschutz vor allem aufgrund der NSU-Affäre im Mittelpunkt. Auch dank zahlreicher Pannen, Geheimniskrämerei und einem fragwürdigen Geflecht aus V-Männern blieb die Mordserie des NSU über Jahre hinweg unentdeckt. Nun soll der Verfassungsschutz reformiert werden, doch die Kritiker zweifeln, ob sich an einem seiner größten Probleme dadurch etwas ändert: Eine stärkere parlamentarische Kontrolle des Organs würde sich durch die angedachte Reform nämlich kaum ergeben.

Die Spionage unbescholtener Bürger sei dem Verfassungsschutz ebenfalls nicht fremd, heißt es in der Begründung der Laudatoren. Wie im Februar 2015 bekannt wurde, bekam der Inlandsgeheimdienst mutmaßlich Zuschüsse in Millionenhöhe, mit denen die Überwachung von Inhalten im Internet und sozialen Netzwerken vorangetrieben werden sollte. Die Enthüllungen des Blogs netzpolitik.org führten dazu, dass die verantwortlichen Journalisten vergangenen Sommer des Landesverrats angeklagt wurden. Die Posse hat wohl ebenfalls ihren Teil dazu beigetragen, dass der Verfassungsschutz nun den BigBrotherAward erhält.